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20:29 13.12.2013
Von Thorsten Fuchs
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Heute trifft man den 92-Jährigen in einem kleinen Ort in der Heide. Als einst die Juden in Auschwitz ankamen, stand der gleiche Mann, Oskar Gröning, an der Rampe und nahm ihnen ihr Geld ab. Er zählte es, trug den Betrag in seine Listen ein, und während seine Kameraden die Frauen, Männer und Kinder in die Gaskammern trieben, legte er die Scheine und Münzen in eine Holzkiste. Er wusste, was mit den Menschen geschah. Er fand es richtig. Und er leistete seinen Beitrag zu jener perversen Ordnung, mit der die SS die Ermordung von Millionen Menschen organisierte.

Gröning hat große Schuld auf sich geladen. Moralische Schuld. Die Frage ist: auch juristische Schuld? Sollte man Oskar Gröning jetzt noch anklagen? Einen Mann, der einen Rollator braucht, um in seinem Haus unweit von Lüneburg von der Couch in die Küche zu gelangen? Soll man ihm jetzt den Prozess machen, fast sieben Jahrzehnte nach Kriegsende, in denen selbst führende NS-Täter oft fast ungestraft davonkamen? Will die Justiz jetzt ausgerechnet bei den niederen Rängen nachholen, was sie bei den höheren so lange Zeit versäumte?

Die Opfer können diese Verfahren ...

Alles das sind Fragen, auf die die Staatsanwaltschaft in Hannover jetzt Antworten finden muss. Auf ihrem Tisch liegt die Ermittlungsakte Oskar Gröning, die die NS-Fahndungsstelle in Ludwigsburg zusammengestellt hat. Es geht nicht nur um ihn, den „Buchhalter von Auschwitz“. Insgesamt 30 Fälle haben die Ludwigsburger Staatsanwälte recherchiert und den örtlichen Anklagebehörden übergeben. Es geht um frühere Wachmänner in den Vernichtungslagern, aber auch um Köche oder eben: Buchhalter. Sie alle sind bislang nie angeklagt worden – und müssen nun auf ihre sehr alten Tage doch noch mit einem Prozess rechnen.

Was soll das alles jetzt noch? Worum soll es gehen? Um Resozialisierung und Prävention, die vornehmlichen Ziele deutscher Strafprozesse? Sicher nicht. Nicht bei Tätern, die ihr Leben überwiegend bestens integriert in Einfamilienhaussiedlungen verbracht und größtenteils hinter sich haben.

Geht es um Sühne? Alle diese Männer sind um die 90 Jahre alt. Wahrscheinlich würde keiner von ihnen seine Strafe verbüßen müssen. Einen 94-jährigen SS-Mann hatte die Staatsanwaltschaft Stuttgart im Mai festnehmen lassen. Die Begründung lautete allen Ernstes Fluchtgefahr. Vor wenigen Tagen ist Hans Lipschis wieder entlassen worden. Es gibt nun eine ärztliche Diagnose. Sie lautet auf beginnende Demenz.

Dem Versuch, diese Männer noch zur Verantwortung zu ziehen, haftet etwas Verzweifeltes und Fragwürdiges an. Merkt die Justiz jetzt erst, dass die letzten nicht mehr lange leben werden? Will sie jetzt panisch versuchen, die lange Untätigkeit durch späten Aktionismus zu kaschieren. Die NS-Fahnder selbst begründen ihren neuen Elan mit dem Urteil gegen John Demjanjuk. Das Landgericht München hatte den Wachmann im Lager Sobibor 2011 verurteilt, obwohl ihm keine einzige konkrete Tat nachgewiesen werden konnte. Eine „neue Rechtsprechung“ sei dies, erklärten die Ermittler und nahmen sich alte Verdächtigenkarten aufs Neue vor.

... als bloße Farce empfinden

Doch schon in den sechziger Jahren verurteilten Gerichte SS-Männer auch wegen Beihilfe. Der große Ankläger Fritz Bauer vertrat bereits damals die Ansicht, dass jeder, der in Auschwitz mitwirkte, schuldig sei. Wenn die NS-Fahnder diese These so überzeugend finden, dann bleibt rätselhaft, warum sie sich nicht schon viel früher auf sie beriefen. Zumal die angeblich neu entdeckten Täter ja überwiegend alte Bekannte sind. Der Buchhalter Gröning zum Beispiel hat seine Geschichte sogar schon seit den siebziger Jahren mehrmals vor Gericht erzählt – stets als Zeuge, nie als Angeklagter.

Dass es dennoch richtig ist, den letzten Versuch einer juristischen Aufarbeitung zu unternehmen, liegt an den Opfern und ihren Angehörigen. Natürlich empfinden viele diese verspätete Aktivität als bloße Farce. Zynisch wäre es jedoch, diesen Versuch mit Hinweis auf das Alter der möglichen Täter zu unterlassen. Den Opfern gegenüber gibt es eine moralische Schuld, die nicht verjährt. Vielen Überlebenden geht es nicht um hohe Haftstrafen. Es geht ihnen um ein Zeichen.
Die Staatsanwaltschaften sollten deshalb genau prüfen, wo eine Anklage noch aussichtsreich erscheint. Ein Auschwitzprozess im Jahr 2014, das wäre ein schwieriges, unsicheres Unternehmen. Doch gerade mit dem Blick auf die Opfer gilt: Es ist nie zu spät, das Richtige zu tun.

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