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23:12 18.04.2010
Von Reinhard Urschel
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Seine uneingeschränkte Mobilität ist dahin, deren Bedeutsamkeit der amerikanische Präsident erst dieser Tage mit der kühnen Ankündigung überhöht hat, der Mensch werde in einem überschaubaren Zeitraum zum Mars fliegen.

Vorerst bleibt der Mensch aber auf der Erde. Er zwängt sich in überfüllte Züge (eine Erfindung des vorvorigen Jahrhunderts). Er rauft sich um Plätze in Überland-Autobussen und überbietet sich beim Anmieten von Autos für den Weg über die stauverstopften Autobahnen. Auch das Auto ist ja normalerweise schon nicht mehr zeitgemäß bei der Überwindung großer Distanzen in unserer Welt der globalen Geschäfte und der Kurzurlaube an exotischen Zielen.

Wie in der Postkutschenzeit

Der Alltag gerät gehörig ins Stocken, weil Arbeitnehmer auf den Urlaubsinseln festsitzen, weil Briefe und Pakete wie in der Postkutschenzeit etappenweise befördert werden müssen und weil Industriegüter per Luftfracht nicht mehr „just in time“ am Montageband eintreffen. Die Bundeskanzlerin mit ihrem eiligen Gefolge aus der politischen Administration und von den noch eiligeren Medien wird auf der Tour von San Francisco nach Berlin via Lissabon, Rom und Bozen an den klugen Rat aus der Goethezeit erinnert, der Mensch möge gerade so schnell reisen, dass ihm seine Seele noch folgen kann.

Eine Aschewolke, die man in unseren Breiten am Himmel nicht einmal sehen kann, scheint geschafft zu haben, was den Kulturpessimisten bis heute versagt blieb: Wenn sich der Mensch schon nicht zur Umkehr bewegen lässt, so soll er doch sein Leben entschleunigen. Ganz Mutige schwärmen schon von der „idealen Katastrophe“, die keine Menschenleben kostet und die doch so viel Erkenntnisgewinn beschert: Seit Prometheus das Feuer auf die Erde brachte, versucht der Mensch es zu zähmen. Er sperrt es in Hochöfen, er zertrümmert die Atome und hält die Hitze gefangen in Atomkraftwerken, aber das Feuer der Vulkane ist für den Menschen unbeherrschbar geblieben.

Wir haben mal wieder vorgeführt bekommen, dass die Natur dem Menschen mit all seinem Erfindergeist so weit überlegen ist, dass er sie nicht vollkommen beherrschen kann. Aber sind wir wirklich in der Lage, daraus die richtigen Schlüsse zu ziehen?

Der bloße Kulturpessimismus, der seinen Ausdruck in der Auffassung findet, dass die Hetze der modernen Zeit nur angehalten oder wenigstens verlangsamt werden müsste, damit der Mensch wieder zu sich selbst findet und ein besseres Leben führen kann, hilft leider kein Stück weiter. Der Gedankenfaden ist einfach zu kurz gesponnen, und er ist auch zu dünn: Der menschliche Erfindergeist hat uns ja nicht nur den internationalen Luftverkehr beschert, auf den wir vorübergehend verzichten müssen. Es ist eine Vielzahl von anderen Technologien, die das Tempo der Moderne gesteigert haben und die wir als Fluch und Segen zugleich begreifen und annehmen müssen.

Auf den überfüllten Flughäfen und Bahnhöfen muss sich niemand um eine freie Telefonzelle prügeln, um seinem Geschäftspartner oder den Lieben zu Hause sein Fernbleiben kundzutun, weil jeder ein Handy in der Tasche hat. Konferenzen müssen nicht ausfallen, Finanzflüsse geraten nicht ins Stocken, nur weil Wirtschaftsführer am Terminal aufgehalten werden – Videoübertragungen und das Internet übernehmen längst den Transfer von Ideen und Kapital.

Erforschen oder vergessen?

Noch sind wir mit dem Krisenmanagement beschäftigt, und da liegt so manchem die Frage mehr am Herzen, wie er zur Hannover Messe kommt, als die Sinnsuche hinter der Aschewolke. Kein Wunder, dass die ersten Erkenntnisse, die festgehalten werden, doch höchst materialistischer Art sind. Die Aktien der Luftfahrtunternehmen sind zum Wochenschluss gesunken, dafür notierten die Autoverleiher blendend an der Börse.

Wenn der Mensch so nüchtern-rational denken würde, wie es hier anklingt, müsste er sich sagen, dass Forschungsgelder und Forschergeist sinnvoller angelegt wären für die Erkundung des Klimas, der Erdbeben und der Vulkane auf dieser Erde als in Flügen zum Mars. Diese mögen ein Menschheitstraum sein, Naturkatastrophen aber bleiben Albträume. Sobald die vorbei sind, will man sie rasch vergessen.

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