Menü
Hannoversche Allgemeine | Ihre Zeitung aus Hannover
Anmelden
Der Dioxin-Skandal Bauern wollen Entschädigung für Dioxin-Skandal
Nachrichten Panorama Themen Der Dioxin-Skandal Bauern wollen Entschädigung für Dioxin-Skandal
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
16:39 06.01.2011
Bis zu 150.000 Tonnen Futter mit krebserregendem Dioxin haben in Deutschland Unmengen von Schweinefleisch und Geflügelprodukten verseucht Quelle: dpa
Anzeige

Im Dioxin-Skandal will der Deutsche Bauernverband (DBV) Entschädigung von den Verursachern. Die in den Fall verwickelte Firma Harles und Jentzsch in Schleswig-Holstein wies Berichte um eine Insolvenz zurück. Die Lebensmittelkontrolleure schlugen derweil Forderungen nach einer besseren Überwachung der Branche aus: Es gebe gar nicht genug Kontrolleure, um alle Betriebe der Branche effektiv zu prüfen, hieß es beim Bundesverband.

„Für die Verluste der Bauern, die ihr Geflügel keulen und ihre Eier vernichten müssen, werden die Verursacher des Schadens aufkommen müssen“, sagte der Generalsekretär des Bauernverbandes, Helmut Born, der „Berliner Zeitung“. „Wir werden uns juristisch an der Mischfutterindustrie schadlos halten.“ Nach seiner Einschätzung kann die Sperrung eines Hofs dessen Besitzer „sehr schnell 10.000 oder 20.000 Euro Umsatz“ kosten.

Anzeige

Die Arbeitsgemeinschaft bäuerliche Landwirtschaft (AbL) in Niedersachsen, der kleinere Höfe angehören, sieht dagegen die gesamte Futtermittel-Branche in der Pflicht, für Entschädigungen aufzukommen. Der Verband forderte am Donnerstag, alle Unternehmen sollten in einen Haftungsfonds einzahlen. Dies ermögliche eine rasche Entschädigung, auch wenn die Schuldfrage nur schwer zu klären sei.

Das niedersächsische Agrarministerium sieht zuerst den Verursacher verpflichtet, für Schadenersatz der betroffenen Betriebe aufzukommen. Zugleich äußerte ein Ministeriumssprecher aber die Befürchtung, der in den Dioxin-Skandal verwickelte Futtermittelzulieferer Harles und Jentzsch im schleswig-holsteinischen Uetersen wolle sich hier „aus der Affäre stehlen“.

Das Unternehmen wandte sich unterdessen gegen Berichte, wonach eine Insolvenz unmittelbar bevorstehe. „Es ist nicht so, wir arbeiten weiter“, sagte der Geschäftsführer von Harles und Jentzsch, Siegfried Sievert, der dpa. Futtermittel würden zur Zeit nicht verkauft, aber das Geschäft mit technischen Fettsäuren sichere die Existenz. Die Firma aus Uetersen hatte die Verunreinigung von Futtermitteln mit Dioxin bei einer Routineuntersuchung festgestellt und gemeldet. Die Staatsanwaltschaft ermittelt inzwischen gegen die Unternehmens-Leitung.

In dem Betrieb in Bösel hat es nach Darstellung des Präsidenten des Niedersächsischen Landesamtes für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit, Eberhard Haunhorst, eine „eher kriminelle Machenschaft“ gegeben. Der Mischbetrieb, der die dioxin-verseuchten Fette beigemischt und an weiterverarbeitende Betriebe geliefert haben soll, sei illegal betrieben und deshalb nicht kontrolliert worden, sagte Haunhorst am Mittwoch dem NDR Studio Oldenburg. Der Betrieb selbst äußerte sich dazu bisher nicht.

Von dem Dioxin-Skandal sind mindestens neun Bundesländer betroffen. Bis zu 150.000 Tonnen Futter mit krebserregendem Dioxin sind in Deutschland in Unmengen von Schweinefleisch und Geflügelprodukten gelangt. Auch in die Niederlande kamen nach Erkenntnissen der EU-Kommission möglicherweise 136.000 dioxinverseuchte deutsche Eier. Sie seien aber nicht in den Handel gekommen, sagte der Sprecher von EU-Verbraucherkommissar John Dalli am späten Mittwochabend.

Bessere Kontrollen der Lebensmittelbranche

Das ganze Ausmaß des Skandals war weiter unklar. Jedoch wurden Rufe nach besseren Kontrollen der Lebensmittelbranche laut. Die Industrie kann aber nach Angaben des Bundesverbandes der Lebensmittelkontrolleure (BVLK) gar nicht vollständig überprüft werden. Es fehlten in Deutschland bis zu 1500 staatliche Prüfer, um die Branche effektiv zu überwachen, sagte der BVLK-Vorsitzende Martin Müller der „Neuen Osnabrücker Zeitung“ vom Donnerstag. Lebensmittelsicherheit sei in Deutschland deshalb eine Mogelpackung.

Bisher seien bundesweit 2500 Kontrolleure für 1,1 Millionen Betriebe in der Lebensmittelindustrie zuständig. In manchen Regionen stehe nur ein Mitarbeiter für 1200 Firmen zur Verfügung. Die Folge sei, dass etwa jedes zweite Unternehmen in Deutschland innerhalb eines Jahres überhaupt nicht kontrolliert werde, sagte Müller. Das politische Versprechen, die gesamte Lieferkette für Eier, Getreide, Milch und Fleisch staatlich zu kontrollieren, sei reine Utopie.

Mehr zum Thema

Der Dioxin-Skandal weitet sich immer mehr aus. Einem vertraulichen Bericht des Bundeslandwirtschaftsministeriums zufolge könnten 30.000 bis 150.000 Tonnen Futtermittel mit insgesamt 3000 Tonnen des verunreinigten Schmierfetts aus einer Biodieselanlage in Emden in die Tröge von Legehennen, Mastgeflügel und Schweinen gelangt sein.

Karl Doeleke 05.01.2011

Kein Anschluss in Hannover: Im Dioxin-Skandal hat Nordrhein-Westfalen eine Woche lang vergeblich versucht, wichtige Informationen aus Niedersachsen zu erhalten.

Karl Doeleke 05.01.2011

Nach den Dioxinfunden in Eiern sickern immer mehr Details durch. Demnach musste Niedersachsen zur Sperrung von rund 1000 Höfen gedrängt werden. Das Landesamt für Lebensmittelsicherheit und Verbraucherschutz bezeichnete derweil das Futter als „außerordentlich hoch“ belastet.

05.01.2011