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Meinung Reinhard Urschel zu Joachim Gauck
Nachrichten Meinung Reinhard Urschel zu Joachim Gauck
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21:38 25.06.2012
Von Reinhard Urschel
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 Derweil haben Anhänger der Occupy-Bewegung den Versuch unternommen, mal wieder ein politisches Happening zustande zu bringen, und das Schloss Bellevue mit Grundgesetzbüchlein beschossen. Die selbstgebauten Katapulte waren freilich so schwach, dass die Verfassung noch vor dem Zaun auf der nassen Wiese landete.

Damit ist zugleich der Spannungs­bogen beschrieben, der sich über dem Beginn der Amtsperiode Gauck wölbt. Die Erwartungen an ihn sind von Anfang an groß gewesen. Die Zumutungen der Spätphase der Ära Wulff soll er vergessen machen, und zugleich soll er den nach mehr demokratischer Teilhabe lechzenden Bürgern ein Ombudsman und Fürsprecher sein. Den staatstragenden Teil der Erwartungen hat Gauck ziemlich glanzvoll erfüllt. Als selbst ernannter oberster Fürsprecher der Bürger in der Demokratie ist er noch auf der Suche nach seinem persönlichen Stil. Bisweilen ist diese Suche ein wenig forsch ausgefallen, war aber immer erfrischend.

Redet er zu viel?

Im Vergleich zu seinem Vorgänger ist Gaucks Einstieg ins Amt geradezu furios gelungen. Wulff ließ sich so lange Zeit mit seiner programmatischen Erklärung über sein Amtsverständnis, dass er schon den Beinamen „der Schweiger“ bekam. Womöglich hat nun die Flut von Gauck-Reden im Ausland und Inland einige Kommentatoren und Politikwissenschaftler derart erschreckt, dass aus diesen Reihen schon wieder ein Verdikt gesprochen worden ist: Er redet zu viel. Dies führt zu einer Erkenntnis nebenbei. Die Medien haben offenbar nach dem Erdbeben des wulffschen Abgangs noch keine neue, allgemein verbindliche Skala gefunden, an der sie den Präsidenten messen könnten. Ab wann redet einer zu viel?

Gauck weiß, dass er mit der Gabe der Rede gesegnet ist, und er verschleudert sein Talent nicht, sondern nutzt es fleißig. Schon in seiner Antrittsrede hat er geschichtspolitisch weit ausgeholt. Allein um das fleißig gestreute Vorurteil zu widerlegen, „der kann nur Freiheit“, hat er ein selten gehörtes tiefes Bekenntnis zu diesem Staat abgelegt. Er hat dafür den Begriff „Demokratiewunder“ geprägt, ein schöner, seelenvoller, eingängiger Ausdruck dafür, dass diese Staatsform wie ein hohes Gut, beim gelernten Pastor Gauck darf man getrost sagen: wie ein Gottesgeschenk, behandelt werden sollte. Damit setzt er freilich auch Maßstäbe, die nicht nach jedermanns Geschmack sind. Gauck zelebriert eine Liebe zum Vaterland, die einem seiner Vorgänger gewiss zu weit gegangen wäre. Vor der gleichen Bekenntnisfrage stehend, hat Gustav Heinemann den unübertrefflichen Satz geprägt, er liebe nicht Deutschland, er liebe seine Frau. Das heißt freilich nicht, dass Heinemann ein geringerer Patriot gewesen wäre.

Die Macht ausgereizt

Gauck hat in seiner kurzen Amtszeit schon sehr deutlich gemacht, dass er als politischer Präsident wahrgenommen werden möchte. Wer je die ebenso schlichte wie wahre Erkenntnis nachgebetet hat, die Macht des Präsidenten sei in Deutschland auf die Macht des Wortes beschränkt, darf nicht bekritteln, dass Gauck ebendiese Macht nutzt. Was uns leicht befremdet, ist allenfalls der Umstand, dass er ausprobiert, wie weit er diese Macht dehnen kann.

An dieser Stelle kommt er ausgerechnet der Bundeskanzlerin ins Gehege, die nicht zufällig am längsten mit ihrer Zustimmung zum Personalvorschlag Gauck gezögert hatte. Wenn ein Präsident im Ausland über die Frage redet, ob das Existenzrecht Israels tatsächlich zur deutschen Staatsräson gehört, dann darf ihm das niemand untersagen. Er muss aber wissen, dass die Kanzlerin dieses Verhalten nicht schätzen wird, zumal sie sich selbst präsidiale Angewohnheiten gönnt.

Der weitere Verlauf der Amtszeit Gaucks wird nicht davon abhängen, wie weit sich der Präsident von der Kanzlerin absetzt und wie sehr die Kanzlerin ihn ihre Eifersucht spüren lässt. Helmut Kohl und Richard von Weizsäcker hatten – gelinde gesagt – ein Nichtverhältnis. Auf das Urteil der Geschichte über beide hatte das keinen Einfluss. Bevor dieses Urteil im Falle Merkel und Gauck gefällt wird, werden es die beiden wohl noch eine Weile miteinander aushalten müssen.