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Lena - Unser Grand-Prix-Star 2010 war das Lena-Jahr - aber wie geht es weiter?
Nachrichten Panorama Themen Lena - Unser Grand-Prix-Star 2010 war das Lena-Jahr - aber wie geht es weiter?
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22:11 26.12.2010
Von Imre Grimm
Vor einem Jahr kannte sie niemand, dann hat sie ganz Europa begeistert: Jetzt tut Lena das einzig Richtige – sie bleibt fröhlich. Quelle: dpa (Archiv)
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Dave Lombardo ist nicht der Typ für soften Pop. Dave Lombardo ist Schlagzeuger der kalifornischen Trash-Metal-Band Slayer. Slayer-Alben heißen „God hates us all“ oder „Reign in Blood“. Lombardo ist ein harter Hund. Eurovision Song Contest? Kennt er nicht. Lena? Kennt er auch nicht. Aber dann hört er ein paar Sekunden von Lenas Siegertitel „Satellite“. Und hört zu. Schweigt hinter seiner schwarzen Sonnenbrille.

Und dann brummt er: „Love it.“ Hört wieder zu. „Was ich besonders mag: Ihre Stimme. Sie hat Biss, Persönlichkeit. Ich wette, wenn die auf der Bühne steht, dann ist die sehr präsent. Ich habe das Mädchen noch nie gesehen, aber ich bin sicher: Sie ist frech, sie will die Leute begeistern. Sehr süß. It’s beautiful.“

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Slayer und Lena – doch, das geht. Zu sehen ist Lombardos Interview bei YouTube. Und es dürfte dann wohl der letztgültige Beweis für die universale Wirkung der 19-jährigen Hannoveranerin sein, die 2010 das Jahr ihres Lebens erlebte. Von null auf hundert, zu den Sternen und zurück. Aus einem Misburger Reihenhaus in den europäischen Pophimmel. Von einer namenlosen Castingbewerberin mit der Nummer 05053 auf der Brust zur ersten deutschen Grand-Prix-Siegerin seit 1982.

„Die Euphorie jener Nacht im Mai hatte ja ein Maß erreicht, als wäre Deutschland schuldenfrei und Fußballweltmeister zugleich“, sagte jüngst ARD-Unterhaltungschef Thomas Schreiber. Das ist schwer untertrieben. Wäre Deutschland schuldenfrei, würden kaum 40.000 Menschen am Flughafen Langenhagen die ausgeglichene Bilanz bejubeln.

Das Lena-Märchen ist die Kulturgeschichte das Jahres. Lena war alles, was die Deutschen an sich mochten: fröhliche Verpeiltheit, Originalität, Gelassenheit, Witz. Im April und Mai hätte sie die FDP retten können. Alle mögen Lena (bis auf ein paar versprengte Neider, Nörgler, Niederschreiber natürlich, die offenbar nicht in der Lage waren, das Ausmaß ihrer Anteilnahme per Fernbedienung selbst zu regulieren). Deutschland einig Lena-Land, und Europa wundert sich.

Backstage in Oslo: Stefan Raab bittet einen norwegischen TV-Mitarbeiter, seinen Favoriten zu benennen.

„I’m for Germany“, sagt er.

„Hi“, sagt Lena. „I’m Germany.“

Und für ein paar Wochen konnte man das fast wirklich glauben.

„Ich kriege jedes Mal wieder Gänsehaut, wenn ich das sehe“, sagt Lena, als beim „tv total“-Jahresrückblick die Bilder von damals vorbeiziehen. Ihr schüchternes „Puh...“, als sie in Oslo zum ersten Mal die Halle mit 18.000 Plätzen sieht. Der Jubel am 29. Mai kurz nach Mitternacht. Das T-Shirt mit der orangefarbenen 1, das sie während der Siegerpressekonferenz trug. Die Begeisterung in Deutschland. Kann sie „Satellite“ noch hören? „Ja, kann ich. Es ist jetzt nicht mein absolutes Lieblingslied“, sagt sie, „aber so emotionstechnisch verbindet uns ja einiges.“ Richtig fassungslos, richtig durch sei sie gewesen, als sie den Vorentscheid „Unser Star für Oslo“ gewonnen hatte. Oslo war dann auch ganz toll, aber für Raab sicher wichtiger als für Lena.

Ein Interview direkt nach dem Sieg, am Bus zur After-Show-Party: Lena, noch etwas zerzaust, sucht nach Worten: „Stefan freut sich total ...“, sagt sie. Sie selbst? Alles prima, aber es ist halt nicht das Leben, weißte?

Lenas Geschichte ist vielfach erzählt. Die Frage ist, wie sie weitergeht. Sie wohnt meistens in einer kleinen Wohnung in Köln, liest, kocht, arbeitet, und das mit dem Fernsehanschluss klappt bestimmt auch bald. Was ist heute anders als vor zehn Monaten? „Alles“, sagt Lena. „Es ist nichts mehr wie vorher. Ich gehe nicht mehr zur Schule. Ich wohne nicht mehr zu Hause.“ Und sie hat – das natürlich auch – den Welpenschutz der Newcomerin verloren. Sie weiß das. Am 14. Mai 2011 tritt sie in Düsseldorf erneut an, und nicht wenige, die der Lenaismus schon 2010 überforderte, lauern auf die Niederlage wie Boulevardfotografen auf Busenblitzer. „Da muss sie durch“, sagt Marius Müller-Westernhagen, der sich mit seinem Urteil als Jurymitglied („Du hast Starappeal, Menschen werden dich lieben“) im März als Pop-Prophet erwies.

„Nachdem das erste Theater losging“, sagte er dem „Spiegel“, „habe ich ihr gesagt: Lena, was immer passiert, es gibt nur zwei Dinge im Leben, die du machen musst, nämlich Steuern zahlen und sterben. Alles andere liegt bei dir.“ Ablehnung? Neid? Projektion? Das blöde Gejammer über Akzente und Sangeskunst? Er hoffe, sagt Westernhagen, dass sie immer unterscheiden könne, „was Realität ist und was Fiktion“. Er sagt auch, er würde ihr raten, nicht noch einmal anzutreten. „Diese Entscheidung kann man wohl nur mit dieser Euphorie nach dem Triumph in Oslo erklären“, sagt er. „Lena tut mir leid, sie hat gar keine andere Wahl als da zu gewinnen.“ Sein Rat? Etwas Eigenes auf die Beine stellen. Langfristigkeit sichern. „Sie sollte schreiben. Ich glaube, dass sie etwas zu sagen hätte mit ihrer wunderbar schrägen Phantasie. Sie ist ein tolles Mädchen.“

Sie könne in Düsseldorf nur verlieren, das behaupten viele. Aber stimmt das? Der Punkt ist ja: Europa entscheidet. Nicht Deutschland. Das heißt: Da kann Lena bei der Auswahlshow „Ein Song für Deutschland“ im Februar 18-mal gegen sich selbst singen oder 50-mal, da können jeweils 10.000 Menschen in ihre Konzerte kommen oder nicht, da kann die neue Platte ein Hit werden oder ein Achtungserfolg: Viele finnische Busfahrer und portugiesische Verkäuferinnen werden Lena am 14. Mai 2011 während der 180 Sekunden auf der Bühne in Düsseldorf zum allerersten Mal live erleben.

Dass man das schaffen kann, ein Märchen zu wiederholen, hat zuletzt die deutsche Fußball-Nationalmannschaft bewiesen. Nach dem Sommermärchen 2006 erwarteten viele eine Kater-WM 2010. Das Turnier danach. Und dann auch noch in Südafrika. Ein fader Abklatsch. Das Gegenteil trat ein.

Lena tut jetzt das einzig Richtige: Sie bleibt fröhlich. Es ist jetzt ihr Beruf, aber auch ein Spiel. „Ich finde meinen Job total geil“, sagte sie im November. Ihre Karriere besteht nicht nur aus Eurovision Song Contest. Ein stressiges Frühjahr, eine schöne, lange Auszeit, und dann mal gucken. Sie ist da anders als Raab. Raab muss immer weiter. Etwas treibt ihn. Noch eine Schippe drauf, und noch eine. Lena braucht das nicht. Sie macht das jetzt, netterweise, die zweite Runde. Aber dann ist auch mal gut mit Grand Prix.