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Der Dioxin-Skandal Dioxin-Skandal: Razzia in Uetersener Betrieb
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17:37 05.01.2011
Verbraucherschützer raten derzeit vom Verzehr von Eiern und Geflügelfleisch ab. Quelle: dpa
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Im Skandal um giftiges Dioxin in Tierfutter und Eiern ist am Mittwoch der Futterhersteller Harles & Jentzsch in Uetersen (Schleswig-Holstein) durchsucht worden. Polizisten und Staatsanwälte gingen nach Informationen der Nachrichtenagentur dpa am Mittag auf das Betriebsgelände, um Beweismittel sicherzustellen. Die Staatsanwaltschaft Itzehoe führt ein Ermittlungsverfahren gegen die Leitung des Unternehmens. Es soll technische Mischfettsäuren, die für die Papierherstellung bestimmt waren, für Futtermittel verwendet haben. In Uetersen fuhren am Mittag Polizisten und zivile Ermittler in mehreren Fahrzeugen vor.

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Die Staatsanwaltschaft bestätigte der dpa, dass es in Uetersen eine gerichtlich angeordnete Durchsuchung gab. Gleiches gelte für einen Betrieb im niedersächsischen Bösel, sagte Behördensprecher Friedrich Wieduwilt. Das Werk bei Cloppenburg betreibt ein Tanklager und eine Futterfett-Rührstation für Harles & Jentzsch.

Das niedersächsische Agrarministerium erhob Vorwürfe gegen den Futtermittelhersteller in Uetersen. Zu dessen Darstellung, mit Dioxin belastete technische Fettsäuren seien versehentlich in Futterfette gelangt, sagte Ministeriumssprecher Gert Hahne in Hannover: „Wir glauben dieser Darstellung nicht mehr.“ Angesichts der Menge der beanstandeten Fette halte das Ministerium ein menschliches Versagen in der Firma für unwahrscheinlich. „Die Darstellung, da hat einer den falschen Hahn aufgedreht, erscheint uns sehr unglaubwürdig“, sagte Hahne.

Bei der Biodiesel-Raffinerie von Petrotec in Emden seien keine Fehler erkennbar, gab das Ministerium an. Der eigene Produktionsprozess dieser Firma sei nach den bisherigen Überprüfungen nicht der Auslöser für die Dioxin-Belastung. Wie das Gift in die Fettsäure gelangt war, ist bislang nicht geklärt.

Bis zu 3000 Tonnen verseuchtes Futterfett wurden nach Angaben des Bundeslandwirtschaftsministeriums im November und Dezember hergestellt und gingen an 25 Futtermittelhersteller in mindestens vier Bundesländern. Anders als zunächst angenommen, wurden auch Agrarbetriebe in Schleswig-Holstein mit belastetem Futter beliefert. Es kam von einem Hamburger Händler, der Vorprodukte aus Uetersen bezogen hatte.

Nach jüngsten Angaben aus dem Landwirtschaftsministerium in Kiel erhielten im Norden 51 Agrarbetriebe und 8 landwirtschaftliche Handelsgenossenschaften belastetes Futter. Die damit belieferten Bauernhöfe wurden telefonisch aufgefordert, dieses Futter nicht mehr zu verwenden, sofern sie noch Bestände haben. Zur Debatte steht offenkundig auch die Frage, ob für Schweinemäster eventuell ein Schlachtverbot verhängt werden soll. Schweinezucht ist im Land deutlich stärker vertreten als Geflügelzucht.

Welche Eier sind betroffen?

Anhand der Erzeugercodes lässt sich feststellen, welche Eier mit Dioxin belastet sind. Das niedersächsische Ministerium für Ernährung, Landwirtschaft, Verbraucherschutz und Landesentwicklung gibt die Kennnummern der betroffenen Eier auf der Internetseite bekannt - bisher:

  • 2-DE-0355461
  • 3-DE-0312141
  • 2-DE-0312142
  • 2-DE-0312151

Ministerium: Dioxin-Ursache noch unklar

Die Bundesregierung hat vor Schnellschüssen gewarnt. „Wir kennen nicht die Ursache für die Dioxinkontamination“, sagte der Sprecher des Bundeslandwirtschaftsministeriums am Mittwoch in Berlin. Es gelte jetzt, die Ströme der betroffenen Futtermittel nachzuvollziehen. Möglicherweise belastete Lebensmittel seien bereits aus dem Handel geholt worden oder würden noch entfernt.

Der Genuss von Eiern stelle keine akute Gesundheitsgefahr dar, betonte der Sprecher. Es wäre „völlig überzogen“, jetzt auf den sämtlichen Genuss von Eiern und Fleisch zu verzichten. „Klar ist aber auch, diese Produkte müssen aus dem Verkehr gezogen werden“, betonte der Sprecher von Ministerin Ilse Aigner (CSU). Mit den Ländern solle geprüft werden, ob es für die Hersteller Verschärfungen geben muss.

Landtags-Agrarausschuss debattiert über Dioxin-Funde

Der niedersächsische Landtag wird sich in einer Sondersitzung des Agrarausschusses mit den Dioxin-Funden beschäftigen. Am kommenden Mittwoch werde die Landesregierung das Parlament über die aktuelle Lage informieren, kündigte die CDU-Fraktion am Mittwoch an. Die Opposition hatte eine Sitzung noch in dieser Woche gefordert. „Sorgfalt geht hier vor Schnelligkeit“, erklärte der Ausschuss-Vorsitzende, der CDU-Landtagsabgeordnete Frank Oesterhelweg. Bis zum 12. Januar solle verwertbares Datenmaterial vorliegen. Dann werde zugleich auch der Bundestags-Ausschuss in Berlin über die Dioxin-Belastung informiert.

136.000 verdächtige Eier in die Niederlande geliefert

Anfang Dezember sind 136.000 verdächtige Eier in die Niederlande geliefert worden. Dies geht aus einem Bericht des Bundeslandwirtschaftsministeriums an den Agrarausschuss des Bundestags hervor, der der Deutschen Presse- Agentur vorliegt. Die Eier wurden am 3. und 5. Dezember von einer Firma in Sachsen-Anhalt an ein Unternehmen im niederländischen Barneveld geliefert. Der betroffene Betrieb in Sachsen-Anhalt darf vorerst keine Eier mehr ausliefern.

Ein Sprecher des Landwirtschaftsministeriums bestätigte am Mittwoch in Berlin den Sachverhalt. Er betonte zugleich, dass kein belastetes Fett oder Futter in die Niederlande geliefert worden sei.

Dem Landwirtschaftsministerium zufolge wiesen einzelne Proben in Deutschland bei Eiern aus Legehennenbetrieben, die mit dem aus Schleswig-Holstein stammenden belasteten Futter beliefert worden sind, erhöhte Dioxingehalte auf. Auch Fleisch von Legehennen hatte teilweise deutlich zu hohe Dioxinwerte. Für Eier, die aus Betrieben stammen, die das belastete Futter erhalten haben, wurden Rückrufe eingeleitet. Zudem veröffentlichten einzelne Bundesländer inzwischen die betroffenen Chargen.

Verbraucherschützer: Auf Eier und Geflügel verzichten

Verbraucherschützer raten derzeit vom Verzehr von Eiern und Geflügelfleisch ab. „Um sich keinem Risiko auszusetzen, sollte man auf den Konsum derzeit verzichten“, sagte Bernhard Burdick, Ernährungsexperte der Verbraucherzentrale NRW, am Mittwoch auf dpa-Anfrage. „Es sind zwar einzelne Kenn-Nummern veröffentlicht von Eiern, die belastet sind, aber wir wissen nicht, welche unbelastet sind“, sagte er. Eine Ausnahme seien nach derzeitigem Stand Bio-Produkte, die nicht betroffen seien. Bio-Produzenten dürften die vom Dioxin-Skandal betroffenen Futtermittel grundsätzlich nicht verwenden.

Marktberichtsstelle: Verkauf von Eiern „spürbar“ gesunken

Der Verkauf von Hühnereiern ist als Folge des Skandals „spürbar“ gesunken - zu diesem Ergebnis kommt die landwirtschaftliche Marktberichterstattungsstelle MEG. Das genaue Ausmaß werde zwar erst in einigen Wochen bekannt sein. „Es gibt aber auf jeden Fall eine Verunsicherung der Verbraucher“, sagte MEG- Expertin Margit Beck der dpa am Mittwoch. Dieses Ergebnis habe eine aktuelle Befragung von Eiervermarktern erbracht. Die Expertin sprach von einer „aktuellen Unwucht in den Absätzen“.

Gesunken sei auch der Preis, den Händler derzeit mit Hühnereiern erzielen könnten: „Das ist zwar in der ersten Woche eines neuen Jahres normal. Der Rückgang dürfte in dieser Woche aber stärker als üblich ausgefallen sein.“

Positiv für die Vermarkter von Hühnereiern sei, „dass Eier ein alternativloses Lebensmittel sind: Die Kunden können nicht wie beim Fleisch einfach auf andere Sorten ausweichen“, sagte Beck. Die Bonner MEG Marktinfo Eier & Geflügel ist ein Anbieter für Markt- und Preisberichterstattung.

Noch keine flächendeckende Rückrufaktion

Der Lebensmittel-Einzelhandel sieht derzeit noch keinen Grund, wegen des Dioxin-Skandals große Mengen an Eiern oder Fleisch aus den Geschäften zu holen. „Eine akute Gesundheitsgefahr besteht nicht. Deswegen ziehen die Unternehmen auch nicht flächendeckend Ware aus dem Verkehr“, erklärte ein Sprecher des Handelsverbands Deutschland (HDE) am Mittwoch in Berlin. Großketten wie Edeka, Tengelmann und Rewe hatten zuvor mitgeteilt, bislang nicht von dioxinverseuchten Geflügelprodukten betroffen zu sein. „Wenn Lieferanten mit Belastungen bekanntwerden sollten, ziehen wir aber sicherlich einige Chargen zurück“, hieß es aus dem HDE.

Wiesenhof wirbt mit Seite-Eins-Anzeige um Vertrauen

Mit einer ungewöhnlichen Aktion wirbt der Geflügelhersteller Wiesenhof angesichts des Dioxin-Skandals um das Vertrauen der Verbraucher. Das Unternehmen schaltete am Mittwoch eine Anzeige auf der ersten Seite der „Bild“-Zeitung. „Wiesenhof-Geflügel ist nicht mit Dioxin belastet“, heißt es darin mit Verweis auf eigene Kontrollen. Obwohl Betriebe der Geflügelbranche keine Schuld an der Verbreitung belasteten Futtermittels hätten, wolle man jetzt in die Offensive gehen, erklärte Wiesenhof auf dpa-Anfrage: „Wir wollen Transparenz schaffen und das Kundenvertrauen stärken.“ Nach derzeitigem Stand befürchte man aber keine größeren Nachfrage- Rückgänge, betonte das Unternehmen.

dpa

Dieser Artikel wurde erneut aktualisiert.

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