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Katastrophen in Japan Techniker kämpfen unter Einsatz ihres Lebens um Fukushima
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16:49 25.03.2011
Das Satellitenfoto vom Mittwoch zeigt die Reaktorblöcke 1-4 des Kernkraftwerks Fukushima 1.
Das Satellitenfoto vom Mittwoch zeigt die Reaktorblöcke 1-4 des Kernkraftwerks Fukushima 1. Quelle: dpa
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Die Welt zittert mit den letzten Technikern in Fukushima: Die Notbesatzung kämpft unter Einsatz ihres Lebens gegen das Inferno in dem Katastrophen-AKW. Zwischenzeitlich zwangen Explosionen und plötzliche hohe Strahlung die Arbeiter zum Rückzug. Die Strahlung sowie böiger Wind verhinderten Einsätze von Hubschraubern, die Wasser und Borsäure auf den havarierten Reaktor 4 hätten schütten sollen. In der Nacht zum Donnerstag (Ortszeit) wurden Löschkanonen zur Kühlung der Brennstäbe in Stellung gebracht, wie die Agentur Kyodo berichtete.

Am Mittwochmorgen war im Reaktor 4 ein weiteres Feuer ausgebrochen, zudem stieg aus einem Reaktor Rauch oder Dampf auf. Wieviel Strahlung freigesetzt wurde, ist unklar. Ein unbemanntes Flugzeug des US-Militärs soll mit seinen hochauflösenden Kameras an diesem Donnerstag mehr Klarheit über das Innere der havarierten Atomreaktoren in Fukushima bringen, wie Kyodo berichtete.

Der Chef der Internationalen Atomenergiebehörde IAEA, Yukiya Amano, nannte die Lage in Fukushima Eins „sehr ernst“. Er werde so schnell wie möglich nach Japan fliegen und danach eine Sondersitzung des IAEA-Rats einberufen.

Das Kamikaze-Kommando der Techniker wird von höchster Stelle verlangt: Die japanische Regierung warnte den AKW-Betreiber Tepco mit scharfen Worten davor, Fukushima aufzugeben. „Sie müssen entschlossen sein, das zu lösen“, zitierte die Agentur Kyodo Premierminister Naoto Kan. Wenn Tepco die verbleibenden Mitarbeiter zurückziehe, drohe der Firma der Zusammenbruch. Die 50 Verbliebenen sollen allerdings freiwillig im Einsatz sein. Die Arbeiter setzen nach Experten-Meinung ihr Leben aufs Spiel.

Bei allen Hiobsbotschaften gab es auch positive Nachrichten: Die Schutzhülle des Reaktors 3 sei - entgegen erster Annahmen - nicht erheblich beschädigt, teilte die Regierung mit. Allerdings gibt es auch in den abgeschalteten Fukushima-Blöcken 5 und 6 Probleme. Experten erwarten eine Erhitzung der Brennelemente. In den Blöcken 1 und 2 liegen die Brennstäbe bereits teilweise frei, was die Gefahr einer Kernschmelze erhöht.

Trotz der neuen Vorfälle gibt es laut der Regierung keine Pläne, die Evakuierungszone rund um das Atomkraftwerk auszuweiten. Aktuell gilt ein 20-Kilometer-Radius. Zudem sollen Bewohner im Umkreis von 30 Kilometern in geschlossenen Räumen bleiben. Es gebe bislang keine Gesundheitsgefahr für die Menschen im erweiterten Umkreis.

Die 240 Kilometer südlich von Fukushima liegende 35-Millionen-Metropole Tokio wurde am Mittwoch von höherer Strahlung verschont: Der Wind blies weiter überwiegend aus Westen und trug die giftigen Strahlenpartikel auf den Pazifik. Dennoch ist die Sorge vor einer radioaktiven Verseuchung in der Hauptstadt-Region groß.

Wie ernst die Lage ist, zeigte eine Fernsehansprache von Kaiser Akihito, der sich sonst nur zu offiziellen Anlässen zeigt. „Ich hoffe aufrichtig, dass die Menschen diese schreckliche Zeit überstehen werden, indem sie sich gegenseitig helfen“, sagte er in einer Videobotschaft.

Laut der Enthüllungsplattform Wikileaks hat die Internationale Atomenergiebehörde (IAEA) Japaner bereits vor mehr als zwei Jahren auf Probleme bei der Erdbeben-Sicherheit ihrer Meiler hingewiesen. Die Anlagen seien starken Beben nicht gewachsen, wird ein IAEA-Experte in einer diplomatischen US-Depesche vom Dezember 2008 zitiert. Dies berichtete die britische Zeitung „Daily Telegraph“.

Die deutsche Regierung ist grundsätzlich bereit, bei Bedarf Bundeswehr-Spezialisten nach Japan zu schicken. Laut dem Sprecher des Verteidigungsministeriums, Stefan Paris, gibt es „Vorprüfungen“ im Bereich des ABC-Schutzes. Es habe aber noch keine Anfragen von japanischer Seite gegeben, und man wolle auch keine Hilfen aufdrängen. Der Grünen-Politiker Omid Nouripour sprach sich für den Einsatz des ABC-Spürpanzers „Fuchs“ aus.

China legte am Mittwoch überraschend die Genehmigungsverfahren für alle Atomprojekte auf Eis. Die Regierung zog damit die Konsequenz aus der japanischen Katastrophe. Jetzt müssten die Sicherheitsbestimmungen überarbeitet werden, erklärte das Kabinett. In Betrieb befindliche AKWs werden nicht abgeschaltet. Jedoch sollen alle laufenden Reaktoren und Reaktorbaustellen überprüft werden. Nirgendwo in der Welt werden so viele AKW gebaut wie in China.

Die Staats- und Regierungschefs der EU-Staaten werden sich bei ihrem Gipfel in der kommenden Woche (24./25. März) außerplanmäßig mit der Zukunft der Atomkraft in Europa beschäftigen. EU-Energiekommissar Günther Oettinger erklärte zur Situation in Japan: „Man muss befürchten, dass das ganze in Gottes Hand ist, und dass sich in den nächsten Stunden weitere katastrophale Entwicklungen ergeben können.“

dpa

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