Menü
Hannoversche Allgemeine | Ihre Zeitung aus Hannover
Anmelden
Eurovision - Lena in Düsseldorf 42 Herausforderer treten beim ESC gegen Lena an
Nachrichten Panorama Themen Eurovision - Lena in Düsseldorf 42 Herausforderer treten beim ESC gegen Lena an
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
18:29 06.04.2011
Von Imre Grimm
Lena tritt beim Eurovision Song Contest 2011 gegen 42 Herausforderer an.
Lena tritt beim Eurovision Song Contest 2011 gegen 42 Herausforderer an. Quelle: dpa
Anzeige

Wenn der ESC ein Seismograph für die kulturellen Strömungen in Europa ist, dann erleben wir eine Homogenisierung, eine popkulturelle Angleichung der Geschmäcker: Der Jahrgang 2011 kommt ohne trommelnde Omas aus, ohne singen de Truthähne, ohne irrlichternde Gruselmonster. Stattdessen: viel radiotauglicher Mainstream, viel Konsensmusik – und dazwischen Lena: schlicht, schwarz, düster, cool. Wie im vergangenen Jahr ein optischer und musikalischer Kontrapunkt. Das nährt die nationalen Hoffnungen.

Nur die großen Beitragszahler Deutschland, Frankreich, England, Spanien und Rückkehrer Italien sind im Finale gesetzt, 38 von 43 Teilnehmern müssen sich erst noch im Halbfinale durchsetzen. Italien – erstmals seit 1997 wieder dabei – schickt Raphael Gualazzi ins Rennen. Und das ist ein Fehler. Gualazzi hat den Nachwuchswettbewerb beim Schlagerfestival von San Remo gewonnen. Der ESC aber ist nicht San Remo. Gualazzis Swing-Liedchen „Madness Of Love“ gehört mit seiner 40er-Jahre-Dixietrompete eher in einen Nespresso-Werbespot. Swing beim ESC? Das ist wie Freejazz bei Rock am Ring (Roger Cicero lässt grüßen). Dabei wäre es ein Jammer, wenn Italien bei seinem Comeback schlecht abschneiden und gleich wieder gekränkt abrauschen würde.

Gute Chancen aufs Finale hat Österreich mit „The Secret Is Love“, einer naiven Friedenshymne (das hat doch schon mal ganz gut geklappt?) von Nadine Beiler, Arzttochter aus Tirol, die – rehäugig und mit Mireille-Mathieu-Bob – mit nur 20 Jahren ein Comeback feiert: Vor vier Jahren gewann sie die Castingshow „Starmania“, es folgten: Album, Überforderung, Krise, Zwangspause Rückkehr. Stefan Raab attestierte ihr „eine super ausgereifte Stimme und einen professionellen Song“.

Aserbaidschan versucht sein Glück mit einer eingängigen Rockballade (Ell/Niki: „Running Scared“), Weißrussland dagegen mit dem üblichen, sturzblöden Discogestampfe, diesmal propagandistisch aufgemotzt mit patriotischen Liebesschwüren (Anastasiya Vinnikova: „I love Belarus“). Mutig zeigt sich dagegen erneut Belgien – letztes Jahr mit Tom Dice immerhin Sechster – mit der A-cappella-Beatbox-Nummer „With Love Baby“ von der sechsköpfigen Truppe Witloof Bay. Und die Schweiz entsendet die sympathische, sehr lenaeske Anna Rossinelli mit der Gitarrenballade „In Love For A While“.

Nicht die geringste Gefahr droht Lena von der bulgarischen P!nk-Imitatorin Poli Genova („Na Inat“) sowie der in Portugal populären Comedytruppe Homens da Luta (Männer des Kampfes), deren lahmes „Luta É Alegria“ – optisch an die Village People angelehnt – ein ironisch-sozialkritischer Beitrag zur Finanzkrise sein soll. Innenpolitisch ein Knaller, dem Rest Europas aber doch eher wurscht. England, lange die Lachnummer des Kontinents, schickt die gealterte Boyband Blue mit „I Can“ nach Düsseldorf. Die BBC kürte das Quartett intern. Frankreich schickt einen Knödeltenor mit einer schwülstigen Ballade im Vangelis-Sound („Sogun“), die jede Davidoff-Reklame zieren würde.

Dänemarks Beitrag „New Tomorrow“ ist nett, klingt aber wie ein Nachbau von Wolfgang Petrys „Weiß der Geier“, vorgetragen von vier Ross Anthonys, die vor allem der ESC-Stammklientel gefallen dürften. Fraglich ist auch, ob sich Europa von plumpen Sommerhitversuchen aus Armenien bezirzen lassen wird (inklusive der ewiggültigen Refrainzeile „Boom, boom, tschaka, tschaka!“), von totproduziertem Pathos-Pop aus Albanien (Aurela Gace: „Feel The Passion“), von Haudrauf-Hardrock aus der Türkei (Yüksek Sadakat: „Live It Up“) oder vom bosnischen Star Dino Merlin mit seiner Country-Folklorenummer „Love In Rewind“, die in Fanforen hoch gehandelt wird. Den Ehrentitel „Aussichtsreichster Anwärter auf den letzten Platz“ teilen sich Spaniens Lucia Pérez (schon wieder eine Zirkusnummer!) und der Menowin aus Lettland (Musiqq: „Angel In Disguise“).

Und die Favoriten? Russland wird weit kommen mit dem 23-jährigen Alexej Vorobyov. Seine solide Stadionhymne „Get You“, angesiedelt irgendwo zwischen A-ha und Bon Jovi, stammt vom marokkanischen Komponisten RedOne, der auch Lady Gaga beliefert. Auch Irland könnte wieder mal etwas reißen – mit den 18-jährigen, eineiigen Zwillingsjungs John und Edward Grimes (zusammen: Jedward), die in der britischen Version von „X Factor“ eine Art Doppel-Küblböck bildeten. Ihr Partyheuler „Lipstick“ ist das beste Lied, das Britney Spears nie gesungen hat.

Hoch gehandelt wird auch die estnische Sängerin Jetter Jaani mit ihrer verspielten, metropolitanen Minioper namens „Rockefeller Street“, ebenfalls im Achtziger-Sound, leider mit Gehstock und Skyline-Kulisse anstrengend inszeniert. Für Israel tritt eine leicht gealterte, aber teilrenovierte Bekannte an: Dana International, die 1998 als transsexuelle Siegerin von Birmingham zur Symbolfigur eines weltoffeneren Israel wurde, wagt sich mit „Ding Dong“ erneut ins Rennen. Fünf propere Backgroundsängerinnen lassen die gereifte Diva geradezu zierlich wirken.

Und Lena? Ihr „Taken By A Stranger“ klingt wie eine Oase der Moderne in diesem doch ziemlich altmodischen Angebot. Ihr Titel ist kein ganz sicherer Treffer wie „Satellite“, aber bei dieser Konkurrenz alles andere als chancenlos. Die 19-Jährige wird mit zwei Backgroundsängerinnen und drei Tänzerinnen auftreten – und erneut puristisch, ohne Pyrotechnik, Kettensägen, Bikinimädchen oder Windmaschine.

À propos Windmaschine: Ralph Siegel ist nicht dabei. Er scheiterte bei den Vorentscheiden in Malta und Moldawien.

2500 Journalisten berichten vom Eurovision Song Contest

Rund 2500 Journalisten werden vom Eurovision Song Contest in Düsseldorf berichten, 500 davon aus Deutschland. Der Andrang ist gewaltig: Der NDR musste mehrere Hundert Anfragen allein aus Deutschland ablehnen. Lena selbst wird mit der deutschen Delegation am Freitag, 6. Mai, in Düsseldorf erwartet. Ihre erste Probe in der Arena geht am Sonnabend, 7. Mai, um 15.30 Uhr über die Bühne. Die TV-Regie für das Weltbild vom Song Contest übernimmt Ladislaus Kiraly („tv total“, „Unser Star für Oslo“, „Schlag den Raab“, heute-show“), Hergestellt werden die Sendungen von Brainpool im Kooperation mit dem NDR. Wie 2010 ist auch diesmal ein Public Viewing in Hannover geplant, der Ort steht noch nicht fest. Die deutschen Punkte werden wie bisher von der Hamburger Reeperbahn vermeldet. Die Arena in Düsseldorf wird am Donnerstag offiziell von der Stadt an den Veranstalter NDR übergeben. Damit kann der Aufbau beginnen.