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Der Dioxin-Skandal Firma hielt Lieferlisten wochenlang zurück
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23:21 16.01.2011
Ungereimtheiten in Damme: Ein Futtermittelhersteller hielt Kundenlisten zurück.
Ungereimtheiten in Damme: Ein Futtermittelhersteller hielt Kundenlisten zurück. Quelle: dpa
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Die Landwirtschaftliche Bezugsgenossenschaft Damme operiert an acht Standorten zwischen Vechta und Osnabrück, verbucht jedes Jahr Millionenumsätze, betreibt selbst ein Futtermittelwerk und ist mit einem zweiten eng verbunden, verkauft Saatgut und besitzt mehrere Tankstellen.

Das Unternehmen war Kunde des Futtermittelproduzenten Harles und Jentzsch, der den Skandal durch Fettpanschen verursacht haben soll. Alle Fettlieferungen, die seit November an Mischfutterhersteller gegangen sind, stehen in dem Verdacht, dioxinbelastet zu sein. Deshalb hatten die Aufsichtsbehörden die Kunden des schleswig-holsteinischen Betriebes aufgefordert, Listen mit ihren Abnehmern zu erstellen. In Niedersachsen zählen insgesamt 20 Betriebe zu den Kunden von Harles und Jentzsch, ihre Lieferlisten überprüfen die Mitarbeiter des niedersächsischen Landesamtes für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit (Laves) seit zwei Wochen auf „Zahlendreher, Auffälligkeiten und Irrtümer“, wie es im zuständigen Landwirtschaftsministerium heißt. Im Falle der Bezugsgenossenschaft aus Damme stießen die Behörden auf „Unstimmigkeiten.“

„Die Anzahl der Landwirte, die das Unternehmen angeblich beliefert, passt nicht zur Größe des Betriebes – es waren zu wenige aufgeführt“, sagte Ministeriumssprecher Gert Hahne am Sonntag. Mindestens 74 Kunden sollen nicht gelistet gewesen sein. Aber nur die aufgeführten Betriebe wurden vor rund zwei Wochen vorsorglich gesperrt, sodass sie kein möglicherweise dioxinhaltiges Fleisch oder belastete Eier liefern konnten. Diejenigen Betriebe, die Futtermittel aus Damme beziehen und nicht auf der Liste des Unternehmens an das Laves aufgeführt waren, verkauften unterdessen zehn Tage lang ihre Ware weiter. Vorwiegend soll es sich dabei um Eier gehandelt haben.

Im Laufe der vergangenen zwei Wochen machten sich zwei Mitarbeiter des Laves auf den Weg nach Damme. Der Aufforderung der Behördenmitarbeiter, ihnen die Namen sämtlicher Handelspartner zu nennen, sei man „alles andere als kooperativ“ begegnet, sagte Ministeriumssprecher Hahne. „Erst auf massiven Druck der Behörden“ habe die Firma am vergangenen Donnerstagabend die vollständigen Listen zur Prüfung herausgerückt.

Am Freitagabend, nach Abschluss der Prüfungen durch das Laves, wurde gegen alle Betriebe, die Futtermittel von der Firma aus Damme bezogen haben, ein Vertriebsverbot verhängt. Bundesweit trifft dies laut Bundesagrarministerium 934 Betriebe, rund 650 davon allein in Niedersachsen. Dies sind nach Angaben des Landwirtschaftsministeriums in Niedersachsen vornehmlich Betriebe für Schweinemast, Geflügelmast und Legehennen in den Landkreisen Vechta, Cloppenburg, Diepholz und Osnabrück.

Das Landwirtschaftsministerium schaltete auch die Justiz ein. Am Sonnabend ließ die Staatsanwaltschaft Oldenburg Räume der Bezugsgenossenschaft in Damme, Sulingen und Steinfeld durchsuchen. „Wir stehen aber noch ganz am Anfang der Ermittlungen“, sagte die Oldenburger Staatsanwältin Carolin Castagna.

Dass es möglicherweise noch eine ganze Menge aufzuarbeiten gibt, zeigt auch eine Kundeninformation, die die Genossenschaft am Sonnabend verschickte. Nach Informationen des NDR wurde der Futtermittelhersteller aus Damme bereits zu Beginn der vergangenen Woche darüber informiert, dass der Dioxingehalt in den Futterfetten zu hoch sein könnte. Wörtlich heißt es: „Analyseergebnisse schlossen zunächst eine Dioxingrenzwertüberschreitung in unseren Mischfutterprodukten rechnerisch aus. Zu Beginn dieser Kalenderwoche wurden uns dann allerdings Analyseergebnisse zugestellt, die diese Aussagen nur noch bedingt zulassen.“ Diese Ergebnisse seien „pflichtgemäß sofort der zuständigen Behörde mitgeteilt worden“. Das Landwirtschaftsministerium konnte dies am Sonntag nicht bestätigen. Es gebe derzeit keine Erkenntnisse über erhöhte Grenzwerte, sagte Hahne.

Die Genossenschaft in Damme geht davon aus, dass die möglicherweise giftbelasteten Lieferungen im November 2010 weiterverarbeitet worden sind.

Die Verantwortung für diese problematischen Futtermittel schieben die Händler weit von sich. Ihren Kunden teilten sie am Wochenende lediglich mit: „Da die Zuständigkeit der Risikoeinschätzung allein im Verantwortungsbereich der Behörden und Ämter liegt und nur von diesen vorgenommen wird, möchten wir Sie bitten, in Fragen zu diesem Sachverhalt sich direkt an Ihr zuständiges Veterinäramt zu wenden.“
Vertreter des Unternehmens wollten am Sonntag keine Fragen beantworten. „Da wird den ganzen Tag beraten“, hieß es.

Dirk Schmaler, Marina Kormbaki und Stefan Koch