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Eurovision - Lena in Düsseldorf Lena landet mit „Taken By A Stranger“ auf dem zehnten Platz
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20:25 15.05.2011
Lena bei ihrem Auftritt in Düsseldorf.
Lena bei ihrem Auftritt in Düsseldorf. Quelle: dpa
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Was für eine Show. Was für eine Eröffnungsnummer. Was für eine coole Lena. Und was für ein überraschendes Ergebnis: Der Sieger des Eurovision Song Contest 2011 in Düsseldorf heißt Aserbaidschan. Das Duo Ell & Nikki siegte mit seiner radiotauglichen Midtempo-Popnummer „Running Scared“ mit 221 Punkten vor Rückkehrer Italien (189) und Schweden (185). Und Lena, Titelverteidigerin aus Hannover, verabschiedet sich mit einem Top-Ten-Platz (107 Punkte) und zwei starken Auftritten vom Grand-Prix-Zirkus – in Richtung neues Leben. Am Ende war das Wunder von Oslo doch nicht wiederholbar, am Ende war „Taken By A Stranger“ doch nicht das Lied, das Europa an diesem Abend hören wollte. Lena kann dennoch zufrieden sein: Das war ganz großes Entertainment für 120 Millionen Zuschauer in 55 Ländern.

„Danke Welt, danke Europa, danke Aserbaidschan, danke Gott!“ – Sängerin Nikki (31), bürgerlich Nigar Jamal, und ihr jüngerer Duettpartner Ell, bürgerlich Eldar Gasimow (20), wussten nachts um halb zwei auf der Siegerpressekonferenz gar nicht, wohin mit ihrer Begeisterung: „Für uns ist ein Traum wahr geworden!“ Aserbaidschan also – ein Land, das geografisch zu Asien, politisch und fernsehtechnisch freilich zu Europa gehört. Viele der 2500 ESC-Journalisten aus aller Welt mussten erst mal googeln. Für die kleine Republik am Kaspischen Meer mit ihren neun Millionen Einwohnern, die erst zum vierten Mal am ESC teilnimmt, dürfte der Triumph von Düsseldorf der größte Erfolg ihrer jüngeren Geschichte sein. Ob das aserbaidschanische Staatsfernsehen in der Lage sein wird, diese Mammutaufgabe zu stemmen, werden Gespräche mit der European Broadcasting Union (EBU) in den nächsten Tagen klären. Dank seiner Ölquellen ist das Land freilich finanziell ganz gut beieinander. Der Staatsbankrott droht wohl nicht durch den ESC 2012 in der Hauptstadt Baku (1,1 Millionen Einwohner).

Lena selbst war grenzenlos erleichtert nach der Show – von Enttäuschung keine Spur: „Ich bin so froh“, sagte sie um ein Uhr morgens, lachte, tanzte, kicherte. „Ich fühle mich wie auf Wolke 2000, von mir fällt eine Riesenlast ab.“ Sie gratulierte den Siegern in der Landessprache. „Ich habe auf Aserbaidschan gewettet.“ Und jetzt? „Ich bin super zufrieden mit dem Auftritt. Wir sind alle sehr, sehr stolz auf uns. Wir feiern uns jetzt rot und blau.“ Der Grand Prix sei „so groß und viel und fröhlich“ gewesen. Und an ihre Fans gerichtet sagte sie: „Ich hoffe, dass wir noch ganz lange beisammen bleiben. Jetzt geht’s erst richtig los.“ Dass sie den Ausnahmezustand von Düsseldorf jetzt hinter sich hat, wirkte wie eine Befreiung.

Es war ein merkwürdiger, für westeuropäische Ohren oft rätselhafter Eurovision-Song-Contest-Abend: Munter ging es hin und her während der Punktevergabe, lange blieb das Feld der 25 Kombattanten dicht beieinander, niemand zog davon, die Zwölf-Punkte-Wertungen wanderten durch halb Europa. Die ersten sieben Punkte für Lena kamen aus Holland, später dann zehn aus Österreich, sieben aus Slowenien, acht aus Weißrussland; langsam, langsam kleckerte sich die 19-Jährige ihre 107 Zähler zusammen. Deutschlands eigene Höchstwertung ging an Österreich.

Am Ende dann erlebte der ESC 2011 ein klassisches Favoritensterben: der französische Knödeltenor Amaury Vassili, der sich bereits als sicherer Sieger sah, konnte nicht viel reißen trotz Wallehaar und güldenen Computerwolken (Platz 15), das britische Boyband-Quartett Blue ebenso wenig (Platz 11). Italien dagegen, erstmals seit 1997 wieder dabei, freute sich bärig über seinen sensationellen zweiten Platz. Raphael Gualazzi („Madness of love“) wandelte mit rosigen Wangen und glühenden Augen durchs Pressezentrum. „Ich glaub’s nicht“, sagte er in jede Kamera. Italien wird wohl dabeibleiben.

Das Lena-Team hatte hoch gepokert mit dem soghaften Mystery-Minidrama „Taken By A Stranger“ – und die 19-Jährige beendete die Mission Titelverteidigung am Ende mit erhobenem, wild toupiertem Haupt. Die düstere, stählerne, sexy Show, die tiefschwarzen Kajalaugen ließen Lena zwischen moldawischen Zipfelmännern und litauischen Disney-Feen wirken wie einen Engel aus der Unterwelt im Jumpsuit. Wie schon 2010 war ihr Beitrag ein Lichtstrahl der Moderne in einer Popshow voller Eurodance-Discostampfer, die von Schlagerseligkeit inzwischen so weit entfernt ist wie Ralph Siegel von seinem zweiten Grand-Prix-Sieg. Wer jetzt noch nicht verstanden hat, dass der ESC kein Schlagerfestival ist, der hält Florian Silbereisen für einen Hardrocker.

Es war eine pompöse, professionelle und doch emotionale Show, die der NDR, PRO7 und Brainpool auf die Beine gestellt haben. Sie legten die Latte hoch für künftige Events. Raab ließ es sich nicht nehmen, das Intro selbst zu stemmen, mit einer Bombast-Bigband-Rock-Version von „Satellite“, zu der 42 entfernt an Lena erinnernde Lenas Flaggen schwenkten, bis am Ende – Überraschung! – die echte Lena die letzten Zeilen sang und in Strumpfhosen auf einem Kontrabass balancierte. Selbst dünnlippige Feuilletonisten rangen sich zu diesem Auftritt Superlative ab. Nie war ein ESC-Opening-Act spektakulärer. Im Moderatorentrio empfahl sich die wunderbare, souveräne, lustige Anke Engelke für (noch) höhere Aufgaben, Raab gab den zähnefletschenden Bart Simpson mit Rockgitarre („Danke Oslo, ihr wart die nettesten Wikinger aller Zeiten“). Und Judith Rakers? Sah gut aus. Die ARD konnte die Quotensensation von 2010 (14,6 Millionen Zuschauer) fast wiederholen: 13,83 Millionen Menschen sahen am Sonnabend die Show im Ersten, die drittbeste ESC-Quote aller Zeiten, auf jedem zweiten angeschalteten Fernseher sangen am Sonnabend Lena und ihre Konkurrenten, ein voller Erfolg.

Es hatte keinen klaren Favoriten gegeben in diesem Jahr, und so hatten sich viele Hoffnungen gemacht: die Estin Getter Jaani mit ihrer Katy-Perry-Elektronummer „Rockefeller Street“ (nur Platz 24, 44 Punkte), die irischen Zwillingsjungs von Jedward mit „Lipstick“ (Platz 8, 119 Punkte), der Finne Paradise Oskar, dessen Song zwar nur „Da Da Dam“ hieß, es aber textlich faustdick hinter den Ohren hatte (Platz 21, 57 Punkte), der Russe Alexej Vorobjov mit seinem von Lady-Gaga-Produzent RedOne doch allzu kalkuliert zusammengeschusterten „Get You“ (Platz 16, 77 Punkte) und die Schweizerin Anna Rossinelli, deren luftig-duftige Cabrionummer „In Love For A While“ lange als Geheimfavorit der Traditionalisten gehandelt wurde, dann aber doch chancenlos auf dem letzten Platz landete (19 Punkte).

Der dritte Eurovision Song Contest in Deutschland nach 1957 in 1983 war mehr als eine TV-Hochleistungsshow, er war ein gelungener Nachweis deutscher Emotionsfähigkeit, dem die Balance zwischen Pathos und augenzwinkernder Parodie souverän gelang. Am Ende bestätigten das Land und seine Lena eine alte Wahrheit: Man muss nicht gewinnen, um ein Sieger zu sein. Raus mit Applaus.

Imre Grimm und Jan Sedelies

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