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Meinung Susanne Iden über Brustkrebs
Nachrichten Meinung Susanne Iden über Brustkrebs
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00:15 17.05.2013
Von Susanne Iden
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Angelina Jolie fürchtet sich in der Tat mehr als die meisten Frauen. Aber sie tut das zu Recht. Weil sie ein mutiertes Gen trägt, wird sie mit extrem hoher Wahrscheinlichkeit an Brustkrebs erkranken. Und mit dramatisch hoher Wahrscheinlichkeit wird sie sterben, wenn die Krankheit ausbricht. Ihre Mutter ist mit 56 Jahren qualvoll an dieser Krankheit gestorben.

Warum bewegt uns Angelina Jolie?

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Die Schauspielerin hat sich deshalb  vorsorglich die Brüste amputieren lassen. Und die Welt diskutiert erschreckt über den fehlenden Busen und darüber, was in so einem Fall richtig oder falsch ist. Auch hierzulande. Weil die Radikalität dieser Entscheidung an das Dilemma des modernen Menschen erinnert. Wir wissen nicht, was wir mehr fürchten sollen: die Grenzenlosigkeit des medizinisch Machbaren und Erlaubten – oder die Hilflosigkeit im Angesicht von Krankheit und Tod. Wie begegnen wir dem Leben, wenn es nicht mehr selbstverständlich ist?

Angelina Jolie hat sich entschieden, für mehr Sicherheit ein Stück körperlicher Identität aufzugeben. Eine Brust zu verlieren tut höllisch weh, am Körper, in der Seele. Es ist eine einsame und mutige Entscheidung. Auch in Deutschland fällt sie täglich. Von den rund 50 000 Frauen, die 2011 an Brustkrebs erkrankten, trugen 3500 das mutierte Gen BrCA1. Noch Ende der neunziger Jahre, als die vorsorgliche Amputation in den USA und den Niederlanden schon üblich war, haben sich hier nur fünf Prozent der Frauen mit genetisch bedingt hohem Krebsrisiko dafür entschieden. Heute sind es 30 bis 40 Prozent.

Das ist keine Mode. Es folgt auch keinem unheimlichen  Trend zur Optimierung des körperlichen Selbst. Es ist schlicht das Ergebnis medizinischer Forschung, die einer kleinen Gruppe von extrem gefährdeten Frauen Optionen eröffnet. Ihr Krebsrisiko sinkt nach dem Eingriff auf das „normale“ Maß von zehn bis zwölf Prozent. Die normale Vorsorge kann ihnen das nicht bieten.

Und doch verweist die Amputation von Jolies Brüsten auf eine empfindliche Stelle  im geradezu religiös ausgefochtenen Glaubensstreit zwischen Akzeptanz und Kampf. Die meisten Frauen denken gar nicht daran, zwei gesunde Brüste amputieren zu lassen, weil irgendwann der Krebs in ihnen wuchern könnte. Sie wollen sich eher zu gegebener Zeit der Krankheit stellen und den Therapeuten anvertrauen. Auch das ist eine mutige Entscheidung. Andere aber, vor allem solche mit extrem hohem Risiko, kann der Gedanke an den lauernden Feind in ihrem Körper mürbemachen. Sie hangeln sich von Vorsorge zu Vorsorge und zittern tagelang, bis das Ergebnis da ist. Sie wissen: Die Früherkennungsrate ist bei ihnen besonders niedrig. Das Warten auf den ersten Schlag kann das Leben zur Qual machen. Es geht um Krebs, also um Leben und Tod und darum, ob eine junge Frau ihre Kinder aufwachsen sehen wird. Auch bei Weltstars.

Was kommt noch?

Aus der Warte des Unversehrten, des nicht Bedrohten, lässt sich locker warnen vor dem Irrglauben, ein radikaler Schnitt banne alle Gefahren. Aus der Position des in Gottvertrauen Verankerten auch. Die Versuchung ist groß, die Entscheidungsfreiheit des Individuums und das berechtigte Regulierungsbedürfnis der Gesellschaft als Gegensatz zu stilisieren.

Die Fragen sind alle wichtig: Wie weit kann ein Mensch in seiner Angst gehen, ohne dass er sich vermeintlich therapeutischen Exzessen ausliefert? Wächst der Druck von Krankenkassen über Ärzte auf Patienten, in allen möglichen Bereichen potenzielle Risiken vorsorglich wegoperieren zu lassen, um spätere Kosten zu vermeiden? Dürfen wir nicht mehr mit Anstand krank sein? Wenn’s eh schon möglich ist – kommt als Nächstes die Pflicht, das eigene Erbgut auf Risikofaktoren untersuchen zu lassen? Wer erfährt vom Ergebnis des Gentests?

Im medizinethischen Diskurs sind diese Fragen drängend. In der Debatte um vorsorgliche Brustamputationen sind sie lebensfremd. In der „New York Times“ hat Angelina Jolie über ihre Erfahrung geschrieben. Gut möglich, dass sie damit das eine oder andere Frauenleben retten wird. Nicht, weil Amputationen unbedingt das Mittel erster Wahl wären. Aber weil gefährdete Frauen das Recht haben, über alle Optionen informiert zu werden. Und angstfrei zu entscheiden.

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