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Meinung Pakistan helfen
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22:35 16.08.2010
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20 Millionen Menschen sind von den Monsun-Fluten betroffen, Seuchen breiten sich vor allem wegen des schmutzigen Wassers aus. Kinder werden zu Waisen, Frauen verlieren ihre Männer. Und die Staatengemeinschaft hat die Dimension der Naturkatastrophe tagelang unterschätzt: Während die Regierungschefs auf der Nordhalbkugel in den Urlaub entschwanden und halb Europa dösend am Strand lag, ging Pakistan sang- und klanglos unter.

Richtig ist aber auch: Das Wasser wird zurückgehen, und die großen und kleinen Hilfsorganisationen mit ihren engagierten Mitarbeitern werden kommen und wieder einmal Berge versetzen. Vorrangig werden sie die Ausbreitung von Krankheiten verhindern und Essen ausgeben, später wird es um den zivilen Wiederaufbau gehen. Die internationalen Hilfen laufen an, allein aus Brüssel und den Mitgliedsstaaten der EU sollen 72 Millionen Euro Soforthilfe fließen. Schon binnen weniger Tage wird man sehen, dass noch viel mehr Geld gebraucht wird.

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Noch ist das Land nicht verloren

Die Rettung Pakistans ist ein großes Projekt, und es geht dabei nicht allein um finanzielle oder technische Hilfestellung. Das Land leidet nicht nur unter der Flut – es leidet vor allem unter seiner katastrophalen politischen Lage. Es ist eine Groteske, dass Präsident Ali Zardari auf einer Auslandsreise gerade in Paris und London Staats- und Regierungschefs traf, während sein Land in den schlammigen Wassermassen versank. Doch es geht um viel mehr als Stilfragen, es geht um Zeichen der erschreckenden Instabilität eines regional bedeutsamen Staates. Und da bot Pakistan schon immer das volle Programm: Korruption und Vetternwirtschaft sind der einzige blühende Zweig der pakistanischen Ökonomie, die Militärregierungen in Islamabad haben immer wieder alle zarten Pflänzchen der Demokratie niedergetrampelt, und obendrein fällt das Land immer wieder unangenehm auf durch geheime Deals mit den Extremisten; für Taliban und Terroristen von Al Qaida ist das Land weiterhin ein Unterschlupf.

Schon glauben viele, die politischen Nutznießer der Flut zu kennen: islamistische Gruppen. In der Tat sind fundamentalistische Organisationen jetzt ganz nah dran an den Opfern. Sie versuchen wieder einmal, Herzen und Hirne der Menschen zu gewinnen – während der pakistanische Staat sich desinteressiert oder desorganisiert zeigt.

Dennoch sollte man sich hüten, die Atommacht Pakistan schon an die Extremisten verloren zu geben. Bei den vergangenen Wahlen haben die Pakistaner jedenfalls ganz überwiegend nicht extremistisch gewählt. Und noch ist Pakistan kein verlorener Staat, sondern ein Schlüsselland in einer spannungsreichen Weltregion, die man auf keinen Fall absaufen lassen darf, weder physikalisch noch politisch.

Es geht um die Menschen

In Deutschland gab es in den vergangenen Tagen eine Debatte darüber, inwieweit Pakistan ein „Imageproblem“ habe . Manche sagen, jedes Land mit den Endsilben „istan“ habe es schwer: Auch Afghanistan, Tadschikistan oder Usbekistan erschienen den Deutschen nicht nur besonders fern und fremd, sondern auch besonders gefährlich und unberechenbar. Doch solche beinahe feuilletonistischen und letztlich egozentrischen Betrachtungsweisen helfen nicht weiter.

Erstens geht es in diesen Tagen ganz einfach um Menschen, die dringend Hilfe brauchen. Die Bauern in Pakistan, die vor den Trümmern ihrer Existenz stehen, können nichts für ungerechte und korrupte Regierungen in ihrem Land. Sollen sie dafür bestraft werden, dass der Staat und seine Bürokraten versagen? Dass das Land mit seinen Koranschulen für die Armen als Wiege der Taliban gilt? Dass es den Mächtigen in Islamabad stets wichtiger erschien, die Atombombe zu besitzen als das Land wirtschaftlich zu entwickeln?

Zweitens helfen die Europäer, indem sie Pakistan helfen, am Ende sogar sich selbst. Zu Recht wird im Westen der militärische Konflikt im benachbarten Afghanistan als eine wichtige Auseinandersetzung zwischen Fundamentalismus und Moderne beschrieben, deren Ausgang das 21. Jahrhundert prägen werde. Auch in Pakistan wird es jetzt ein solches Ringen geben: Der Westen kann, wenn er schnell und großzügig hilft, den Gang der Geschichte beeinflussen.

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