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Eurovision - Lena in Düsseldorf Lena begeistert bei den Proben zum Eurovision Song Contest
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10:05 09.05.2011
Lena bei den Proben in Düsseldorf.
Lena bei den Proben in Düsseldorf. Quelle: dpa
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Es gibt diese besonderen Momente, bei denen man schon beim Erleben weiß, dass man sie nicht so schnell vergessen wird, vielleicht nie. Der erste Kuss, die erste Nacht in der eigenen Wohnung, die erste stockelige Autofahrt. Und natürlich wohnt auch dem zweite Kuss im besten Fall ein Zauber inne, aber er ist doch anders. Aufregend, doch vertraut. Am Wochenende stand Lena Meyer-Landrut auf einer Bühne des „Eurovision Song Contest“ (ESC). Sie probte wie vor fast genau einem Jahr ihren musikalischen Wettbewerbsbeitrag, tanzte in High Heels mal entrückt wie ein Wesen vom fremdem Planeten im Lichtsäulenzirkuszelt, mal ästhetisch wie eine Marionette im Hosenanzug samt Pluderbeinkleidern. Die Haare zog sie dabei immer wieder tief ins Gesicht, ihr Lächeln dahinter wirkte zart und doch ein wenig irre wie in einem guten Horrorfilm. Unheimlich, diese Lena. Hinter ihr tanzte die agile Kunststoffanzugeinheit, die auf die Leinwand projeziert zu einem ganzen Heer von geklonten, bed rohlichen, silbernen Gespenstern wird. Wow. Dann scheint ein Spiegel zu zerbrechen, die Videoprojektion zerfällt, das Lied ist vorbei. Ein musikalisches Gruselstück, perfekt inszeniert.

Auch in diesem Jahr applaudierten am Bühnenrand einige Pressevertreter, die statt Notizen niederzuschreiben, ganz unparteiisch Deutschlandfahnen schwenkten. Lena lächelte ihnen nach den geglückten Durchläufen zu und massierte sich die Füße. Kein lenaeskes Jauchzen und Gekicher, die Journalisten strahlten dennoch wie Familienväter bei Spielen der Fussball-E-Jugend.

Es sind vertraute Bilder, die man am Wochenende in Düsseldorf beobachten konnte. Erste Fans suchten an der riesigen Arena einige der 43 Künstler und Bands für Autogramme, 550 Helfer mit dem edel klingenden Namen Volunteers verrieten aber nicht, wo sie diese finden könnten. Hunderte angereister Journalisten twitterten, mailten und facebookten über Belanglosigkeiten, die in der ESC-Ekstase zum Ereignis werden können. So ging in den aufgeregten Berichten über Lenas angeblichen Bestechungsversuch mit Apfelkuchen während der ersten Pressekonferenz („Ich habe noch nichts gegessen und schlage vor, dass wir eine Tea-Time machen.“) fast unter, dass die gebürtige Hannoveranerin ihren vorerst letzten ESC-Auftritt plant. „Auch wenn ich gewinnen sollte, werde ich nächstes Jahr auf keinen Fall noch einmal mitmachen!“, machte Lena deutlich. Und an einen Sieg am Sonnabend vor 120 Millionen TV-Zuschauer denke sie auch nicht. „Damit würde ich mich nur verrückt machen.“

Diesen Satz hat sie in Oslo auch gesagt. Doch obwohl die Szenen vertraut wirken, ist alles anders – nicht nur Lenas Song. Die Fans bei den Proben haben sich mindestens verdreifacht. Belagerten Lena beim Empfang im Osloer Rathaus nur einige Journalisten, sind es beim diesjährigen Empfang am roten Teppich an der Düsseldorfer Tonhalle Hunderte, bei der Pressekonferenz ist fast jeder Stuhl besetzt – nur bei der englischen Boygroup Blue sind noch mehr da. Der Druck hat noch einmal zugenommen, jeder leichte Schritt von ihr wird schwer diskutiert, und die Kritiker, die im vergangenen Jahr noch vor dem eigenartige Englisch, dem unkonventionellen Tanzstil und diesem Gaga-Kultur-Anhänger Stefan Raab warnten, scheinen nur auf den zweiten Akt des Lena-Luststücks gewartet zu haben. Sie wittern eine zweite Chance aufs Drama und fragen nach Angst, Nervosität, Reue. Zumindest wäre ein Absturz etwas Neues im gewohnten Glitzergeschäft der Eitelkeiten. Gewöhnung bedeutet oft das End e der Begeisterung. Wer erinnert sich noch an den dritten, vierten Kuss? Und freute man sich wirklich für Michael Schumachers letzten WM-Titel?

Doch Lena wird es den kritischen Stimmen in Düsseldorf schwer machen – weil sie statt von Reue von Apfelsaftflecken auf ihren Klamotten und noch wilderen Haarphantasien erzählt. Sie setzt auf den warmherzigen, aber kalten Entzug. Statt erneut das „Verdammte Axt“-Girlie samt Entstaubungsmittel für das Folklorefest an der Humorgrenze zu geben, entzieht sie sich den Erwartungen und kommt als routiniert wirkende, rätselhafte Sängerin, die mit der mystischen Elektronummer „Taken By A Stranger“ fast einen Anti-ESC-Song fern von Konfettiregen und Mitklatschorgien liefert. Statt noch greller im Licht der 1000 LED-Lampen und 2000 Scheinwerfern im größten TV-Studio der Welt zu strahlen, setzt sie auf niedersächsisches Understatement, das in seiner Unnahbarkeit noch mehr Aufmerksamkeit schafft. Die Zirkus-High-Hells passen eigentlich nicht zu dieser Lena. Zur Presse kam sie entsprechend nur auf Strumpfhosen.

Es wirkt, als würde sich Lena in ihrer streitbaren, aber doch einzigartigen Art in diesem Jahr noch weiter von den historisch gewachsenen Gegebenheiten des bunten Bardenwettstreits entfernen. Man kann das mit den typischen ESC-Songs vergleichen. Nach zwei Strophen samt Refrain folgt eine Bridge und der Refrain ein paar Töne höher – das ist der Pathosturbo, der finale Rettungsschmus, der ganz große Gefühlsheuler. Nur Lena heult auch in diesem Jahr nicht mit, das wurde am Probenwochenende deutlich. Sie setzt mystische Zeichen. Im vergangenen Jahr haben diese dennoch Hunderttausende weltweit verstanden. Und vielleicht werden sie sich am Sonnabend an diesen besonderen Moment wie den ersten Kuss erinnern – und daran, dass ein Kuss mit etwas Uebung noch intensiver wirken kann.

Jan Sedelies