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Meinung Vor der Lücke
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22:27 20.10.2010
Von Lars Ruzic

Die deutschen Autozulieferer, lobte jüngst eine Studie, seien nach der Krise vor allem deshalb wieder besser in Schwung gekommen als ihre Konkurrenten in anderen Ländern, weil sie ihre Stammbelegschaften an Bord gehalten hatten. So seien sie in der aktuellen Aufschwungphase ohne Anlaufzeiten lieferfähig gewesen – „ein erheblicher Wettbewerbsvorteil“.

Darauf kommt es an: Deutschland als Exportnation muss besser sein als andere – bei Innovationen, Qualität, Liefertreue. Nur wenn die heimischen Betriebe hier die Nase vorn behalten, kann der erreichte Wohlstand erhalten werden. Über Jahre ist Deutschland ob der großen Bedeutung seines produzierenden Gewerbes vor allem im angelsächsischen Raum verlacht worden. Was am Ende nachhaltiger ist, zeigt sich derzeit: Die USA und Großbritannien kommen nicht aus der Krise, weil sie meinten, erfolgreiche Volkswirtschaften ließen sich auf einem florierenden Finanzsektor aufbauen. Mit den bekannten fatalen Folgen. Heute beneiden sie die Stärke der deutschen Wirtschaft und ihre internationale Wettbewerbsfähigkeit.

Notstand bei Top-Personal

Wer im weltweiten Wettbewerb der Ideen mithalten will, muss sich um die klügsten Köpfe bemühen – eben auch weltweit. Das ist fast eine Binsenweisheit – sollte in der aktuellen, teils emotional geführten Debatte um Fachkräftemangel und Zuwanderung vielleicht aber doch noch einmal betont werden. Entscheidend sind Kompetenz, Motivation und Integrationsbereitschaft – und nicht die Herkunft eines Mitarbeiters.

Dabei ist längst klar, dass Deutschland sich nicht nur um Top-Entwickler und -Entscheidungsträger bemühen muss, sondern auch um die Fachkraft am Band, am Schreibtisch oder am Krankenbett. Fast täglich beschreit eine andere Branche die demografische Lücke, die so sicher auf die Nation zukommt wie das Amen in der Kirche. Schon heute herrscht bei Ingenieuren Notstand, die Industrie sucht händeringend Leute, das Handwerk sowieso. Und erst gestern veröffentlichten die Unternehmensberater von Pricewater­houseCoopers eine Studie, wonach dem deutschen Gesundheitssystem in 20 Jahren eine Million Fachkräfte fehlen werden. „Ein Pflegenotstand“, heißt es darin, „lässt sich nur durch Zuwanderung aus dem Ausland abwenden.“

Man muss sich also gar nicht mehr mit der Frage aufhalten, ob Deutschland Zuwanderung braucht. Es geht darum, wie wir sie organisieren. Dazu gehört zuerst, Deutschland als neue Heimat für Einwanderer attraktiv zu machen. Über Jahre ist da viel versäumt worden, gab es nur halbherzige Versuche wie die Greencard. Deutschland galt als verkrustet, wenig inspirierend, uncool. Wer etwas auf sich hielt, arbeitete lieber in der City of London als in Frankfurt. Sogar die Deutschen selbst machten sich auf den Weg nach Skandinavien oder Australien, um dort ihr neues Glück zu suchen – nicht viele zwar, aber medial derart aufgepustet, dass das kollektive Selbstbewusstsein durchaus in Mitleidenschaft gezogen wurde.

Suche nach Fachkräften

Doch der Wind hat sich gedreht. Deutschland ist so gut wie kaum eine andere „alte“ Industrienation aus der Krise gekommen. Das Land wird mehr denn je als tolerante Multikulti-Nation wahrgenommen, Berlin gilt als europäischer „Hotspot“. Die Rahmenbedingungen für einen Werbefeldzug im Ausland sind besser denn je. Die Politik muss diese Chance nutzen, sie muss Zuwanderung, Studien- und Arbeitsregelungen entbürokratisieren, den Neubürgern mehr Orientierungsmöglichkeiten an die Hand geben. Und ihre Deutschkenntnisse fördern. Wer hierherkommt, um Karriere zu machen, wird sich übrigens ganz bestimmt nicht dagegenstemmen.

Auch die Unternehmen sind gefordert. Die deutschen Weltkonzerne wie Volkswagen oder Siemens haben es besonders leicht, an internationales Personal zu kommen. In vielen Ländern der Welt unterhalten sie Werke oder Niederlassungen, wo sie vor Ort Mitarbeiter anwerben. Oft werden dorthin auf Zeit deutsche Fachkräfte entsandt, um deren Erfahrungsschatz zu erweitern. Doch in die umgekehrte Richtung funktioniert dieses System noch viel zu selten – auch weil die „großen Namen“ hierzulande noch immer genug heimische Fachkräfte anziehen. Das zeigt die Not der kleinen und mittleren Betriebe: Sie werden es immer schwerer haben, an geeignetes Personal zu kommen, und besonders auf neue Fachkräfte aus dem Ausland angewiesen sein.

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