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Der Dioxin-Skandal Neuer Minister Lindemann steigt in Dioxin-Debatte ein
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20:23 19.01.2011
Von Michael B. Berger
Gert Lindemann gibt im Anschluss an seine Vereidigung als Agrarminister im Landtag eine Regierungserklärung zum Dioxin-Skandal ab. Quelle: Martin Steiner
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Wir haben nur die Chance, die Dioxinaufnahme zu minimieren, darum zu kämpfen, dass jede vermeidbare Aufnahme abgestellt wird.“ Nur deshalb habe man vor Kurzem zu einem „bisher einmaligen Ereignis im Verbraucherschutz“ gegriffen und 4400 landwirtschaftliche Betriebe sperren lassen. Vorsorglich.

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Als dies geschah, war Gert Lindemann noch nicht im Amt, dessen Namen und Auftreten die SPD offenbar so stark an Loriot und seinen bekannten Sketch vom Lottogewinner „Lottemann“ erinnert, dass sie ein satirisches Büchlein im Landtag verteilte. Nun ist der 62-jährige Prädikatsjurist, der als Staatsanwalt begann, doch seit einem Vierteljahrhundert als Agrarexperte gilt, Minister. Und die größte Landtagsfraktion, die CDU, ist schier aus dem Häuschen, dass sie den alten Fuchs verpflichten durfte. Jeder zehnte seiner völlig unaufgeregt vorgetragenen Sätze zum Dioxin-Skandal wird mit markigem Beifall auf den CDU-Pulten begleitet. Fast wütend wird der Applaus, wenn Lindemann betont, dass „der Dioxin-Eintrag kein Systemfehler“ gewesen sei – „auch wenn die Grünen fast reflexhaft nach einer Agrarwende“ riefen und sich sogar das deutsche Feuilleton an der erneuten Debatte um die angeblich richtigen Strukturen in der Landwirtschaft beteilige.

Gert Lindemann, Waldbesitzer, passionierter Jäger und Liebhaber klassischer Musik, liebt das Feuilleton. Aber auch die klassischen Strukturen der Landwirtschaft, in der Kriminelle eine große „Sauerei“ verursacht hätten. Für die von den Grünen geforderte Agrarwende ist er, das macht er in seiner ersten Rede vor dem Parlament deutlich, nicht zu haben. „Es ist eher ein Zufall und keineswegs schlüssige Logik, dass im aktuellen Geschehen Bio-Betriebe nicht betroffen sind.“

Genauso deutlich aber macht er, dass Verbraucherschutz für ihn „absolute Priorität“ habe. Die Vergiftung der Futtermittel sei nicht unvermeidbar gewesen. „Sie war auch kein Versehen, sondern ist mit krimineller Energie erfolgt.“ Der Beifall von den Bänken der Regierungsfraktionen knallt geradezu in den Ohren. Und er braucht am Schluss des kurzen Auftritts Lindemanns sogar einige Minuten. Wie anders doch ist Lindemanns Vorgängerin Astrid Grotelü­schen hier aufgenommen worden. Die CDU-Landtagsfraktion hat sie einfach nicht gewollt.

Stefan Schostok, der immer noch neue SPD-Fraktionsvorsitzende, hält eine Erwiderung auf einen Redner, der gar nichts zu Dioxin gesagt hat, jedenfalls nicht hier im Parlament – auf Ministerpräsident David McAllister. Der habe sich durchlaviert, erst wochenlang in der Staatskanzlei „versteckt“ und sich durch „sträfliches Nichtstun“ im größten Lebensmittelskandal des Landes ausgezeichnet. „Dass Ihnen die Personalie Grotelüschen derart ans Bein lief“, sagt Schostok zu McAllister, sei dessen Zögerlichkeit zu verdanken. Vermutlich muss man ein Mann sein, um die Redewendung „ans Bein zu laufen“ zu verstehen. Auch der Chef der Grünen, Stefan Wenzel, rügt den Ministerpräsidenten, „sich einen schlanken Fuß“ gemacht zu haben. Mit Gert Lindemann komme leider „kein reformfreudiger Jungbauer, sondern ein Grandseigneur der alten Schule“. Den gibt der Fraktionsvorsitzende der CDU, Björn Thümler, heute nicht, der mit Lindemann immerhin die Agrarwende „einläuten“ möchte. Wie eine kirchliche Prozession.

So viel Vertrauen setzt Henning Adler von den Linken nicht in den Neuen, sieht in McAllisters Berufung eher ein Menetekel: „Wer einen Pensionär zum Minister macht, hat wenig Vertrauen in die Restlaufzeit seiner Regierung.“