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Meinung Unfassbarer Todesplan
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20:48 26.03.2015
Von Reinhard Urschel
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Es gibt Augenblicke im Leben, in denen wir uns nach dem Sinn unseres Daseins fragen. Seltener sind das freudige Anlässe, eher schon Momente der Trauer, der Verzweiflung oder der Ratlosigkeit. Letzte Antworten auf die Frage aller Fragen haben auch Philosophen nicht gefunden. Eine zufriedenstellende Erklärung dafür, was einen jungen Piloten dazu gebracht hat, sich in den Tod zu stürzen und dabei 149 ahnungslose Mitmenschen mit ins Verderben zu reißen, werden wir mutmaßlich niemals finden. Mit dieser Ungewissheit werden wir leben müssen, wobei es schon schwer genug ist zu ertragen, dass das eigentlich Undenkbare wirklich geschehen ist. Geschehen nicht als Naturkatastrophe, nicht als Folge technischen oder menschlichen Augenblicksversagens, sondern als letzte Konsequenz menschlichen Willens.

Es fängt schon damit an, dass uns die richtigen Worte fehlen. Selbstmord sollen wir nicht mehr sagen, weil die heutige Morallehre behauptet, dass der Mensch frei sei, über sein eigenes Leben, also auch über sein Lebensende, selbstbestimmt zu entscheiden. Doch darf die Selbstbestimmung so weit gehen, im eigenen Tod zugleich über den Tod Anderer zu bestimmen? Natürlich nicht, aber wer traut sich ein Urteil zu über einen Menschen, der sich offenbar in eine psychische Ausnahmesituation gesteigert hat und einen so teuflischen Plan fassen konnte? Der französische Soziologe Emile Durkheim hat vor mehr als hundert Jahren festgestellt, dass Selbstmörder sich in eine Situation hineingelebt haben, in der eine moralische Kontrolle nicht mehr möglich ist. Ihre Persönlichkeit befindet sich zum Zeitpunkt des Todes weit außerhalb einer sittlichen Norm, dass sie für ihr Tun kaum noch verantwortlich sein können. Sie haben einen Todesplan.

Todesplan. Die Sprache der Wissenschaft ist vielleicht grausam, aber so ist die Situation des jungen Mannes am Steuerknüppel präzise beschrieben. Er hat gewartet, bis er die Alleinherrschaft hatte und seinen Plan umgesetzt. Grausam, zielgerichtet. Auch der Begriff dafür klingt mitleidlos: Mitnahme-Suizid. Solche Täter wollen, lautet eine gängige Erklärung von Psychologen, andere Menschen bestrafen für ein Leid, das sie in sich empfinden. Amokläufer, die wahllos töten, sind ein Beispiel dafür.

Wenn man den Begriff übernehmen möchte, dann sind die Opfer des Germanwings-Fluges Opfer eines Amokflugs geworden. Wir mögen einen Begriff gefunden haben, aber Trost werden wir darüber nicht finden.

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