Menü
Hannoversche Allgemeine | Ihre Zeitung aus Hannover
Anmelden
Meinung Simon Benne zur Vatikan-Affäre
Nachrichten Meinung Simon Benne zur Vatikan-Affäre
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
21:42 29.05.2012
Anzeige

Der Kammerdiener Paolo Gabriele, ein Mann aus dem engsten Umfeld Benedikts, wurde verhaftet. Der Papst soll erschüttert sein.

Intrigen bestimmen das Bild in Rom

Anzeige

Zum Thriller fehlen der Geschichte eigentlich nur die jugendlichen Helden. Denn als interne Ermittler hatte der Papst die Kardinäle Salvatore de Giorgi (81), Julián Herranz (82) und Jozef Tomko (88) mit Sondervollmachten ausgestattet. Die drei Detektive, die den Weg von Dokumenten nachverfolgten und Mitarbeiter befragten, sind aus dem Ruhestand zurückgerufen worden. Der Papst vertraut in dieser delikaten Angelegenheit also Männern, die bei den Machtkämpfen im Vatikan selbst jenseits von Gut und Böse sind. Allein das wirft ein Schlaglicht auf die Verhältnisse, die in der Zentrale der Weltkirche derzeit herrschen.

In den sieben Jahren seines Pontifikats ist es Benedikt XVI. nicht gelungen, einen effizienten, transparenten Verwaltungsapparat aufzubauen. Erst in der vergangenen Woche wurde der Chef der Vatikanbank, Ettore Gotti Tedeschi, gefeuert – weil er „grundlegenden Anforderungen“ seines Amtes nicht genügt habe. Als Nachfolger wurde gestern ernsthaft der frühere Bundesbankchef Hans Tietmeyer gehandelt. Der westfälische Katholik ist 80 Jahre alt.

Welche Motive der Kammerdiener für seinen Geheimnisverrat hatte, ist noch völlig unklar. Dass es Auftraggeber und Hintermänner geben muss, scheint vielen Beobachtern als ausgemacht. Womöglich, so spekulieren italienische Medien genüsslich, sollten die Indiskretionen vor allem Kardinalstaatssekretär Tarcisio Bertone schaden. Wo genau die Trennlinien zwischen den Machtblöcken und Seilschaften im Vatikan verlaufen und wer warum welche Strippen zieht, ist dabei kaum noch zu entwirren. Für Außenstehende ergibt sich nur das verheerende Bild einer Kirchenzentrale voller Intrigen und Missgunst. Berichte, dass man inzwischen sogar gegen einen leibhaftigen Kardinal ermittle, wies der Vatikan gestern zurück. Na, immerhin.

Viel erinnert in Rom derzeit an den Skandal um die Piusbruderschaft: Vor drei Jahren hatte der Papst die Exkommunikation von vier abtrünnigen Bischöfen aufgehoben. Aus der großen Schar der Papstberater hatte entweder niemand mitbekommen, dass einer von diesen, der unsägliche Richard Williamson, den Holocaust geleugnet hatte. Oder niemand hatte den Mumm gehabt, es dem Papst zu sagen. Oder seine Mitarbeiter hatten Benedikt mit Absicht ins offene Messer laufen lassen. In jedem Fall war schon diese Affäre ein Offenbarungseid für die Personalpolitik des Papstes gewesen.

Es wäre naiv zu glauben, dass es in kirchlichen Machtzentralen anders zuginge als in weltlichen. Aber es wäre fatalistisch zu glauben, dass sich an Missständen dort nichts ändern ließe. Denn diese haben ganz irdische Ursachen. Immer deutlicher zeigt sich beispielsweise, dass es im Wortsinne ein Kardinalfehler Benedikts war, Tarcisio Bertone, einen verdienten Mitarbeiter aus der Glaubenskongretation, 2006 zum Staatssekretär zu machen, also zum „Regierungschef“. Viele im Vatikan halten Bertone seit Langem für unfähig und werfen ihm Vetternwirtschaft vor, da er Brüder aus seinem Salesianerorden bevorzuge. Es wäre nur konsequent, wenn Bertone jetzt sein Scheitelkäppchen nehmen würde.

Der Papst ist hilflos

Der charismatische, politisch denkende Papst Johannes Paul II. hatte einst Mitarbeiter um sich geschart, die ganz andere Stärken hatten als er selbst – etwa den nüchternen Kopfmenschen und brillanten Gelehrten Joseph Ratzinger. Dieser hätte seinerseits als Papst ähnlich verfahren müssen. Stattdessen holte er mit Bertone einen Mann, der weder diplomatisches noch politisches Geschick oder ein Händchen für die Verwaltung hat – ähnlich wie Benedikt selbst. Dieser ist auch als Pontifex vor allem Intellektueller und Theologe geblieben. Machtkämpfen und Ränkespielen steht der Papst, der bei seinem Deutschlandbesuch im vergangenen Jahr eine „Entweltlichung“ der Kirche forderte, seltsam hilflos gegenüber. Mitten in der Krise fand er dafür jetzt Zeit für etwas ganz anderes: Er erhob die mittelalterliche Mystikerin Hildegard von Bingen zur Kirchenlehrerin.

28.05.2012
Stefan Winter 26.05.2012