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Meinung Ulrich Krökel zu Timoschenko
Nachrichten Meinung Ulrich Krökel zu Timoschenko
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21:03 03.05.2012
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Dennoch sind Vorwürfe aus Polen, dem Kogastgeberland der Fußball-Europameisterschaft im Juni, die deutsche Wutbürgerschaft ereifere sich im Fall Timoschenko über alle Maßen, nicht gänzlich unberechtigt. In keinem anderen Land Europas schwappt die Empörungswelle derart hoch wie in Deutschland. Das mag man bedauern, weil gemeinschaftlicher europäischer Druck in der Ukraine durchaus etwas bewirken könnte. Der scheint jetzt in greifbare Nähe zu rücken. Oder warum sonst kündigt die EU jetzt an, alle Mitglieder der EU-Kommission wollten den Spielen in der Ukraine fernbleiben? Auch Russlands designierter Präsident Wladimir Putin sorgt sich um Timoschenko und bietet ihr medizinische Hilfe an. Man kann sich fragen, wie so viel Solidarisierung mit der Inhaftierten zustande kommt.

Weder Heilige noch Prinzessin

Da ist vor allem die Person Timoschenko selbst. In Deutschland wird seit Monaten ein Märchen erzählt: Böser brutaler Mann kerkert schöne unschuldige Frau ein. Doch während Janukowitsch tatsächlich eine Art Oberoligarch ist, der sein Land ausbeutet, ist Timoschenko alles andere als eine Heilige oder eine Prinzessin. Sie hat sich selbst ein Hunderte Millionen Dollar schweres Vermögen ergaunert und die Erfolge der demokratischen orangen Revolution aus persönlichem Ehrgeiz und purer Eitelkeit zunichtegemacht. Es ist kein Wunder, dass sich in der Ukraine fast niemand darüber aufregt, dass die frühere Regierungschefin im Gefängnis sitzt.

Woher also rührt die deutsche Empörung im Fall Timoschenko, die es – nur zum Beispiel – im Fall des inhaftierten russischen Oligarchen Michail Chodorkowski nicht gibt? Möglicherweise ist die Enttäuschung über die Entwicklung in der Ukraine hierzulande besonders groß, weil die Hoffnungen in der Berliner Politik nach der orangen Revolution riesig waren. Die Ukraine sollte zu einem demokratischen Vorzeigestaat im Osten werden. Unverkennbar ist aber vor allem ein deutscher Drang, auf der Seite des Guten und Richtigen zu stehen. Dem Timoschenko-Märchen lauscht man in Deutschland allzu gern. Ob dies tatsächlich ein Wiedergutmachungsdrang als Spätfolge des Naziterrors ist, wie manche Sozialpsychologen behaupten, sei einmal dahingestellt. Rechthaberisch ist es in jedem Fall. Politisch klug dagegen ist es nicht.

Auch die deutsch-polnische Zusammenarbeit, die in den vergangenen Jahren so hervorragend funktioniert hatte, gerät plötzlich in ein fahles Licht: Die Deutschen hören ungern Mahnungen aus Polen zur Besonnenheit in der EM-Debatte. Es liegt auf der Hand, dass Warschau ganz eigene Interessen verfolgt. Für das neue Wirtschaftswunderland Polen ist die Europameisterschaft eine Riesenchance, sich der Welt in strahlendem Licht zu präsentieren. Die ökonomischen Perspektiven hängen stark von einer erfolgreichen EM ab.

Gemeinsam die Wogen glätten

Unstrittig ist auch, dass Polen das Turnier ohne die ukrainischen Oligarchen-Milliarden nicht bekommen hätte. Im Jahr 2007, als die EM nach Osteuropa vergeben wurde, war die Entscheidung der UEFA nicht nur als Unterstützung für die demokratischen orangen Kräfte in der Ukraine gedacht, die seit 2005 in Kiew das Sagen hatten. UEFA-Boss Michel Platini wollte sich auch der Stimmen aus dem Osten für seine Wahl versichern. Und schließlich leckten sich viele westliche Sponsoren die Finger nach einem noch unerschlossenen Markt.

Polen war ein Profiteur dieser Entwicklung. Und es verhielt sich entsprechend: Den nimmermüden Einsatz für die Menschenrechte, den polnische Politiker üblicherweise vor sich hertragen wie eine Monstranz, sparen sie sich im Falle der Ukraine für die Zeit nach der EM auf.

Es hilft jedoch niemandem, wenn nun auch noch EU-intern die Fetzen fliegen. Bundeskanzlerin Angela Merkel und der polnische Premier Donald Tusk haben einen guten Draht zueinander. Der neue Bundespräsident Joachim Gauck und sein Warschauer Amtskollege Bronislaw Komorowski präsentierten sich kürzlich als Herzensfreunde. Jetzt ist der Augenblick, in dem es gilt, diese Freundschaft mit politischem Leben zu erfüllen.

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