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Meinung Der schwierige Patient
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20:55 06.04.2014
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Das industrielle Herz des Landes ans EKG angeschlossen, und alle lauschen aufmerksam der Anamnese – wohlwissend, dass Wohl und Wehe des Standorts Deutschland noch immer am produzierenden Gewerbe hängen. Heute ist wieder Zeit für diesen Check-up. Er wird gemischt ausfallen: Dem Patienten geht es gut – aber er tut zu wenig dafür, dass es auch dabei bleibt.

Die aktuellen Werte bieten keinen Grund zur Sorge. Produktion, Auslastung und Auftragseingänge legen zu, auch weil der wichtige europäische Markt langsam wieder Fahrt aufnimmt. Diese kurzfristige Sicht überdeckt jedoch, dass die Branche vor gewaltigen Herausforderungen steht, für die sie noch an ihrer Fitness arbeiten muss. Mit der Globalisierung kann die deutsche Industrie umgehen, ist sogar einer ihrer größten Profiteure. In den kommenden Jahren werden es vor allem technologische Quantensprünge sein, die sie nicht verpassen darf.

An erster Stelle steht dabei die Verschmelzung von Informations- und Produktionstechnologie. Was wie eine Selbstverständlichkeit klingt, dürfte die gesamte Industrie neu ordnen. Nicht umsonst spricht die Branche von der „vierten industriellen Revolution“ oder von „Industrie 4.0“ – Formulierungen, die klarmachen, dass wir es hierbei nicht mit einer Modeerscheinung zu tun haben werden. Die intelligente Fabrik der Zukunft wird sich weitgehend selbst steuern – Werkstück und Roboter machen über das Internet untereinander aus, wann und wie es bearbeitet wird.

Für die Hannover Messe ist dieser Trend ein Segen, spielt er doch dem interdisziplinären Anspruch der Industrieschau in die Karten. Auf der Veranstaltung im vergangenen Jahr soll sich bereits eine Gruppe von Apple-Managern darüber informiert haben, ob die Technologie schon so weit ist, dass sich damit in den USA eine eigene Produktion auf die Beine stellen lässt, die bei den Kosten mit den Lohnfertigern in Fernost mithalten kann. Das zeigt, welche Potenziale in der intelligenten Fabrik stecken.

Wann kommt das Bündnis für Innovation?

Die Industrie in Deutschland hat das durchaus erkannt. Die Voraussetzungen der Branche sind hierzulande nahezu ideal: Es gibt ein gewaltiges Know-how im Maschinen- und Anlagenbau und genügend potenzielle Abnehmer für die Technologie – etwa die Automobilindustrie. Ein breites Bündnis von Verbänden aus Maschinenbau, Elektrotechnik und IT-Branche hat sich bereits in der „Plattform Industrie 4.0“ zusammengeschlossen. Der Bund fördert Forschungsprojekte mit 200 Millionen Euro. Bundeskanzlerin Angela Merkel hat bereits im Vorfeld ihres heutigen Messebesuchs durchblicken lassen, sie wünsche sich hier mehr Engagement vonseiten der deutschen Wirtschaft.

Richtig ist: Seit Jahren hält sich die Branche mit Erweiterungsinvestitionen in der Heimat zurück. Das liegt in erster Linie daran, dass die Wachstumsmärkte weit entfernt sind und heute eher drei neue Werke in China gebaut werden als ein neues vor der eigenen Haustür. Seit dem Jahr 2000 liegen die Investitionen in Deutschland je nach Branche teils bis zu 30 Prozent unter den Abschreibungen. Das heißt: Die Firmen leben von der Substanz. „Wann“, fragte unlängst IG-Metall-Chef Detlef Wetzel, „haben wir eigentlich die letzte industrielle Großinvestition gesehen?“

Die Politik ist daran nicht schuldlos. Das Hin und Her um die Energiewende hat viele Firmen zögern lassen. Die Förderung für Innovation und Investition begrenzt sich meist auf Summen, die im Vergleich mit anderen Ländern eher mickrig ausfallen. Ein Beispiel: Die USA haben ein Subventionsprogramm für „Industrie 4.0“ aufgelegt, das fast zehnmal so groß ist wie das deutsche.

So verwundert es nicht, dass die Wirtschaft umgekehrt auf die Kanzlerin zeigt und sich bei Infrastruktur, Energie und Innovationsförderung mehr Engagement wünscht. Dass Schwarz-Rot derzeit eher damit beschäftigt ist, Wahlversprechen bei Rente und Mindestlohn einzulösen, macht das Verhältnis nicht leichter. Stattdessen sollten sich alle Seiten zusammenraufen – etwa in einem Bündnis für Innovation und Investition, wie es IG-BCE-Chef Michael Vassiliadis gefordert hat. Deutschlands wichtigster Wirtschaftssektor hat es nötig – und verdient.

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