Menü
Hannoversche Allgemeine | Ihre Zeitung aus Hannover
Anmelden
Der Dioxin-Skandal Schweinefleisch-Lieferungen rücken immer mehr in den Vordergrund
Nachrichten Panorama Themen Der Dioxin-Skandal Schweinefleisch-Lieferungen rücken immer mehr in den Vordergrund
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
16:38 12.01.2011
Wurde beim Futterfett systematisch gepanscht?
Wurde beim Futterfett systematisch gepanscht? Quelle: dpa
Anzeige

Für Schleswig-Holstein schließt das Landwirtschaftsministerium nach bisherigem Stand aus, dass mit Dioxin belastetes Schweinefleisch in den Handel gelangt ist. „Wir haben keine Hinweise darauf“, sagte Ministeriumssprecher Christian Seyfert am Mittwoch der Deutschen Presse-Agentur. Dagegen gab das Gesundheitsministerin in Magdeburg bekannt, dass möglicherweise belastetes Schweinefleisch aus Mastbetrieben in Sachsen-Anhalt nach Bayern, Sachsen und Niedersachsen geliefert wurde. Aus Nordbayern kam am Nachmittag dann eine Entwarnung. Niedersachsens Agrarministerium schloss nicht mehr aus, dass belastetes Schweinefleisch in den Handel kam.

Unterdessen geht die Staatsanwaltschaft Itzehoe weiter dem Verdacht nach, dass der im Zentrum des Skandals stehende Futterfett-Hersteller Harles und Jentzsch aus Uetersen belastete Vorprodukte möglicherweise systematisch so lange verdünnt haben könnte, bis der Dioxin-Grenzwert von 0,75 Nanogramm erreicht war. „Wir müssen das erst noch prüfen“, sagte Oberstaatsanwalt Ralph Döpper der dpa. „Wir werten das Material aus.“ Wie die Nachrichtenagentur dpa am Mittwoch aus Behördenkreisen der beteiligten Bundesländer erfuhr, wurden von einem Produktionstag Mischproben beschlagnahmt, bei denen hohe Dioxin-Eingangsbelastungen immer weiter reduziert worden waren. Damit das Labor nicht Alarm schlägt, seien die Proben als technische Fette deklariert und eingeschickt worden. Die Ermittler haben den Verdacht, dass der Eintrag über eine nicht registrierte Mischanlage im niedersächsischen Bösel erfolgte, die für Harles und Jentzsch betrieben worden sein soll.

Die Staatsanwaltschaft ermittelt gegen das Unternehmen nicht nur wegen des Verdachts des Verstoßes gegen das Lebens- und Futtermittelrecht. Die Behörde hat auch einen Anfangsverdacht auf Betrug und Verstoß gegen die Abgabenordnung bejaht. Der mögliche gesetzliche Strafrahmen reicht laut Döpper von Geldstrafe bis zu Freiheitsstrafen von einem Jahr beim Lebens- und Futtermittelrecht sowie bis zu fünf Jahren in den anderen beiden Punkten. In einem besonders schweren Betrugsfall wären bis zu zehn Jahren möglich.

Probeschlachtungen von Schweinen wegen des Dioxin-Skandals sind derzeit in Schleswig-Holstein keine geplant. „Wir haben aufgrund der offengelegten Handelswege Risikoanalysen gemacht“, sagte Ministeriumssprecher Seyfert. „Bei diesen Risikoanalysen sind wir überall sicher unter dem zulässigen Höchstwert von 0,75 Nanogramm geblieben.“ Folglich müsse es nach jetzigen Stand auch keine Probeschlachtungen geben. Gesperrt ist im Land nur noch ein Putenmastbetrieb. Das Schlachtverbot für alle anderen rund 80 zwischenzeitlich betroffenen Höfe wurde aufgehoben.

Woher das Dioxin in dem Futterfett aus Uetersen stammt, ist weiterhin unklar. Die Analyse von Proben hatte in den vergangenen Tagen teils extreme Überschreitungen des zulässigen Höchstwerts ergeben. Noch am Mittwoch wurden weitere Ergebnisse erwartet. Die Proben beziehen sich auf 180 Tonnen Mischfettsäure, die vom 11. November bis zum 23. Dezember 2010 zu 2600 Tonnen Futterfett verarbeitet wurden. Die Kieler Landwirtschaftsministerin Juliane Rumpf (CDU) hat eine harte Bestrafung der Verursacher des Dioxinskandals gefordert.

Rumpf wies am Nachmittag vor dem Umwelt- und Agrarausschuss des Landtags den Vorwurf der Umweltorganisation BUND zurück, ihr Haus habe Ergebnisse von Untersuchungen auf Dioxin bei Rindern zurückgehalten. Hier würden die aktuellen Ereignisse um Belastungen von Futtermitteln unzulässig mit Daten aus einem seit 2009 laufenden Monitoringprogramm zu Ursachen für Belastungen bei Weidetieren wie Schafen und Rindern vermischt. Dabei sei 2010 bei 40 Proben in einem Fall der Grenzwert überschritten worden, wahrscheinlich aufgrund einer noch näher zu klärenden einzelbetrieblichen Ursache. Die Ergebnisse zu Dioxin-Untersuchungen veröffentlicht das Landeslabor in seinen Jahresberichten. Diese sind im Internet nachzulesen.

Bundeslandwirtschaftsministerin Ilse Aigner (CSU) will einen Aktionsplan gegen Dioxin in Lebensmitteln vorlegen. Die gesamte Futtermittelkette müsse auf den Prüfstand, sagte ihr Sprecher in Berlin. Es gehe nicht nur um eine Zulassungspflicht für Futtermittelbetriebe, die Trennung der Produktion von Futterfetten und technischen Fetten sowie ein schärferes Strafrecht. „Es wird erweiterte Maßnahmen geben.“

dpa