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01:15 31.12.2018
Die Digitalisierung ist für Deutschland eine große Herausforderung – doch beim Brandbandausbau hakt es.
Die Digitalisierung ist für Deutschland eine große Herausforderung – doch beim Brandbandausbau hakt es. Quelle: Stefan Sauer
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Hannover

Diese Ruhe. Überall. So gibt es sie nur ganz selten im Jahr, über Ostern vielleicht und an ein paar besonderen Tagen in den Sommerferien. Je nach Familienstand. Aber ganz sicher in diesen dunklen, aber eben auch oft wunderbar verlangsamten Tagen zwischen Weihnachten und dem Beginn eines neuen Jahres. Mal Luft holen. Mal um sich schauen und sehen, wo man eigentlich so steht. Wohin uns der immer neue, immer irgendetwas fordernde Alltag nun wieder geschoben hat.

Für viele Menschen wird sich hier ein seltsames Doppelbild ergeben. Blickt man auf die objektiven Parameter, geht es uns fantastisch. Die Nation war noch nie so reich, so behütet und auch so abgeklärt wie heute. Es geht uns gut, im Weltmaßstab zählen wir Deutsche zur beneideten High Society auf dem Planeten. Trotz allem, was uns im täglichen Leben aufbringt oder niederdrückt.

Zugleich aber ist immer öfter zu spüren, dass die Gewissheiten brüchig werden – oder zumindest einen höheren Preis einfordern. Ist mein Job noch sicher, wenn die Digitalisierung an Tempo gewinnt? Wie lange hält das Klima noch, das wir kennen und an das wir gewöhnt sind? Können wir noch sicher im Bund befreundeter Staaten leben, wenn alle anderen nur noch an sich denken? Und wenn nein, was heißt das dann für uns?

Das Unbehagen wächst. Manchmal sucht es sich ein Ventil. „Das ist eben Deutschland“, ist etwa immer öfter zu hören, wenn irgendetwas bei uns nicht klappt, wenn Bürokratie gnadenlos zuschlägt, die Bahn ihre Wagen nicht sortiert hat oder der Handyempfang zu schwach zum Surfen ist. Es ist ein spöttischer Satz, nicht immer ganz ernst gemeint und doch oft von einer brutalen Bitterkeit durchzogen.

Man kann solch aggressives Achselzucken beklagen. Oder es als Aufforderung begreifen. Es spricht ja in der Tat viel dafür, dass wir vieles anpacken und besser machen müssen. Es sieht sehr danach aus, als hätten wir zum Abschluss des Jahrzehnts in zentralen Punkten unseres Zusammenlebens das Ende der Ausbaustrecke erreicht. Ganz gleich, ob es um die Zuwanderung, die Mobilität, die Ernährung oder die Wohnungssituation geht – vielfach gibt es mehr Fragen als Antworten. Was morgen wird, ist immer öfter nicht mehr abzusehen. Die Fahrt geht – um im Bild zu bleiben – auch mal ins offene Gelände. Aber deshalb stehen bleiben? Die Arme verschränken und die Augen schließen? „Der größte Feind des Wissens ist nicht Unwissenheit, sondern die Illusion, wissend zu sein“, hat der Physiker Stephen Hawking gesagt, der in diesem Jahr gestorben ist. Vielleicht liegt in der Ruhe dieser Tage auch die Kraft, das zu erkennen.

Von Hendrik Brandt