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Meinung Rainer Wagner über den Pferdefleisch-Skandal
Nachrichten Meinung Rainer Wagner über den Pferdefleisch-Skandal
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21:51 20.02.2013
Von Rainer Wagner
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In der Regel dürfte es den Gäulen zu Lebzeiten besser gegangen sein als der armen Sau in der Massentierhaltung.

Trotzdem betreiben wir jetzt mit Genanalysen von Hackfleischresten Quellenforschung. Wir suchen nach den Fälschern mit der kriminellen Energie und übersehen dabei, dass wir alle Mittäter sind: Mitschuldige wegen unterlassener Hilfeleistung. Unmündige Verbraucher, die sich allzu gerne einen Bären aufbinden lassen. Und gäbe es mehr echte Bären, würden wir die irgendwann auch freiwillig oder unfreiwillig schlucken.

Es geht gar nicht ums Geld

Wir haben keinen Respekt vor dem Essen. Und das bedeutet, dass wir auch keinen Respekt vor uns selbst haben. Dass Lebensmittel nicht nur Überlebensmittel, sondern auch Genussmittel sein sollten, kommt in unserem Alltag viel zu kurz.
Warum wundert sich eigentlich niemand darüber, wie billig viele Fertigprodukte sind? Niemand würde einen neuen VW-Golf kaufen, der nur 5000 Euro kostet (er würde ihn zumindest genauestens überprüfen). Aber wir schieben uns Fertiglasagne zum Spottpreis in die Mikrowelle.
Wie viel Häme ist über Peer Steinbrück hereingebrochen, als er bekannte, er würde keinen Pinot grigio trinken, der weniger als fünf Euro kostet. Dabei muss man kaum mehr als zwei und zwei zusammenzählen können, um zu begreifen, dass ein Wein für 2,63 Euro (pro Liter!) nicht viel taugen kann: Genauso viel aber gibt der deutsche Verbraucher im Schnitt für einen Wein aus. Immerhin ist ihm der einheimische Wein geringfügig mehr wert.

Aber geht es nur ums Geld? Ist schlechtes Essen ein Unterschichtenphänomen?
Wer mehr Respekt und mehr Geld für gutes Essen fordert, der wird schnell mit zwei Gegenargumenten konfrontiert: Die Menschen hätten eben keine Zeit und manche auch kein Geld. Gerne wird dann die alleinerziehende Mutter zitiert, die nach zwei Mini-Jobs zu erledigt ist, um mehr als den Dosenöffner zu bedienen. Die mag es geben, aber nur von solchen Verbrauchern könnte die Nahrungsmittelindustrie nicht so prächtig leben.
Schon eher von den Besuchern der florierenden Kochschulen, die am Wochenende in ihren Hightech-Küchen den Witzigmann geben, unter der Woche aber doch schnell ein Fertiggericht aufwärmen, weil es schnell gehen soll. Zum Lesen des Kleingedruckten wie den Inhaltsangaben reicht die Zeit dann auch nicht.

Aber was machen die Menschen eigentlich mit der Zeit, die sie sparen? Wäre es nicht kontemplativer, sich für eine halbe Stunde in die Küche zu stellen und selbst eine Tomatensoße zu den Spaghetti zuzubereiten? Wenn die Kinder dabei mithelfen dürften, wäre das eine Schule fürs Leben. Obendrein kostet eine selbst gemachte Tomatensoße, wie die Verbraucherzentrale Hamburg errechnet hat, nur ein Drittel eines Fertigprodukts. Und das Wichtigste: Man weiß dann genau, was drin ist. Vielleicht sollten die Zuschauer der vielen TV-Kochshows daran denken, dass diese Sendungen nicht nur unterhalten, sondern auch zum Nachmachen animieren sollen. Was für Sportübertragungen und Liebesfilme ja auch gilt. Also heißt das Motto: Koch doch! Aufwärmen allein zählt nicht.

Appetit mit Respekt

Am Geld mangelt es den meisten weniger als am Willen, es für Qualität auszugeben. Die Haushalte in Deutschland reservieren knapp 15 Prozent ihrer Konsumausgaben für Nahrungsmittel. Und da sind Getränke und Tabakwaren mitgezählt.

Um 1900 gaben die Menschen noch die Hälfte ihres Geldes für ihre Ernährung aus. Ob die Produkte damals alle gesünder als heute waren, darf man zwar bezweifeln, aber die Leute wussten zumindest, was sie taten. Und weil ihnen das liebe Vieh auch teuer war, gingen sie anders damit um. Vom legendären Arme-Leute-Essen ließe sich heute vieles lernen. Das Wort Nachhaltigkeit kannte man damals noch nicht, aber man setzte das um, was heute unter dem albernen Begriff „Nose-to-Tail-Eating“ populär wird: Man aß das Tier von der Schnauze bis zum Schwanz (und auch das, was dazwischen und im Inneren liegt) und brachte ihm so Respekt entgegen. Und einen gesunden Appetit.