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Meinung Putin und Tsipras fühlen sich stark
Nachrichten Meinung Putin und Tsipras fühlen sich stark
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21:25 17.03.2015
Von Matthias Koch
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Angela Merkel bekam dieser Tage Beifall von unerwarteter Seite. „Sie übernimmt endlich politische Führung“, schrieb Joschka Fischer, der einstige grüne Außenminister, in einem neuen Aufsatz. Ob Ukraine oder Griechenland, Merkel nehme die Herausforderungen frontal an: „Das ist eine neue Rolle für Deutschland.“

In der Tat haben sich noch nie so viele Kompassnadeln weltweit in Richtung Berlin ausgerichtet. In den USA räumen Regierungsbeamte ein, Merkel habe bessere Drähte zu Wladimir Putin als der Chef im Weißen Haus. In der EU wird von Merkel auch die Entschärfung der Griechenland-Krise erwartet. Das Augenmerk liegt jetzt weniger auf dem Brüsseler Gipfel Ende der Woche als auf dem vielleicht wirklich schicksalhaften Besuch des griechischen Premiers Alexis Tsipras am Montag im Kanzleramt.

Putin und Tsipras haben Gemeinsamkeiten. Sie fühlen sich stark, sie gehen ans Limit, sie glauben an nationale Alleingänge, sie verachten die EU. Beide machen derzeit weltweit Schlagzeilen, beide meinen, sie hätten auch schon eine Menge bewirkt.

Doch was genau hat sich de facto verändert? Russlands Ökonomie ist ins Taumeln geraten, nie zuvor wurde so viel Geld aus dem Land abgezogen wie jetzt. Griechenland steht finanziell direkt am Abgrund - und könnte in ein paar Tagen einen Schritt weiter sein.

Zugleich ist die Bedeutung Berlins in der Weltpolitik massiv gewachsen - auf ein seit Gründung der Bundesrepublik nie da gewesenes Niveau. Ist es das, was Putin und Tsipras wollten? Bewirkt jedenfalls haben sie es. Und die Liste ihrer Erfolge ist noch länger.

Alle anfänglichen Querelen zwischen Merkel und François Hollande zum Beispiel sind längst zur Nebensache geworden. Denn Putin hat Berlin und Paris zu einer neuen Hand-in-Hand-Diplomatie bewogen. Tsipras wiederum muss damit rechnen, dass Merkel erst die Reihen in der EU gegen Athen schließt - und dann auch noch an ihm vorbei mit der Masse der Griechen kommuniziert. Wenn Merkel die Diskussion um die Reparationsfrage nicht juristisch angeht, sondern eher moralisch, und sich insofern offen zeigt für eine Politik der ausgestreckten Hand, macht sie alles richtig. Und umso strenger kann sie bleiben, was unterschriebene Regeln und Verträge angeht.

Schon oft in der Geschichte haben jene, die sich anfangs selbst laut auf die Brust schlugen, das leise Wachsen der Macht ihrer Gegenspieler verkannt.

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