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Der Dioxin-Skandal Dioxin-Skandal trifft 3300 Schweinemäster in Niedersachsen
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22:48 07.01.2011
Dioxin-Skandal: Rund 100.000 Eier wurden vernichtet. Quelle: dpa
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In Proben des Futterfettherstellers Harles und Jentzsch aus Schleswig-Holstein war 78-mal mehr Dioxin enthalten als erlaubt. Das haben weitere Untersuchungen ergeben, deren Ergebnisse das Agrarministerium in Kiel am Freitag veröffentlichte. Danach war die Belastung in neun von zehn Proben aus Schleswig-Holstein zu hoch. Wie am Freitag berichtet, waren als Futterfett deklarierte Industrieprodukte von Harles und Jentzsch bereits seit März 2010 in den Handel gelangt.

Bundesweit wurden mittlerweile mehr als 4700 Höfe gesperrt. Die meisten liegen mit rund 4500 in Niedersachsen, darunter allein fast 3300 Schweinemäster, wie Agrar-Staatssekretär Friedrich-Otto Ripke am Freitag mitteilte. In der Region Hannover sind zehn Milchhöfe gesperrt. Die Landesregierung will damit einem europaweit drohenden Exportverbot der EU für Schweinefleisch aus Deutschland vorbeugen. „Wir wollen ein Signal nach Brüssel senden“, sagte Ripke. Betroffen von den Sperrungen sind außerdem landesweit 250 Legehennenbetriebe, 94 Hähnchen- und 163 Putenmäster sowie 462 Milchbetriebe und 214 Rinderzüchter. Ripke stellte den Landwirten in Aussicht, von Montag an würden die ersten Betriebe wieder freigegeben. Die Agrarbetriebe reagieren zunehmend verärgert auf den Skandal: „Die wirtschaftlichen Einbußen müssen bis auf den letzten Cent ausgeglichen werden“, forderte Landvolk-Präsident Werner Hilse. „Unsere Bauern dürfen nicht auf dem Schaden sitzen bleiben, den ihnen die Futtermittelwirtschaft eingebrockt hat.“ Allein 100.000 Eier seien bisher vernichtet worden.

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Im Licht der neuen Erkenntnisse vermutet Staatssekretär Ripke kriminelle Machenschaften als Ursache des Skandals und forderte „hohe Strafen“ für die Verantwortlichen. „Wir wollen das als abschreckendes Beispiel.“ Die Höchststrafe von drei beziehungsweise fünf Jahren Haft sei mit Hinblick auf Tausende Geschädigte zu gering. „Das reicht mir nicht aus.“ Ripke stellte auch das Kontrollsystem infrage: „Mit Routinekontrollen wird man dem nicht Herr“, sagte Ripke dieser Zeitung. Niedersachsen will mit Forderungen in eine für den 14. Januar anberaumte Agrarministerkonferenz gehen: Für die Futtermittelproduktion geeignete Fette sollen anders eingefärbt werden als Industriefette, die Produktion soll getrennt werden, und für die Vorlage der Ergebnisse von Eigenkontrollen sollen kürzere Fristen greifen. Das Bundesagrarministerium reagierte skeptisch auf Forderungen nach härteren Strafen: „Wir sind offen für Gespräche, aber wir wollen keine Schnellschüsse“, sagte ein Sprecher.

Wulfa-Mast entlastet: Das niedersächsische Unternehmen Wulfa-Mast aus Dink­lage im Kreis Vechta, das den Skandal mit einer Selbstanzeige am 23. Dezember ins Rollen brachte, ist hingegen entlastet worden. Das Bundesagrarministerium hatte zuvor mitgeteilt, dass in einer aus dem Unternehmen stammenden Laborprobe bereits am 25. November ein erhöhter Dioxinwert festgestellt worden sei. Dies ist falsch, das Ergebnis lag erst am 27. Dezember vor. Agrarstaatssekretär Ripke sagte am Freitag: „Wulfa-Mast ist ein Positivbeispiel für eine Eigenmeldung.“

Höfe gesperrt – Bauern „stinksauer“

Ihre Höfe wurden gesperrt, ihre schlachtreifen Schweine dürfen vorläufig nicht verkauft werden. Vom Dioxin-Skandal direkt betroffene Landwirte haben sich am Freitag in Walsrode „stinksauer“ über die Machenschaften in der Futtermittelbranche geäußert. Bei der Pressekonferenz des Landvolks forderte Bauernverbandspräsident Werner Hilse Entschädigungen. Möglicherweise müssten zunächst die Lieferanten des verseuchten Mischfutters in Vorleistung treten.

Auch zehn Milchhöfe in der Region Hannover sind möglicherweise von der Dioxin-Belastung betroffen, bestätigte Behördensprecherin Christina Kreutz am Freitag. Die Milchbauern – drei in Wunstorf und jeweils zwei in Lehrte und Garbsen, einer in Barsinghausen, einer in Pattensen und einer in Sehnde – seien von Veterinären informiert worden, sagte Kreutz. Diese müssten nun anhand von Proben nachweisen, dass ihre Milch frei von dem Gift sei. Unterdessen ließ sich bei zwei von drei Schweinemastbetrieben in der Region Hannover der Verdacht einer Dioxin-Belastung ausräumen. Nach Angaben der Regionssprecherin kam aber ein neuer Betrieb hinzu – betroffen sind nun Unternehmen in Wunstorf und in der Wedemark.

Landwirt Wolfgang Ritz aus Kirchlinteln (Kreis Verden) rechnet nicht damit, dass ihm der entgangene Umsatz ersetzt wird. Mit einem Notprogramm wie zuletzt bei der Schweinepest rechne er nicht. „Wahrscheinlich werden uns nur die Kosten für den Labortest erstattet“, meint der 47-Jährige. Der Landhandel, mit dem der Kirchlintelner Hof seit Jahrzehnten vertrauensvoll zusammenarbeitet, hatte Mischfutter mit dem womöglich verseuchten Fettanteil aus Uetersen geliefert. Dem örtlichen Händler unterstellt Ritz keine Absicht, wohl aber dem schleswig-holsteinischen Zulieferbetrieb. Dass bei den Landwirten so viel kontrolliert werde und in der Futterindustrie so wenig, ärgere ihn. Der Kirchlintelner hält in seinem Betrieb 130 Sauen und mästet die Ferkel selbst. Glücklicherweise habe er gerade nicht so viele schlachtreife Tiere im Stall. „Das wird sich innerhalb der nächsten zehn Tage ändern.“ Ritz hofft nun auf einen schnellen Bescheid vom Landesamt für Verbraucherschutz, wo derzeit seine Futterproben auf Dioxin überprüft werden. Am Montag, meint er, könne er vielleicht Tiere zum Schlachthof bringen.

Ähnlich sieht es bei Schweinemäster Welf Klaer aus Schneverdingen aus. Er ist einer von zwölf Landwirten im Kreis Soltau-Fallingbostel, die am Dienstag den überraschenden Anruf vom Kreistierarzt bekamen. Bis dahin habe er geglaubt, es gehe beim Dioxin-Skandal nur um Hühner, erzählte Klaer in Walsrode. „Bei mir steigerte sich von Stunde zu Stunde die Wut.“ Die richtet sich bei ihm gegen die mutmaßlichen „Kriminellen“ in der Industrie. Für die von der Politik verfügte vorsorgliche Sperrung der Betriebe, die mit verdächtigem Futter beliefert wurden, habe er volles Verständnis, sagt der 54-Jährige. Er habe sich immer bemüht, „dem Verbraucher ein ordentliches Produkt zu liefern“. Darauf hätten auch die Käufer von nicht nach Biokriterien erzeugten Lebensmitteln ein Recht.

Laut Landvolk-Präsident Hilse können die mehrere Tausend Schweinemäster, deren Mischfutter möglicherweise Dioxin-Spuren enthält, auf schnelle Entwarnung hoffen. Bei den bisher untersuchten Fleischproben sei keine Grenzwertüberschreitung festgestellt worden. Schweinefutter enthält weniger Fett als Hühnerfutter, deshalb ist die Wahrscheinlichkeit von Giftrückständen im Ei höher.

Karl Doeleke, Dirk Schmaler, Gabriele Schulte und Sonja Fröhlich

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