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Der Dioxin-Skandal Dioxin in Eiern: Futter „außerordentlich hoch“ belastet
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05:00 05.01.2011
Die bisher in Proben festgestellten Dioxin-Überschreitungen sind „außerordentlich hoch“. Quelle: dpa
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Auf der Suche nach der Quelle von erhöhten Dioxinwerten in Futtermitteln und Eiern haben Behörden am Dienstag den Biodieselhersteller Petrotec in Emden durchsucht. Dabei seien keine Anhaltspunkte auf Dioxinquellen gefunden worden, sagte eine Sprecherin des Gewerbeaufsichtsamtes Emden am Mittwoch. Der Betrieb dürfe technische Mischfettsäure an die Ölindustrie liefern, nicht jedoch für die Lebensmittel- oder Futterproduktion. Die Überprüfung der hauseigenen Fette auf Dioxinspuren sei eingeleitet, Ergebnisse würden jedoch frühestens in einer Woche erwartet. „Wir wollen wissen, was dort verarbeitet wird“, sagte Agrar-Staatssekretär Friedrich-Otto Ripke am Dienstag dieser Zeitung.

Industriefette, die in Emden bei der Herstellung von Treibstoff entstehen und die von dort über Händler in Schleswig-Holstein und Bösel (Kreis Cloppenburg) an mindestens 15 Futtermittelhersteller in Niedersachsen geliefert wurden, könnten die Ursache für die Belastung von Lebensmitteln mit dem krebsauslösenden Stoff sein. Woher das Dioxin stammt, ist aber noch unklar. Bernhard Aue, beim Landesamt für Lebensmittelsicherheit und Verbraucherschutz zuständig für die Futtermittelüberwachung bezeichnete die bisher in Proben festgestellten Überschreitungen als „außerordentlich hoch“.

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Seit Dienstag dürfen mehr als 1000 Höfe in mehreren Bundesländern Eier, Milch und Fleisch erst wieder ausliefern, sobald sie auf eigene Kosten nachgewiesen haben, dass ihre Produkte unbedenklich sind. Bisher sind in Niedersachsen Eier von 18 Höfen untersucht worden, teilte das Agrarministerium mit. In einer Probe sei der Grenzwert überschritten worden, zwei Werte seien kritisch gewesen.

Nach Informationen dieser Zeitung wurde Niedersachsen während einer Telefonkonferenz am Montag von Bund und Ländern zur Sperrung von bis zu 1000 Höfen überredet. „Die Sperrung wurde nach der Konferenz in Gang gesetzt“, sagte ein Sprecher des Agrarministeriums.

Welche Lebensmittel neben Eiern belastet sind, wird nach Angaben der Behörden erst in den kommenden Tagen feststehen. Möglicherweise ist verseuchtes Geflügelfleisch aus Sachsen in den Handel gelangt. Ein Zuchtbetrieb aus dem Landkreis Görlitz hat verseuchtes Futter verwendet. Das Fleisch aus einer Schlachtung im Dezember ist wahrscheinlich bereits verzehrt. Der für die Futtermittelsicherheit beim Bundesinstitut für Risikobewertung zuständige Referatsleiter Helmut Schafft sagte dieser Zeitung, die bisher bekannten Überschreitungen der Grenzwerte in Eiern stellten jedoch kein Gesundheitsrisiko dar. Der Toxikologe der Universität Tübingen, Prof. Michael Schwarz, teilt die Einschätzung: „Der Grenzwert von drei Billionstel Gramm Dioxin pro Gramm Fett in Eiern ist sehr niedrig angesetzt.“ Kinder sollten dennoch nicht täglich Eier essen, riet die Deutsche Gesellschaft für Ernährung.

Das Land will als Konsequenz aus dem Skandal die Vorschriften für Lieferanten für die Futtermittelproduktion verschärfen. „Die Produktion von Fetten für die technische Nutzung und für Lebensmittel muss in Zukunft getrennt werden“, sagte Staatssekretär Ripke dieser Zeitung. Das Land werde mit einem entsprechenden Vorschlag in die nächste Agrarministerkonferenz gehen.

Nach Erkenntnissen der Bundesregierung sind bis zu 3000 Tonnen verseuchtes Tierfutterfett hergestellt worden. Es seien vom 12. November bis 23. Dezember 2010 nach derzeitigem Kenntnisstand sieben verdächtige Lieferungen an 25 Futterhersteller in mindestens vier Bundesländer verkauft worden. Dies geht aus einem Bericht des Landwirtschaftsministeriums an den Agrarausschuss des Bundestages hervor, der am Mittwoch der Deutschen Presse-Agentur vorlag. Eine Lieferung der mit Dioxin belasteten Futtermittel an andere EU-Staaten sei nicht erfolgt.

Das verseuchte Tierfutterfett wurde dem Bericht zufolge mit einer Einmischrate von zwei bis zehn Prozent in das Futter für Legehennen, Mastgeflügel und Schweine eingemischt, damit könnten zwischen 30.000 und 150.000 Tonnen betroffen sein.

Der Futterhersteller Harles & Jentzsch in Uetersen (Kreis Pinneberg) wird durchsucht. Polizisten und Staatsanwälte gingen nach dpa-Informationen am Mittwochmittag auf das Betriebsgelände, um Beweismittel sicherzustellen. Die Staatsanwaltschaft Itzehoe führt ein Ermittlungsverfahren gegen die Leitung des Unternehmens. Es soll technische Mischfettsäuren, die für die Papierherstellung bestimmt waren, für Futtermittel verwendet haben.

Karl Doeleke/dpa

Dieser Artikel wurde erneut aktualisiert.

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