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17:10 19.04.2015
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Brauchte es die bislang größte Flüchtlingskatastrophe auf dem Mittelmeer, um sich endlich der Verantwortung zu stellen? Stunden, nachdem die Meldungen von bis zu 700 Toten zwischen der libyschen Küste und der italienischen Insel Lampedusa verbreitet wurden, hat die EU eine Krisensitzung der Innen- und Außenminister einberufen. An einem Sonntag, an dem in Brüssel gewöhnlich wenig passiert. Doch nach der Tragödie der vergangenen Woche mit mehr als 400 Toten scheint das Drama an diesem Wochenende ein Umdenken in Gang gesetzt zu haben. Daran dürften auch die – teils emotionalen – Appelle des Papstes, der Vereinten Nationen und der Menschenrechtsorganisationen ihren Anteil gehabt haben.

Der Papst spricht von Brüdern auf der Suche nach einem besseren Leben und fordert entschiedenes, schnelles Handeln der Politik. Schließlich kann jeder neue Tag weitere Bilder von sinkenden Seelenverkäufern und ertrunkenen Menschen bringen. Lange, zu lange ist mehr über die möglichen Folgen für Europa als über das Leid der Flüchtlinge gesprochen worden. Hat das ausgelaufene Seenotrettungsprogramm „Mare Nostrum“, bei dem Marineboote vor der afrikanischen Küste patrouillierten, wirklich noch mehr Flüchtlinge ermuntert, den risikoreichen Weg übers Mittelmeer zu suchen? Sicher ist, dass das aktuelle Programm „Triton“, welches lediglich die Sicherung der Außengrenzen zum Ziel hat, gescheitert ist. „Wir dürfen nicht erlauben, dass das Mittelmeer zu einem Friedhof wird“, hatte Italiens Premierminister Matteo Renzi noch vor einem Jahr gemahnt. Vergeblich. Heute sehen wir, dass sich die schlimmsten Befürchtungen der Kritiker bestätigt haben.

Nun also muss Europa mit Hochdruck die verschleppten Fehlentwicklungen angehen. Italien und das kleine Malta können nicht länger die Hauptlast tragen, ganz Europa wird sich zu seiner Verantwortung bekennen müssen, moralisch wie finanziell.

Frankreichs Präsident Hollande hat in einer ersten Stellungnahme die Schleuserbanden mit Terroristen verglichen. Es sind eben keine enthemmten, brutalen Einzeltäter, sondern Verbrechersyndikate, die mit der Hoffnung auf ein besseres Leben, aber auch mit Waffen und Drogen Geschäfte machen. Diesen Banden kann man nur mit einer aufwändigen Polizeiarbeit beikommen, was wiederum Präsenz an der afrikanischen Küste voraussetzt. Nicht die Abschottung der Außengrenzen mit weiteren Patrouillenbooten wird der richtige Weg sein, sondern das finanzielle, politische und humanitäre Engagement in den Ländern, in denen die Not groß ist und Geschichten vom sorglosen Leben in Europa erzählt werden. Der Blick muss wieder auf die humanitäre Katastrophe gelenkt werden. „Mare Nostrum“ war kein beliebiger Name für eine Rettungsmission, er ist vor allem Verpflichtung. Denn „Unser Meer“ sollte nicht länger ein Ort der Schande sein.

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