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Meinung Denn sie wussten von nichts?
Nachrichten Meinung Denn sie wussten von nichts?
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09:27 23.05.2015
Von Felix Harbart
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Nicht zum ersten Mal werden in Hannover Vorwürfe gegen die Mitarbeiter einer Innenstadt-Polizeiwache laut. Nur ging es bei den älteren Fällen nicht um die Bundespolizei, sondern um die Inspektion Mitte der Polizeidirektion. Auch dabei ging es um Misshandlung von Festgenommenen, darunter Ausländer. Nachgewiesen werden konnten solcherlei Taten nie. Denn es gab keine Zeugen. Jedenfalls keine ohne Uniform.
Hier nun liegt der Fall ein wenig anders. Denn beschuldigt ist dieses Mal ein Beamter, der sich in sozialen Netzwerken gern als Muskelmann und Superheld geriert – wahlweise in der Kampfmontur seines Arbeitgebers oder, ironisch genug, in T-Shirts mit den Insignien krimineller Vereinigungen. Eben dieses Sendungsbewusstsein legte Torsten S. offenbar auch an den Tag, wenn er mit seinen Untaten prahlte. Und so basieren die Missbrauchsvorwürfe gegen ihn nicht nur auf schwer beweisbaren Vorwürfen mutmaßlicher Opfer, sondern auf Fotos und unsäglichen Kommentaren, die er über soziale Netzwerke verbreitet hat.

Wenn man nun betrachtet, wie die Geschichte weiterging, gibt es eine gute und eine schlechte Nachricht. Die gute: Offenbar wollten nicht alle Kollegen das Tun von S. kommentarlos hinnehmen. Trotz allen polizeilichen Korpsgeistes wandten sie sich an ihre Vorgesetzten, die wiederum die Behördenleitung informierten. Die schlechte: Danach geschah nichts.

Was tut man jetzt mit all diesen ernüchternden Erkenntnissen? Vielleicht hilft es, die richtigen Fragen zu stellen. Um das einmal richtig zu sortieren: Die Landeshauptstadt Hannover verfügt über eine gut geführte, mit Extremsituationen vertraute Polizei mit Beamten, die ihren Job in der großen Mehrzahl aufopferungsvoll versehen. Besonders beanspruchend ist dieser Job für jene, die, ob bei Bundespolizei oder Polizeidirektion, in einer Innenstadtwache Dienst tun. Sie haben es Tag für Tag mit Gewalttätern und Trinkern zu tun. Und sie müssen Wochenende für Wochenende Großeinsätze wie solche bei Fußballspielen durchstehen. Die Belastung für Körper und Psyche ist enorm hoch – wer ihr über einen längeren Zeitraum standhält, verdient höchsten Respekt.

Fragen könnte man also: Liegt es an dieser Belastung, dass einem Polizisten womöglich die Sicherungen durchgebrannt sind? Oder waren sie es vorher schon? Und wenn ja: Warum darf so ein Mann dann an solch einer sensiblen Stelle Dienst tun? Muss man wieder darüber nachdenken, Polizeiwachen mit Überwachungskameras zu bestücken? Und warum findet sich niemand, der Vorgänge bezeugen kann, die nach menschlichem Ermessen niemandem entgangen sein können?

Viele Anstöße für eine Diskussion. Dass die Polizei dafür offen ist, hat sie bisher nicht erkennen lassen. Denn was sie in ihrer Außendarstellung in dieser Woche angeboten hat, ging sinngemäß so: Ein ausgeflippter Beamter, ein einsamer Wolf gleichsam, hat Dinge getan, die der Rest der Mannschaft sich nicht erklären kann. Man werde das aufklären. Aber so einfach ist die Sache nicht.

Wenn stimmt, was aus den ersten Befragungen nach außen gedrungen ist, finden die bisher vernommenen Kollegen von S. aus der Wache am Hauptbahnhof sein Verhalten halb so schlimm. Er habe eben eine besondere Art von Humor, sagen die. Einige von ihnen waren gut mit S. befreundet, im Internet finden sich Bilder, auf denen sie mit ihm zusammen in zweifelhaften Posen zu sehen sind.
Was also wird sich dieses Mal durchsetzen: Korpsgeist oder Zivilcourage? Die Antwort wird entscheidend sein dafür, wie die Bürger in Zukunft auf die Sicherheitsbehörden blicken.
Die beiden mutmaßlichen Opfer jedenfalls haben offenbar kein Vertrauen in die deutsche Polizei mehr. Sie haben sich bisher noch nicht gemeldet, um eine Aussage zu machen.