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Eurovision - Lena in Düsseldorf Lena aus Hannover will ihren Grand-Prix-Titel verteidigen
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00:15 14.05.2011
Von Imre Grimm
Nach dem Sieg ist vor dem Sieg? Am Samstagabend will Lena ihren Grand-Prix-Titel verteidigen.
Nach dem Sieg ist vor dem Sieg? Am Samstagabend will Lena ihren Grand-Prix-Titel verteidigen. Quelle: dpa
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Am Rheinufer in Düsseldorf. Zwei ältere Herren sind mit dem Fahrrad da, Lena gucken. Ein Partyschiff schaukelt sanft auf den Wellen, und auf dem Oberdeck, ganz klein, steht Lena. „Da isse, da hinten“, sagt der eine. „Wo denn, wo?“, fragt er andere. „Da is’n Mann davor.“ Beide gucken. Die Fotografen am Ufer drücken auf ihre Auslöser. „Die knipsen sie. Guck doch!“ Schweigen. Gucken. Wie im Zoo. „Dat Lenchen ist clever“, sagt der eine, „die wird ihren Weg machen.“ – „Ja“, sagt der andere. „So wat is toll. Die macht dat. Die macht weiter. Egal wie dat läuft hier.“

Die Fotografen, die Journalistentrauben um sie herum, die ewig gleichen Fragen, die Fans mit den roten Ohren, diese schillernde Seifenblase namens Eurovision – sie kennt das alles, aber etwas ist anders als vor einem Jahr in Oslo. Lena ist kein Frischling mehr. Aus ist es mit dem Welpenschutz. Dafür verfügt sie über etwas, was die ganze Sache zwar leichter macht, gleichzeitig aber im Widerspruch steht zu dem Bild, das sich das Land von ihr gemacht hat: Erfahrung. Souveränität.

Livekonzert in Frankfurt, Ende April. Lena steht auf der Bühne, ein kleines Mädchen in der ersten Reihe ruft nach Wasser. Lena hört sie. „Mäuschen, wo bist du denn?“, ruft sie. „Können wir mal Licht haben hier?“ Es soll niemand darben, es soll niemand leiden auf einem Lena-Livekonzert.

So schnell kann das gehen. Eben noch war sie selbst das Mäuschen, das schützenswerte Wesen, um dessen Reinheit und Unschuld sich die Nation sorgte. Nun ist sie die Kümmererin, die virtuelle große Schwester für kleine Mädchen in Reihe eins.

Sie sind ja alle erzählt, diese Geschichten: vom Misburger Reihenhaus in den europäischen Pophimmel, von einer namenlosen Castingbewerberin mit der Nummer 05053 auf der Brust zur Siegerin von Oslo, zum deutschen „Fräuleinwunder 2.0“, zum Medienphänomen, zur Ikone einer neuen deutschen Leichtigkeit. Der Lena-Hype führte Deutschland 2010 an den Rand des nationalen Deliriums. Aber dann schlug das Pendel zurück. Die Monate vor ihrer Tour waren hart. Aus einem einsamen „Aufhören“-Zwischenruf bei einer Fernsehpreisverleihung konstruierten argwöhnische „Beobachter“ ein drohendes Karriere-Aus. Erst die übermütige Entscheidung, noch einmal ins Rennen zu gehen, dann die zähe Lena-gegen-Lena-Liedauswahl im Winter. Jetzt werde ihr aber das Genick brechen, hieß es schnell, und dieser Raab, dieser großkotzige Metzger, der werde schon sehen. Flieg nicht so hoch, mein kleiner Freund. Und überhaupt: Dieses Flapsige, Unverstellte, Freche, Mädchenhafte – kann das echt sein? Gehört das nicht dringend mal entzaubert?

Auf dem Rhein. Oberdeck. Ein britischer Kameramann drängelt nach vorn. Lena steht neben ihm. Das Gegengewicht seiner tragbaren Kamera trifft sie mit voller Wucht an der Schläfe. Das tut weh. Sie reibt sich den Kopf, eine Beule wird bleiben. Ein Bild mit Symbolwert: Sie brauchen sie, sie brauchen die Bilder, und sie verletzen sie dabei.

Das Problem war ja, dass sich diese Geschichte für Journalisten so schön einfach schrieb: von der Überfliegerin zur Superzicke, nach dem großen Glück der tiefe Sturz. Es ist die Mutter aller Prominentenstorys, ein Klassiker des Geschäfts. Und die hirnlosen Billig-Blogs im Netz schreiben sie dann alle ab. Ob die Sache wahr ist: zweitrangig.

ESC-Deutschland-Party in Düsseldorf. Auf den Tischen stehen Lena-Fähnchen. Ein kritischer Feuilletonist aus dem Rheinland, der sich seit Jahren an Raab abarbeitet und jüngst in einer Glosse beschrieb, wie der auf dem Klo saß und eine Showidee gebar, guckt sich verstohlen um. Dann nimmt er zwei Lena-Fähnchen, rollt sie zusammen und steckt sie ein.

Peter Urban kommt die Galle hoch, wenn er an die Häme im Netz denkt, die „kalt“ vorgeschriebenen Konzertverrisse, das Lena-Bashing als Volkssport. Nicht, weil der Grand-Prix-Kommentator als NDR-Mann selbst irgendwie auch Teil des Lena-Kosmos’ ist, sondern weil es ihn seit Jahren nervt, wie die Deutschen mit ihren paar Stars umgehen. „Also: Ich begreife dieses Land nicht mehr“, sagt Urban, trinkt Cappuccino mit Herzchenschaum und regt sich auf. „Was hat Lena denn eigentlich falsch gemacht? Vor einem Jahr ging sie noch zur Schule, und seitdem hatte sie zwei Alben auf Platz eins, sie hat den ESC gewonnen, sie hat eine sehr erfolgreiche Tour hinter sich. Wann hat es das bitte schön jemals gegeben, dass ein Newcomer sein allererstes Livekonzert gleich vor 6000 Menschen gab?“

In Hannover wollten 8000 Menschen Lena sehen, in Köln 11.000. „Diese Schreiberlinge zeigen, dass sie einfach keine Ahnung haben“, schimpft Urban. „Große internationale Künstler kriegen lange nicht so viele Zuschauer zusammen; Katey Perry 5000, Kylie Minogue in Hamburg 5500, Joe Cocker 6000. Was im Himmel wollen diese Menschen? Es ist böswillig, es ist diese deutsche Scheiß-Eigenheit, dass man neidisch ist auf erfolgreiche Menschen.“ Die Frage kann man ja stellen: Lena soll sich angeblich inszenieren - aber Lady Gaga geht abends mit Turmfrisur und im Lackkostüm schlafen oder was? „Die schlechteste Lena-Kopie ist Lena selbst“, giftete der „Spiegel“.

Lena sitzt auf einer Blumenwiese. Neben ihr Sarah Kuttner, 13 Jahre älter. ARD-Dreharbeiten. Kuttner bohrt. „Alle haben eine Meinung zu dir. Das muss doch alles der Wahnsinn für dich sein?“. „Na ja“, sagt Lena. Schweigt. „Scheiße ist, dass man auf die Straße geht und immer überall erkannt wird. Nervig ist, wenn man eigentlich nur mal im Jogginganzug einen Kaffee trinken will und irgendwo in der Sonne sitzen will, und es glotzen alle. Manchmal fuckt mich das ab, und dann macht es mich auch traurig.“

Anonymität ist ein hohes Gut. Ihren Wert erkennt man meist erst, wenn man sie verloren hat. Es glotzen ja nicht nur alle, es sagen auch alle: Was will denn die? Die wollte das doch so! Selber schuld! Dabei ist das, was man von ihr verlangt, die Quadratur des Kreises: gefälligst unverbraucht zu bleiben, über Jahre. Ein nicht aufzulösender Widerspruch. Andere wären daran zerbrochen. Lena nicht. „Ich bin dazu erzogen, die zu sein, die ich bin, Veränderungen eingeschlossen“, sagt sie. Es ist dies der Grund dafür, dass sie Respekt verdient: Weil sie sich traut, Lena zu sein und niemand sonst. „Sie hat sich nicht verändert“, sagen alle, die sie kennen. Man sehe sie nur mit anderen Augen.

PRO7-Livesendung am Dienstag in Düsseldorf in einer Loge in der Arena. Werbepause. Die Kameras sind aus. Moderator Matthias Opdenhövel pustet sich mit einem Miniventilator Luft ins Gesicht. „Willst du auch?“, fragt er Lena. „Nee“, sagt die. „Ich bin nicht so der Schwitztyp.“ Und dann kichert sie, fläzt sich aufs Sofa und stimmt plötzlich ein Geburtstagslied an für Dominic, den Bassisten der Heavytones. Alle müssen mitsingen. Da ist nichts kalkuliert. Sie müsste das nicht tun. Niemand sieht es.

Natürlich kann man ein Wunder nicht nach Belieben wiederholen. Aber was wäre die Alternative gewesen? Deutschland wäre mit einem sterbenslangweiligen Swing-Akt auf Platz 14 gelandet, und Lena säße bis ans Ende aller Tage als „das Mädchen, das mal den Grand Prix gewann“, auf den Talksofas der Nation, langsam alternd.

Eine gute Geschichte kann man fortsetzen. Vielleicht steht das Schneewittchen am Ende nicht wieder im Glitzerkonfettiregen. Aber es kann wenigstens erhobenen Hauptes die Arena verlassen. Um dann, später irgendwann, sein eigenes Märchen fortzuschreiben.