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Meinung Es geht um mehr als die Wurst
Nachrichten Meinung Es geht um mehr als die Wurst
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00:18 09.01.2015
Von Stefan Winter
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Es gibt Themen, über die kann man in Deutschland nicht vorsichtig genug sprechen. Nürnberger Bratwürste, zum Beispiel. Das hat Christian Schmidt jetzt gelernt, der zwar schon seit einiger Zeit Agrarminister ist, aber noch nicht so oft in den Medien auftrat. Sein Satz, dass man in einem Freihandelsabkommen mit den USA „nicht mehr jede Wurst und jeden Käse als Spezialität schützen“ könne, entfachte eine Empörung, der er auch durch heftiges Rudern nicht mehr entkam. Nürnberger Rostbratwürstchen, schob der in der Gegend geborene Schmidt schnell nach, sollten auch künftig nicht aus Kentucky kommen dürfen.

Man sollte Schmidt für seinen PR-Unfall dankbar sein. Er lenkt den Blick wieder auf das TTIP-Abkommen, dem es nur gut tun kann, das Wichtige vom Unwichtigen zu trennen. Dass die von Marketingverbänden ausgeschlachteten regionalen Label zum Wichtigen gehören, darf man bezweifeln. Wer herausfinden möchte, wie welche Herkunftsbezeichnung zu verstehen ist, kann schon heute Stunden mit Verordnungen verbringen und weiß hinterher, dass für Schwarzwälder Schinken kein Schwein aus dem Schwarzwald sterben muss.

Doch wie schon das legendäre Chlorhuhn bringen Schinken, Käse und Bratwürste immerhin ein sperriges Thema auf die Agenda, das die Diskussion wert ist. Hinter der holprigen Abkürzung TTIP (als Aussprache hat sich „Tietipp“ eingebürgert) verbirgt sich der Plan zur größten Freihandelszone der Welt – mit allen Vor- und Nachteilen, die in so einem Riesenprojekt Platz haben. An beidem fehlt es nicht.

Befürworter und Kritiker haben sich längst in ihren Schützengräben verschanzt. Deshalb ist der von Wirtschaftsminister Sigmar Gabriel gestartete Versuch so wichtig, eine sachliche Diskussion über das Projekt zu organisieren. Am Ende werden nicht die bisherigen Wortführer unter Freunden und Kritikern über das Ergebnis entscheiden. Es werden Kompromisse nötig sein, und ja: Vielleicht gibt es dann sogar „Bratwürstchen nach Nürnberger Art“ aus Kentucky. Es gibt auch VW Passats aus Tennessee. Wenn die Vorteile überwiegen, mag es so sein. Entscheidend ist, dass die Bürger am Ende der Diskussion genug über das Ergebnis wissen, um sich selbst ein Bild zu machen. Die Verhandlungen und ihr Ergebnis müssen transparent sein. Dafür bleibt noch genug Zeit. Denn so eilig, wie man es einmal wollte, werden eine gerade erst formierte EU-Kommission und eine US-Regierung vor der Wahl das Thema kaum bewältigen können.     

Dirk Schmaler 08.01.2015
Klaus Wallbaum 08.01.2015