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Meinung Der Papst läutet die grüne Glocke
Nachrichten Meinung Der Papst läutet die grüne Glocke
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21:23 18.06.2015
Von Matthias Koch
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Der Katholik Jeb Bush kam am Donnerstagmorgen ins Schleudern. Reporter stellten dem US-Präsidentschaftsbewerber unerwartet eine Art Gretchenfrage: Der Papst habe, wie soeben aus Rom gemeldet werde, mehr Klimaschutz verlangt – wie passt das zusammen mit dem Programm der US-Republikaner?

Jeb Bush ist, anders als George Bush senior und George Bush junior, vor vielen Jahren der katholischen Kirche beigetreten, seiner aus Lateinamerika stammenden katholischen Frau zuliebe. Nun rang er um Worte. Er werde „bei allem Respekt vor dem Papst“ eine Strategie des Wachstums verfolgen, allerdings müsse man, da habe der Papst ganz recht, auch dieses und jenes bedenken ...

Nie zuvor hat ein Papst mit einer Enzyklika so schnell die Welt verändert – jedenfalls ein bisschen. Plötzlich hält in den USA das Establishment inne, kratzt sich am Kopf und blickt auf anklagende Zeilen wie diese: „Jene, die mehr Ressourcen besitzen und mehr ökonomische oder politische Macht, scheinen sich darauf zu konzentrieren, die Umwelt- und Klimaprobleme zu verschleiern.“ 

In Deutschland wird jetzt die Sympathie für Papst Franziskus weiter steigen. Dass soeben der Klimaforscher Hans Joachim Schellnhuber vom Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung in die Päpstliche Akademie der Wissenschaften aufgenommen wurde, ließ nicht nur in Ökokreisen eine Glocke läuten. Es spricht für ein erfreuliches neues Zusammenwirken von katholischer Kirche und den Wissenschaften.

Auch für die parteipolitische Szenerie in Deutschland werden die neuen Signale aus dem Vatikan Folgen haben. Nie zuvor bekamen die Grünen so viel Rückenwind aus Rom, nicht für ihre Partei, aber doch für ihre Denkansätze. Dies wiederum wird einige mit der katholischen Kirche nach wie vor eng verbundene Wählerschichten von CDU und CSU nachhaltig beeindrucken.

Bewahrung der Schöpfung: So ließ sich schon immer die Schnittmenge dessen definieren, was die Union gern unterschrieb und was auch den Grünen gefiel. Leute wie Jürgen Trittin, klarer Fall, sprachen über Umweltschutz in weniger salbungsvollen Worten. Grinsen linke Altgrüne, wenn der Papst jetzt auf Franz von Assisi verweist, den Heiligen, der mit Vögeln und Blumen sprach? Egal. Vielleicht hat der Papst in dieser Woche nicht nur die US-Republikaner aus dem Tritt gebracht. Vielleicht hat er auch noch, ohne dass es ihm darauf ankam, bei Weichenstellungen für Schwarz-Grün in Berlin geholfen.

Jörg Kallmeyer 18.06.2015
17.06.2015