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Der Dioxin-Skandal Fleischindustrie fürchtet um ihr Image
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23:00 13.01.2011
Die Folgen den Dioxin-Skandals zeichnen sich bereits ab: Schweinefleisch aus Deutschland darf nicht mehr nach China und Südkorea geliefert werden, Japan hat die Kontrollen für Eier und Geflügel- sowie Schweinefleisch verschärft.
Die Folgen den Dioxin-Skandals zeichnen sich bereits ab: Schweinefleisch aus Deutschland darf nicht mehr nach China und Südkorea geliefert werden, Japan hat die Kontrollen für Eier und Geflügel- sowie Schweinefleisch verschärft. Quelle: dpa
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35 Schweine waren jüngst im Tönnies-Werk Weißenfels in Sachsen-Anhalt von einem Landwirt angeliefert worden, die mit Dioxin gepanschtes Futter bekommen hatten, wie ein Firmensprecher am Donnerstag berichtete.

Die Hiobsbotschaft bekam das Unternehmen, mit einem Umsatz von knapp 4 Milliarden Euro und 7500 Mitarbeitern zweitgrößter Schlachtkonzern in Deutschland, am Dienstagabend vom örtlichen Veterinäramt. Da waren die Schweine jedoch schon geschlachtet und an drei weiterverarbeitende Betriebe ausgeliefert worden, wie der Firmensprecher erklärt. Die drei Betriebe seien sofort gemeldet worden. Ob das verarbeitete Fleisch der belasteten Schweine im Handel angekommen sei, wisse man noch nicht. Das niedersächsische Agrarministerium prüft derzeit, ob Fleisch von rund 150 mit dioxinverseuchtem Futter gemästeten Schweinen in den Handel gelangte.

Es sei „extrem wichtig“, dass man das Problem so schnell wie möglich in den Griff bekomme, heißt es bei Tönnies. Ein einziges Unternehmen der Futtermittelbranche, die Firma Harles & Jentsch aus Uetersen, habe mit „kriminellen Machenschaften“ eine ganze Branche in Verruf gebracht. „Das werden wir spüren.“ Bei Tönnies rechnet man damit, dass sich die Konsumenten an der Fleischtheke im Supermarkt auch bei Schweinefleisch zurückhalten könnten. „Wir beobachten sehr genau, wie der Verbraucher reagiert“, sagte der Konzernsprecher.

Auch im Exportgeschäft dürfte sich der Dioxin-Skandal auswirken. Der Tönnies-Konzern, der nach eigenen Angaben 50 Prozent seines Umsatzes im Ausland macht, hofft allerdings immer noch, wegen der „breiten Aufstellung“ im Export von Europa bis nach Asien alles in allem glimpflich davonzukommen. Nach Südkorea hat jetzt auch China ein generelles Importverbot für Schweinefleisch und Eier aus Deutschland verhängt. Japan ordnete gestern strengere Kontrollen für Eier, Geflügel- und Schweinefleisch an.

Das ist aus Sicht der deutschen Fleischbranche ärgerlich, weil dieser Markt noch „im Aufbau“ ist und man es sich natürlich nicht gleich mit den neuen Kunden verderben will. Kein Wunder: Bei den Chinesen macht die Branche auch noch mit den Teilen vom Schwein Geschäfte, die hierzulande keiner mehr essen will, Ohren, Schnauzen und Pfoten.

Die Fleischbranche, allen voran die großen Spieler wie Vion, Tönnies, der Genossenschaftskonzern Westfleisch und das Oldenburger Unternehmen D&S, das vom dänischen Fleischriesen Danish Crown geschluckt worden ist, treiben seit einigen Jahren ihr Geschäft im Ausland massiv voran. Rund 58 Millionen Schweine sind 2010 in Deutschland geschlachtet worden. Aber nur 80 Prozent werden für den heimischen Konsum gebraucht, wie Fleischexperte Bernd Maiweg von der Gewerkschaft Nahrung Genuss Gaststätten (NGG) sagt. Der sogenannte Selbstversorgungsgrad erreiche 120 Prozent, die Differenz gehe in den Export.

Auf den globalen Fleischmärkten ist der Wettbewerb beinhart. Dort treffen die deutschen Schlachtkonzerne auf Billiganbieter wie Brasilien, das sich zum Global Player entwickelt hat, wie Eckehard Niemann, Sprecher der bäuerliche Landwirtschaft (AbL), berichtet. Lukrativ ist das Geschäft offensichtlich dennoch für die deutschen Unternehmen. Weil sie laut NGG zu Hause Dumpinglöhne zahlen. Und weil sie bei ihren Lieferanten, den Schweinemästern, die Preise drücken, sagt Niemann von der AbL.

Bei dem Oldenburger Schlachtunternehmen D&S etwa seien von den rund 1200 Beschäftigten nur noch weniger als 100 direkt zu akzeptablen Konditionen angestellt, sagt Maiweg. Die übrigen Beschäftigten kämen meist aus Osteuropa und schufteten für Löhne von 5 bis 10 Euro die Stunde. Das funktioniere, weil sie Werkverträge bekämen und damit für sie nicht das deutsche Arbeitsrecht gelte.

Verlierer in dem Geschäft sind auch die Landwirte, wie AbL-Sprecher Niemann erklärt. Der Preisdruck infolge des scharfen Konkurrenzkampfes auf dem Weltmarkt schlage voll auf die Erzeugerpreise für die Landwirte hierzulande durch. Gleichzeitig sind die Preise für Getreide, das auch als Futter für die Schweine eingesetzt wird, in den vergangenen Monaten hochgeschnellt – und damit auch die Futtermittelpreise. Futtermittel aber sind für den Bauern der größte Kostenblock.

Das Futter von den eigenen Flächen reicht schon lange nicht mehr. Um Schweine und Geflügel im Turbotempo zu mästen, werden eiweißreiches Kraftfutter und allerlei Zusatzstoffe wie Fette eingesetzt. Zusammengemixt wird alles bei den Mischfutterproduzenten. Der Landwirt, der seine Futtermittel einkauft, weiß laut Niemann letztlich gar nicht, was der Cocktail für seine Schweine enthält. Die Abwärtsspirale bei den Preisen sei ein Grund für die kriminelle Energie von Vorlieferanten wie Harles & Jentzsch.

Begünstigt werden Lebensmittelskandale wie der von dem Unternehmen in Uetersen zuletzt ausgelöste durch die auch noch von der Bundesregierung geförderte Exportoffensive der Fleischbranche, wie Niemann sagt. Auf der Erzeugerseite ziehe sie – wie zuvor in der Hähnchen- und Putenhaltung agrarindustrielle Investoren an, die in großem Stil in die Schweinemast einstiegen. Die AbL nennt etwa die niederländische Straathof-Holding, die allein sieben Großstandorte plane. Oftmals stünden hinter diesen Investoren große Futtermittel- und Zuchtkonzerne. Und immer mehr Landwirte könnten diesem Konkurrenzkampf nicht trotzen und müssten aufgeben.

Zusammen mit Umwelt-und Verbraucherschützern fordert die AbL, die sich als Opposition zur Agrarlobby des Deutschen Bauernverbandes versteht, einen Stopp der „unseligen“ Exportoffensive und ein „Verbot von Agrarfabriken“. Eine Forderung, die von den Akteuren allenfalls belächelt wird.

Carola Böse-Fischer