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09:26 02.03.2009

Kleine Lästereien dieser Art gab es zu allen Zeiten. Im Jahr 2009 aber kann mit Hinweisen auf Beziehungen mehr gemeint sein als irgendeine Zufallsbekanntschaft über den Gartenzaun hinweg. Beziehungen sind eine moderne Boombranche geworden: Die sozialen Netze im Internet haben in den vergangenen Monaten weltweit eine ungeahnte Dynamik entfesselt. Barack Obama bedient auch heute noch, als US-Präsident, Freunde und Helfer über elektronische Netzwerke mit vertraulichen Botschaften. „Networking“, das Beziehungsmanagement zum persönlichen Fortkommen, wird zu einem zentralen Lebensinhalt – bei der Arbeit wie im Privaten.

Mehr Menschen denn je hinterlegen in Freundschaftsbörsen im Internet ihre Kontaktdaten und ihr wichtigstes soziales Kapital: Beziehungen. Sie legen ihr soziales Geflecht offen und ergänzen es durch private Fotos, Videos, persönliche Kommentare, gegenseitige Bezüge. Noch nie war das Private öffentlicher. Es wird gequatscht und verlinkt, nicht nur in den Chatecken und Foren, sondern auch ganz offiziell am Arbeitsplatz: zur Anbahnung von Geschäftsbeziehungen und auch zum Verbreiten persönlicher Statusmeldungen.

In der schönen neuen Webciety ...

Die CeBIT hat als Begriff dafür die Bezeichnung Webciety gewählt, zu Deutsch: Internet-Gesellschaft. Die Dienstleister dahinter heißen Facebook, Xing, Wer-kennt-wen, SchülerVZ oder Twitter. Längst ist es zum Volkssport geworden, in diesen öffentlichen Datenbanken eine große Anzahl an Kontakten nennen zu können. Auch wer auf dieser Messe jemanden treffen möchte, informiert sich vorab im Xing-Profil über das Gegenüber, tauscht sich knapp per Twitter über die Verabredung aus und stöbert im Beziehungsgeflecht des Gesprächspartners. Ein seriös gestaltetes Profil gehört für viele zum Standard.

Wer kein Profil vorweisen kann oder möchte, bekommt vom Veranstalter eines verpasst: „Weitere Informationen zu dieser Person mit 123people“, heißt es in der Referentenliste eines Telekom-Forums auf der Messe – die Personensuchmaschine ist darauf spezialisiert, Informationen über Menschen zusammenzustellen. Sie verknüpft die Funde aus Netzwerken mit Daten aus dem Telefonbuch und nennt sogar die persönliche Liste gewünschter Bücher bei einem Buchversand. Ablesen lassen sich im Netz Ausbildung, Ehestand, Lebensstil – ein gefundenes Fressen für Werber.

Datenschutz? Fast erscheint schon das Thema wie ein irgendwann stöhnend gestorbener Saurier aus dem vergangenen Jahrhundert. Damals stritt man bis zum Bundesverfassungsgericht um die Rechtmäßigkeit einer Volkszählung. Die hart erstrittene informationelle Selbstbestimmung nehmen heute viele auf entgegengesetzte Weise wahr: Indem sie alle, aber auch wirklich alle digital verfügbaren Daten von sich preisgeben – und noch dazu die von Bekannten. Halbwüchsige stellen bei SchülerVZ kompromittierende Partyfotos von Mitschülern ins Netz, die nicht erst beim Versuch einer späteren Karriere hinderlich sein können, sondern dem Betroffenen schon bei der Bewerbung als Babysitter fürs Nachbarskind Steine in den Weg legen. Bei Facebook wird mit den Profilen von Nutzern frei gehandelt.

... ist man gemeinsam einsam

Es sind diese Auswüchse, die viele Fragen der Webciety ungeklärt erscheinen lassen. Schon jetzt nennen Experten das Wissen der früheren Stasi über die damaligen DDR-Bürger lächerlich im Vergleich zu dem, was Google über den heutigen modernen Menschen weiß. Wohin wird es führen, wenn fast alles Gesagte aufgezeichnet, verschlagwortet, verlinkt und in Datenbanken wiederfindbar hinterlegt wird – auch die kleine Lästerei über den neuen Kollegen? Warum gibt es kein Verfallsdatum für persönliche Daten?

Im realen Leben wollen Beziehungen gut gepflegt sein, Soziologen sprechen von maximal 15 „echten“ Freunden, die ein Mensch haben kann. Bei Twitter und Co. häufen Teilnehmer vermeintliche Freunde in dreistelliger Zahl an. Dass die Netze so erfolgreich sind, begründen Soziologen mit der angenehmen Illusion von Gemeinschaft und der gleichzeitigen Distanz, die die Netze aufrechterhalten. Tatsächlich etwas tun für den anderen will man auch wieder nicht. Aber wenn schon einsam, dann wenigstens ein bisschen gemeinsam.

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