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21:33 12.12.2013
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Aus dem Mund eines Funktionärs klangen die Worte geradezu euphorisch. „Jetzt kann jeder seine freie Meinung äußern“, sagte Thomas Bach, Präsident des Internationalen Olympischen Komitees (IOC), über die Protestzonen von Sotschi. Jene Areale, die die Gastgeber der Winterspiele 2014 für Demonstrationen ausweisen wollen – nachdem Russlands Präsident Wladimir Putin die Zonen zunächst verbieten wollte.

Bedauerlich, dass dem obersten Olympioniken nicht mehr einfiel, als diese Bereiche unreflektiert als Errungenschaft der freien Meinungsäußerung zu feiern. Dass sie jemand nutzen wird, um das russische Anti-Homosexuellen-Gesetz oder die Repressalien gegen Oppositionelle anzuprangern, ist zu bezweifeln. Man mag Bach zugutehalten, dass er diese Putin-Spiele von Vorgänger Jacques Rogge geerbt hat. Doch man muss ihm vorwerfen, dass er sich bei kontroversen Themen um klare Antworten drückt – und mehr noch: dass den Athleten eine Meinungsäußerung nach wie vor untersagt ist.

Das Rascheln der Scheine

Das IOC lässt sich bei der Vergabe der Spiele mehr vom Rascheln der Scheine denn vom Aufschrei der Menschenrechtler beeindrucken. Warum sonst werden die Spiele an Länder vergeben, in denen die Voraussetzungen fragwürdig sind? In denen das passende Wetter erzwungen, die Natur zerstört werden muss? In denen autoritäre Machthaber den Glanz des Sports zur Imagepolitur nutzen? Wie bei Putins Sotschi-Inszenierung: Bei den Winterspielen im Februar verspricht das Wetter sommerlich zu werden, das Klima auf der Ehrentribüne dagegen eisig. In seiner Profitgier übertroffen wird das IOC nur vom Fußball-Weltverband FIFA, der seinen Sportlern 2022 in Katar eine WM bei 52 Grad im Schatten zumuten will.
Der Preis, den die Gastgeber für die weltweite Aufmerksamkeit zahlen, ist hoch. Sie geben praktisch ihren Haustürschlüssel beim Veranstalter ab. Auch Deutschland hat diese Erfahrungen bei der WM 2006 gemacht, als die FIFA alles reglementierte. Sie schrieb sogar vor, von welchem Hersteller die Mannschaftsbusse kommen mussten und mit welcher Kreditkarte bezahlt werden durfte.

Doch was den aufgeklärten Bundesbürger aufregte, gehört für den Bürger im autoritären System oft zum Alltag. Das erleichtert IOC und FIFA die Veranstaltungen in solchen Ländern – während die Deutschen der Regulierungswut der Verbände überdrüssig sind. Die Ablehnung der Olympiabewerbung Münchens hat dies gezeigt. Dabei müsste man für Olympia oder Fußball nicht werben; beides genießt weltweit große Sympathien. Doch Proteste gegen Großveranstaltungen können nur Autokratien unterbinden, Demokratien mit ihren Kontrollmechanismen und Bürgerbeteiligungen nicht.

Was wäre die Alternative? Man könnte ewige Winterspiele in Lillehammer austragen, dem norwegischen Schneeidyll, Sommerspiele immer in der Sonne von Los Angeles abhalten und die Fußball-WM zwischen Deutschland und England wechseln lassen. Doch auch die Menschen in Ländern anderer politischer Systeme haben ein Recht auf Großveranstaltungen vor ihrer Haustür – und obendrein erkannt, dass sie das Image ihres Landes steigern können, wenn sie nur ihren Emotionen freien Lauf lassen. Deutschland 2006, Südafrika 2010 und London 2012 haben die Welt mit ihrer Fröhlichkeit angesteckt. Aber Peking 2008? Die Erinnerungen an die chinesischen Spiele lösen Beklemmungen aus. Für Sotschi ist Ähnliches zu befürchten.

Ausverkauf von Werten

Leider nutzen IOC und FIFA die moralische und gesellschaftliche Kraft des Sports nicht – sondern verkaufen ihre eigenen Werte wie die olympische Charta, die Diskriminierung jeglicher Art ächtet.
Die Konsequenz kann nur lauten, dass sich Proteste nicht auf markierte Zonen reduzieren. Sportler müssen sich überall äußern dürfen, ohne in ihrem Sport eingeschränkt zu werden. Und auch Funktionäre und Politiker müssen Stellung beziehen. Zum russischen Gesetz zur Diskriminierung von Schwulen schweigt IOC-Präsident Bach bis heute. Und auch Bundespräsident Joachim Gauck hätte sich durchaus deutlicher zu seiner Sotschi-Absage äußern dürfen.

Es wäre gewiss naiv zu glauben, dass Putin seine umstrittenen Dekrete in die olympische Flamme wirft. Aber die Welt muss ihm sagen dürfen, dass er es tun sollte, auch in Sotschi. So viel Freiheit muss sein, wenn die Vergabe von Großveranstaltungen einen Sinn haben soll. Wenn sie einen Wandel einleiten soll.

In Peking gab es übrigens auch Protestzonen. Genutzt hat sie fast niemand – die  Angst vor Bestrafung war zu groß.

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