Menü
Hannoversche Allgemeine | Ihre Zeitung aus Hannover
Anmelden
Meinung Ironie und Medien – kann das gut gehen?
Nachrichten Meinung Ironie und Medien – kann das gut gehen?
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
01:15 21.01.2019
Kann Ironie ein Laster sein? Die Kabarettistin Lisa Eckhart erklärt am 9. Februar um 20 Uhr im Theater am Küchengarten in Hannover „Die Vorteile des Lasters“. Die Veranstaltung ist bereits ausverkauft. Quelle: Foto: Franziska Schroedinger
Hannover

Willy Brandt, der traute sich noch was. „Demokratie haben wir erst, wenn in jeder Familie abgestimmt wird, wer die Mutter ist“, hat er einmal gesagt. An dieser Stelle sei das nur mit dem deutlichen Hinweis darauf notiert, dass sich selbstredend jede Verächtlichmachung der Demokratie, der Familie oder gar der Frau verbietet. Wie auch immer Brandt seinen Satz gemeint hat.

Die Ironie hat es schon leichter gehabt in Deutschland als in diesen Tagen. ZDF-Reporterin Nicole Diekmann zum Beispiel weiß das, seit sie neulich versucht hat, ihren Kritikern in den sozialen Netzwerken mit Ironie zu begegnen. Kritiker hatte Diekmann kurz nach dem Jahreswechsel viele, weil sie es gewagt hatte, die Worte „Nazis raus“ zu twittern. Wer für sie denn ein Nazi sei, fragte einer zurück, und Diekmann antwortete: „Jede/r, der/die nicht die Grünen wählt.“ Daraufhin brach im Internet die Hölle los.

Ein Spiel mit Tabus

Dass Menschen Ironie nicht verstanden haben, ist früher auch schon vorgekommen, sagt Journalistik-Professor Wilfried Köpke von der Hochschule Hannover. Nur eben nicht so häufig. Für Köpke ist Ironie immer auch das Spiel mit Tabus. Was aber ist ein Tabu? „Die Grenzen dafür werden immer schwimmender“, sagt Köpke. „Das liegt daran, dass wir keine Einheitsgesellschaft mehr sind.“

Die weitgehende Einheitsmeinung gebe es nicht mehr: Nicht über Homosexualität, nicht über Ausländer, nicht über die Notwendigkeit öffentlich-rechtlichen Rundfunks. Nie waren sich die Deutschen in ihren Ansichten so uneins, nie war das Meinungsbild so vielfältig. Und nie trugen so viele Menschen ihre Ansichten in dieser „Bekenntniskultur“, wie Köpke sie nennt, so offensiv vor sich her.

Gerade für Massenmedien ist das ein Problem. Schließlich vereint ihr Publikum besonders viele verletzte Tabus – und so viele beleidigte Leberwürste. Man muss schon ein Genie sein, um nicht mindestens ein Tabu zu brechen, wenn Menschen aus allen Ecken der neuen, segmentierten Gesellschaft zuhören oder mitlesen. „Und damit funktioniert Ironie natürlich noch weniger als früher“, sagt Köpke. Denn wenn wir uns auf nichts mehr einigen können: Wo soll Ironie dann ansetzen?

Bei der Neuen Osnabrücker Zeitung (NOZ) versuchen sie es trotzdem weiter, wenn auch mit allerlei Hilfestellungen. Seit der Gründung der Zeitung im Jahr 1967 gibt es im Lokalteil Jahr für Jahr den „Silvesterpunsch“. Der Punsch ist nichts anderes als ein medialer Aprilscherz zu Silvester, flankiert von einem auffälligen Seitenkopf, der den Unernst signalisieren soll. Im diesjährigen Scherztext griffen die Lokalredakteure der NOZ die Diskussionen um Luftsauberkeit und Dieselfahrverbote auf und titelten: „Karussellautos sind jetzt tabu.“ Die Geschichte: Die Stadt gestatte aus Gründen der Ökologieerziehung demnächst nur noch Pferde auf Kinderkarussells, aber keine Feuerwehr- oder Polizeiautos mehr.

Weil die NOZ-Redakteure wissen, wie das Internet auf Ironie reagiert, machen sie ihren Scherz Jahr für Jahr nur in der gedruckten Zeitung. Doch nun fand die Zeitungsseite abfotografiert, allerdings ohne den Rubriktitel, doch den Weg in die sozialen Medien, Arbeitstitel: „Nicht euer Ernst“. Und bald füllten sich die Netzwerke mit Hunderten gepfefferter Einlassungen über Gutmenschen, Öko-Terrorismus und linksgrüne Versifftheit.

NOZ-Lokalchef Wilfried Hinrichs überrascht der Umstand nicht, dass nicht jeder Leser immer alles versteht. Im Jahr 2007 etwa hatte die NOZ berichtet, die in Hannover abgebaute Raschplatzhochbrücke werde über dem Osnabrücker Neumarkt wieder aufgebaut, was dem Autor des Fachblatts eines Verbands der Betonwirtschaft das anerkennende Fazit abnötigte, die Stadt Osnabrück gehe da mit gutem Beispiel voran. „Es war aber in diesem Jahr das erste Mal, dass es sich so über Social Media verbreitet hat“, sagt Hinrichs.

Sein lassen will seine Redaktion den „Punsch“ aber nicht. „Wir werden es nicht aufgeben, nur, weil die Leute nicht mehr wissen, wie man mit Ironie umgeht.“ Gleichwohl mache man sich auch vor dem Hintergrund der Debatte über Fake News in Zukunft noch mehr Gedanken darüber, wie weit man die Scherze treiben könne.

Ist das Dschungelcamp echt?

Erstaunlich, dass gerade in solchen Zeiten das Trash-TV solche Erfolge feiert. Schließlich leben Formate wie das Dschungelcamp genau von dem Spiel mit der Frage: Was eigentlich ist die Wirklichkeit – und was ein Scherz? Da schiebt sich eine von sogenannten Promis bevölkerte Dschungelkulisse vor die Welt, in der der Wasserfall aus Gründen des Umweltschutzes nachts abgestellt wird, wie die „Bild“ zuletzt empört enthüllt hat, und Tausende Menschen, darunter Akademiker und Schönschreiber aller Art, diskutieren im Internet und den seriösesten Zeitungen darüber. Was davon ist nun aber echt? Die Promis? Der Dschungel? Der Wasserfall? Die Diskussionen? Oder gar, bewahre, die Empörung der „Bild“? Oder ist etwa alles Ironie? Mit dem Dschungelcamp ist es wie mit Patrick Bateman aus „American Psycho“: Man weiß nicht, ob sein wahrer Kern tatsächlich existiert, oder vielleicht nur in den Köpfen der Zuschauer und Leser entsteht.

Und hier wird es spannend. Denn während der eine Teil Trash-Formate wie das Dschungelcamp oder den Bachelor als Witz begreift, ist der andere Teil mit heiligem Ernst dabei. Beiden Gruppen bescheinigen Soziologen eine Tendenz zum „Eskapismus“: Die Zuschauer wollten durchs Dschungelcampgucken der Realität entfliehen. Denn die ist ja leider so kompliziert geworden.

Von Felix Harbart

Niedersachsen Kommentar zu Landesforsten - Borkenkäfer nagt am Brotbaum

Der Klimawandel macht den Förstern zu schaffen. Sie haben erkannt, dass sie ihre Wälder verändern müssen. Doch dafür brauchen sie Zeit – Bäume wachsen aber langsam, meint unser Kommentator.

16.01.2019

Das Brexit-Abkommen ist im britischen Unterhaus gescheitert. Mit ihrem Votum vom Dienstagabend verspielen die Politiker weitaus mehr als nur eine Einigung mit der Europäischen Union, wie Hendrik Brandt meint: Sie verspielen auch die Zukunft ihres Landes.

18.01.2019
Meinung Kommentar zur Nord/LB - Ungerührte Taktiker

Die Zeit zur Rettung der Nord/LB wird allmählich knapp. Doch die Unterhändler im öffentlich-rechtlichen Lager nehmen am Schicksal ihrer Kollegen zu wenig Anteil, meint unser Kommentator.

15.01.2019