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Meinung Reinhard Urschel über Deutschlands alte Leute
Nachrichten Meinung Reinhard Urschel über Deutschlands alte Leute
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08:12 24.03.2012
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Hannover

Glücklich ist, wer das von sich behaupten kann, denn die Gesellschaft erwartet genau dies. Die Ankündigung, dass wir es im bundesdeutschen Alltag über kurz oder lang mit den fidelen Alten zu tun bekommen, ist ja nun nichts Neues. Aber es gibt ein paar versteckte oder auch dick aufgetragene Hinweise, dass es langsam ernst wird. Ein deutliches Indiz ist der nun schon sehr lange anhaltende und immer wieder anschwellende Ruf nach der Generation Guru. Wann immer die bundesrepublikanische Gesellschaft ein Problem erkennt, das nicht allein mit herkömmlicher Gesetzesmechanik oder mit dem Einsatz von Finanzbürgschaften zu lösen ist – wenn also persönlicher Einsatz und Einfühlungsvermögen erforderlich sind –, immer dann werden die Altvordern unter den Eliten beschworen.

Nach dem Sündenfall im höchsten Staatsamt haben unabhängig voneinander meinungsstarke Publizisten dieses Landes ernsthaft vorgeschlagen, eine Art Ältestenrat ins Leben (zurück)zurufen, der über die Einhaltung von Moral und Anstand in den höchsten Ämtern des Staates wachen sollte. Es sind immer die gleichen Namen ins Spiel gebracht worden: Helmut Schmidt, Richard von Weizsäcker, Roman Herzog, Hans-Jochen Vogel, Altbischof Wolfgang Huber. Dass auch Margot Käßmann genannt wird, ist altersbedingt grob uncharmant, aber dafür ehrenvoll. Sicher Zufall ist es aber, dass nach der Pleite mit dem jüngsten Präsidenten nun der Nachfolger ein stattliches Alter vorzuweisen hat. Die Erwartungen an Joachim Gauck sind folglich hoch.

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Diese Leute, vollgepumpt mit Lebenserfahrung, mit verwitterten Physiognomien geadelt, sollen einschreiten, wenn die gesellschaftliche Verödung allzu rasch voranschreitet, die politische Unkorrektheit allzu offensichtlich und die intellektuelle Blässe allzu auffällig wird. Wir haben große, alte Männer, keine Frage. Man kann das beruhigend finden, weil sie in Zeiten großer Verunsicherung und Sehnsucht nach Autorität Sicherheit und Urteilsvermögen bieten. Bei allem Respekt vor dem Alter: Auf welchen Nostalgiezug sollen wir denn da aufsteigen? Ist nicht jede Generation für sich selbst verantwortlich?

Auffällig ist auch, dass den Alten unterschiedliche Rollen zugedacht sind. Während den politischen und gesellschaftlichen Eliten geistige Führung abverlangt wird, sollen Frau und Herr Mustermann, sobald sie in die Nähe der Udo-Jürgens-Evergreen-Linie von 66 Jahren kommen, entweder noch arbeiten oder sich anderweitig nützlich machen. Schließlich gibt es jenseits der ganz großen Fragen der Gesellschaft auch die kleinen alltäglichen. Auf dem Arbeitsmarkt etwa oder zur Schließung der Betreuungslücken beim seltenen und wertvollen Nachwuchs oder überhaupt, bei den Freiwilligendiensten. Die dafür infrage kommenden Alten sollen nicht wie die Ältestenräte auf dem Areopag herumsitzen und die Welt nach ihrer Vorstellung erklären, sie sollen auch nicht auf der Parkbank entspannen und die „Apotheken-Umschau“ studieren, sondern sie sollen ihre Schaffenskraft so lange wie möglich in den gesellschaftlichen Prozess einspeisen. Den Frührentnern erlaubt die Politik demnächst ein paar Euro mehr als bisher im Nebenerwerb. Ob das mehr gegen die Altersarmut hilft oder gegen das Parkbanksyndrom, ist fraglich. Ein zweites Beispiel für ein Einschwenken der Politik auf die neuen Alten: Wenn junge Mütter am Anfang ihres Berufslebens keine Auszeit nehmen können (oder wollen) zur Betreuung der Kinder, dann sollen es doch die Omas tun. Wenn sie noch berufstätig sind, bekommen sie eben Großelternzeit zugestanden.

Das Prinzip wird deutlich: Den Alten ist die Rolle der stillen Reserve zugedacht, jederzeit zuschaltbar – ob als Kinderhüter oder als Moralkeulen. Es ist ja schön, wenn heute sechzig wie früher vierzig ist oder siebzig wie fünfzig. Ob er aber so leben will, als wäre er tatsächlich zwanzig Jahre jünger, wird ja wohl jeder selbst entscheiden dürfen.

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