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Meinung VW wird zur Baustelle
Nachrichten Meinung VW wird zur Baustelle
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21:49 17.07.2014
Von Stefan Winter
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Es mag ein Zufall sein. Am Montagabend stellte sich Martin Winterkorn vor die VW-Führung, listete die Baustellen des Unternehmens auf und sorgte dafür, dass seine Brandrede eine breite Öffentlichkeit erreichte. Drei Tage später ist dann zu lesen, dass der Aufsichtsratsvorsitzende Ferdinand Piëch mit dem Gedanken spiele, die größte aller denkbaren Baustellen erst noch zu eröffnen – mit einer möglichen Übernahme von Fiat-Chrysler. Das mag sich zeitlich so ergeben haben. Vielleicht ist es nebenbei aber auch eine Botschaft aus Wolfsburg an Salzburg: Dieser Konzern kann keine weiteren Baustellen brauchen.

Winterkorns Auftritt überraschte weniger im Inhalt als im Ton. Es ist ein Unterschied, ob man erfolgreiche Manager zur Kostendisziplin mahnt, oder ob man einen Teil ihres Erfolgs infrage stellt. Dem Chef kann das nicht leicht gefallen sein, denn mit jedem Satz muss er auch sich selbst meinen. Winterkorn trägt Verantwortung nicht nur von Amts wegen. Seine Detailbesessenheit und der Hang zum Durchregieren sind berühmt. Beides wird gern inszeniert, so ist jeder VW-Erfolg zuerst seiner. Aber die Schwächen sind es eben auch. Ausufernde Entwicklungskosten und die träge Modellpolitik sind augenfällige Beispiele.

Dagegen zeigt sich im Wolfsburger Auftritt Winterkorns Stärke. Er hat eine Rede gehalten, als würde ein Nachfolger das Werk des Vorgängers sezieren. Doch der 67-Jährige hat sich der unangenehmen Prozedur kurzerhand selbst unterzogen. Es ist ein Signal gegen die Selbstzufriedenheit, die nach vielen Erfolgen im Konzern grassiert. VW ist nicht zum Sanierungsfall geworden oder gar in akute Gefahr geraten. Das Unternehmen verdient ordentliches Geld, die Marktanteile sind gut, die Kasse ist voll, die Arbeitsplätze sind sicher, der strategische Kurs stimmt. Aber wenn am Horizont Felsen auftauchen, muss man einen Tanker wie diesen sehr früh umsteuern.

Die Herausforderungen sind enorm. Neue Antriebssysteme, digitale Vernetzung und extrem unterschiedliche Kundenbedürfnisse weltweit werden das Produkt drastisch verändern – und vorher seine Hersteller. Ordentliche Erträge, die Winterkorn jetzt spät in den Fokus rückt, sind nur die Mindestvoraussetzung, um das zu bewältigen. Die
 eigentliche Aufgabe ist eine Konzernstruktur, die der Vielfalt der Herausforderungen gewachsen ist und auch Stärken zur Geltung kommen lässt, die zufällig nicht die des Chefs sind. Es sieht so aus, als bliebe der ganze Konzern eine Baustelle. Piëch würde eine Baumaschinenmarke kaufen.     

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