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Meinung Tödliche Enge
Nachrichten Meinung Tödliche Enge
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22:41 25.07.2010
Von Thorsten Fuchs
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Die Veranstalter setzten die Loveparade fort, obwohl die ersten Nachrichten von der Katastrophe in Duisburg bereits um die Welt gingen.

Das Festhalten der Organisatoren am gewohnten stampfenden Rhythmus aus den Großlautsprechern war, so makaber es erscheinen mag, eine der wenigen Entscheidungen, an deren Richtigkeit am Tag nach der Katastrophe niemand zweifelt: Den jugendlichen Besuchern zunächst nichts von dem zu sagen, was sich ereignet hatte, war der sicherste Weg, zumindest eine zweite Panik zu verhindern.

Umso beklommener fühlten sich viele Teilnehmer, als sie später von der traurigen Bilanz erfuhren: 19 Menschen starben, und 342 wurden verletzt, als es auf dem einzigen offenen Weg zu der riesigen Technoparty in Duisburg zu einer tödlichen Enge gekommen war.

Das Knacken der Millionengrenze...

Jetzt erhebt sich ein schrecklicher Verdacht: Haben die Veranstalter und die Stadt Zweifel an der Sicherheit dieser Love­parade ignoriert? Haben sie auf Gedeih und Verderb eine Veranstaltung durchgezogen, für die das Gelände möglicherweise einfach eine Nummer zu klein war?

Es bedeutet keinen Mangel an Pietät, diese Fragen jetzt bereits zu stellen, noch im Moment der Trauer. Zu massiv sind die Bedenken und Warnungen schon vor Beginn der Parade gewesen, als dass man das Geschehen achselzuckend als Verkettung unglücklicher Umstände abtun könnte.

Das Gelände in Duisburg hat nur eine beschränkte Kapazität. Es wird teils von einer Autobahn, teils durch Bahngleise eingegrenzt. Und es gab schon vor der Parade Hinweise darauf, dass zu diesem Gelände die Zahl der erwarteten Besucher nicht passt. Mit einer Million junger Menschen haben die Veranstalter in Duisburg gerechnet – was angesichts von 1,6 Millionen Ravern bei der letzten Loveparade zwei Jahre zuvor in Dortmund ohnehin schon zurückhaltend kalkuliert war. Das Gelände fasste jedoch nur bis zu 500.000 Menschen. Die Beteuerungen eines städtischen Mitarbeiters in der vergangenen Woche, man werde Engpässe „problemlos steuern können“, klingen im Nachhinein wie Hohn. Es soll auch Warnungen von Polizei und Feuerwehr gegeben haben, die unter anderem deutlich mehr Sicherheitskräfte entlang der Strecke forderten. Noch kurz vor der Katastrophe, berichten Teilnehmer des Zugs, hätten sie Polizei und Ordnungsdienst vor einer Panik gewarnt. Warum blieb all dies folgenlos?

Die Veranstalter verweisen darauf, dass einer der renommiertesten deutschen Verkehrsexperten ihr Sicherheitskonzept abgesegnet hat. Doch zu dem Konzept gehörte es auch, dass Hunderttausende Technofans sich panikfrei durch eine 200 Meter lange Röhre bewegen müssen. Die Erfahrung lehrt, dass schon die Autofahrt durch den Elbtunnel regelmäßig im Stau endet.

...sollte beim Stadtmarketing helfen

Massenveranstaltungen sind nicht vorab bis ins Letzte berechenbar. Und Technopartys sind nicht als Hort der Nüchternheit bekannt. Jedes Sicherheitskonzept muss auf jene abgestellt sein, für deren Sicherheit es gedacht ist. Dazu gehört, dass man auch ein Fehlverhalten mit in Betracht zieht: Alkohol kann im Spiel sein, aufputschende Pillen mögen hinzukommen – und bekanntlich führt bei manchen schon das Aufgehen in der Menge zu einem ersten Verlust von Vernunft.

Längst ist unter den deutschen Städten ein fragwürdiger Wettlauf um die größten Feiern und Feste entbrannt. Das Knacken der Millionengrenze gilt als Qualitätssiegel gelungenen Stadtmarketings. Duisburg hat jetzt aller Welt vorgeführt, wo die Grenzen solchen Strebens liegen – und wie ausgerechnet der Kampf ums gute Image das eigene Ansehen zerstören kann.

Die Stadt muss jetzt mit dem Verdacht leben, dass sie ein unzureichendes Konzept akzeptierte, um nur ja nicht die Schmach einer Absage der Veranstaltung hinnehmen zu müssen. Als Bochum im vorigen Jahr eine Loveparade ausfallen ließ, gingen Hohn und Spott auf die Stadt nieder. In Duisburg ging es jetzt auch ums Kulturhauptstadtjahr an Rhein und Ruhr; eine Absage hätte die Bemühungen Nordrhein-Westfalens berührt, mit immer neuen Mega-Events den Rest der Republik zu beeindrucken. Haben die zuständigen Stellen ein Auge zugedrückt? Dies wird neben der Staatsanwaltschaft vielleicht auch ein parlamentarischer Untersuchungsausschuss prüfen.

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