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22:08 11.07.2010

Vier Wochen, in denen alle Sorgen vergessen waren. Gestern Nacht ist in Johannesburg die erste Fußball-Weltmeisterschaft auf afrikanischem Boden zu Ende gegangen. Es bedarf keiner seherischen Gabe, um Südafrika nach der Megaparty nun einen höllischen Kater zu prophezeien. Doch auch die Ernüchterung birgt noch einmal neue Chancen.

Wer zahlt die Zeche?

Viele werden fragen, ob die letzten Wochen all den Hype wirklich wert waren. Und noch viel mehr Südafrikaner wird ärgern, dass sie den Großteil der Zeche zahlen, während die FIFA mit Koffern voller Geld das Land verlässt. Südafrikas Politiker haben die hohen Kosten gerne mit dem langfristigen Nutzen der verbesserten Infrastruktur und dem erwarteten Imagegewinn gerechtfertigt. In der Tat muss die WM kein reines Nullsummenspiel aus Siegern und Verlierern sein. Manchmal gibt es auch nur Sieger.

Vor dem Hintergrund von Armut und Ungleichheit gäbe es viele Gründe, sich über die für das Fußballfest ausgegebenen Milliardensummen zu erregen. Aber es macht einen großen Unterschied, ob der Zustand eines Landes allein an nackten Zahlen oder auch an einem Stimmungsbarometer gemessen wird. Kein Zweifel: Die WM hat Südafrika und seiner rassisch gespaltenen Gesellschaft gutgetan. Sie hat Schwarz und Weiß mit tiefem Stolz darüber erfüllt, dass ihr Land ein internationales Ereignis dieser Größe erfolgreich stemmen kann. Denn trotz einigen Ausrutschern, vor allem im Transportwesen, hat fast alles reibungslos geklappt.

Trotz der weltweiten Wirtschaftskrise und trotz Besucherzahlen, die erheblich unter den Erwartungen lagen, hat das Land viele ausländische Touristen positiv überrascht: Immer wieder wurden die vor der WM ausgebauten Straßen, Flughäfen und Stadien gelobt. Aber auch die enorme Gastfreundschaft der Südafrikaner hat zur gelösten Stimmung dieser WM beigetragen. Was war im Vorfeld nicht geunkt worden, dass die Südafrikaner die ausufernde Gewalt nie im Leben in den Griff kriegen würden, dass Fußballtouristen ihres Lebens nicht sicher sein könnten. Und nun? Das Einzige, was auf die Stimmung drückte, waren der monotone Lärmbrei der Vuvuzelas und das Ausscheiden der Gastgeber in der Vorrunde.

Als völlig unproblematisch erwies sich die Sicherheit: Die Polizeipräsenz war hoch – und die im Vorfeld der WM eingerichteten 56 Schnellgerichte waren ein voller Erfolg. Zu Recht fragen sich die der Gewalt gegenüber abgebrühten Südafrikaner aber nun, warum sie sich immer nur dann im eigenen Land sicher fühlen dürfen, wenn die Welt hinschaut.

Das Gleiche gilt für die sündhaft teuren Stadien. Die Arena in Kapstadt wurde in weniger als vier Jahren aus dem Boden gestampft. Ein zum gleichen Zeitpunkt gestartetes staatliches Wohnungsbauprojekt dürfte hingegen frühestens im Jahr 2013 schlüsselfertig sein. Ultimaten und Stichtage haben den Machthabern am Kap Beine machen können. Diese Dynamik gilt es zu bewahren und in den Alltag hinüberzuretten: Der gleiche Druck wie bei den WM-Projekten müsste nun auch bei der Inangriffnahme der immensen Sozialprobleme herrschen. Wenn Südafrika nur diese eine Lehre aus der WM ziehen und umsetzen würde, wäre das Turnier all sein Geld wert gewesen.

Der Stolz verbindet

Denn es brodelt am Kap an allen Ecken und Enden: Bedrohlich sind neben dem aufkeimenden Fremdenhass vor allem die hohen Arbeitslosenzahlen: Allein in den letzten 18 Monaten hat das Land trotz der mit der mit der WM verbundenen Infrastrukturprojekte über eine Million Jobs verloren – bei einer bereits zuvor hohen Arbeitslosigkeit von offiziell 25 Prozent und versteckt rund 40 Prozent. Das bedroht die junge, fragile Demokratie.

Noch hat der Traum, den Südafrika für viele seit der friedlichen Überwindung der Apartheid verkörpert, seine Faszination nicht völlig verloren. Die Fußball-WM hat Schwarz und Weiß noch einmal Anlass zum verbindenden Stolz auf ihr Land gegeben – und seinen Menschen gleichzeitig gezeigt, wie sehr sie aufeinander angewiesen sind. Doch die Zeit für konkrete Taten drängt. Für Südafrika war die WM die womöglich letzte Chance für einen zweiten Neuanfang. Der afrikanische Hoffnungsträger darf sie nicht verspielen.

Wolfgang Drechsler

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