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Lena - Unser Grand-Prix-Star Die wunderbare Welt der Lena Meyer-Landrut
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15:48 14.03.2010
Gewinnerin Lena Meyer-Landrut. Quelle: dpa

Doch, es gab diesen einen Moment in den letzten, wilden Wochen, da wollte Lena Meyer-Landrut nicht mehr die Partyprinzessin sein, nicht mehr „Chamäleon, Gazelle und Nachtigall zugleich“, wie Stefan Raab sie genannt hatte. Da lief alles ein bisschen in die falsche Richtung. Da schien es, als hätte sie ein klein wenig Angst bekommen vor dieser Fernsehfigur, die sie geworden war, diesem Allwettermädchen, das der Welt tanzend und mit großen, staunenden „Amélie“-Augen begegnet.

Also stellte sie sich an die Rampe und sang eine leise, traurige Ballade von Jason Mraz: „Mr. Curiosity“. „Ich suche nach Liebe / Ich klinge voller Hoffnung“, heißt es darin, „Aber ich muss weinen. / Diese Liebe ist mir ein Rätsel.“ Plötzlich war es verschwunden, das „verrückte Huhn“ namens Lena, und Raab staunte: „Du kannst ja singen.“ Und Lena Meyer-Landrut sah aus, als staune sie auch.

Am Freitag hat die Karriere der 18-jährigen Hannoveranerin, die vor fünf Wochen mit einem schlichten Satz begann („Hallo, ich bin Lena, ich bin 18 und komme aus Hannover“), ihren vorläufigen Höhepunkt erreicht: Sie wird am 29. Mai beim Eurovision Song Contest in Norwegen Deutschland vertreten. Nicht nur in der bunten Welt des Entertainments ist ihr Schicksal ein Ereignis. Es lässt sich auch als Triumph des Unperfekten lesen, als Sieg der Persönlichkeit über die kalte Professionalität.

Denn von Anfang an, seit der ersten Show am 2. Februar, konnte man das öffentlich-rechtlich-private Joint Venture „Unser Star für Oslo“ als Alternativmodell zu Dieter BohlensDeutschland sucht den Superstar“ (DSDS) verstehen, lieferten sich beide Sendungen gar eine Art Fernduell der Gesellschaftsentwürfe. Die Suche nach dem deutschen Beitrag für den Eurovision Song Contest geriet zu einer eher gymnasialen Veranstaltung, einer Art vorgezogener Abiparty braver Wohlstandssprösslinge, während Bohlen bei RTL die irrationalen Aufstiegshoffnungen des Prekariats bediente. Zahlenmäßig gewann Bohlen um Längen.

2,3 Millionen Zuschauer hatte „USFO“ im Schnitt, „DSDS“ hatte bis zu dreimal so viele. Dennoch gelang es der ARD und PRO7, einen Sog zu erzeugen, dem sich zuletzt auch Zuschauer jenseits der Werbezielgruppe nicht mehr entziehen konnten. Schnell sprach sich herum: Bei Bohlen wird „performt“, bei Raab wird gesungen. Gegen die artigen „USFO“-Kandidaten sieht die „DSDS“-Bande in ihren Glitzertops aus wie eine Zirkusfamilie gegen die Grüne-Jugend. Flankiert von der „Bild“-Zeitung suggeriert „Deutschland sucht den Superstar“, dass „Erfolg“ vor allem Kampf bedeutet.

Disziplin bis zur Selbstaufgabe, Druck bis zum Knackpunkt. Konkurrenten müssen weggebissen, Liedtexte unter Tränen erlernt, private Schicksalsnöte multimedial aufbereitet, Juroren befriedigt werden. Die Protagonisten werden in Schemen gepresst: „der Checker“, „die Sexbombe“, „der Knastbruder“. „Unser Star für Oslo“ dagegen stand für das Gegenteil: Dinge können einfach so gelingen. Durch spielerische Leichtigkeit. Ganz ohne Krampf und Egoismus. Du darfst so bleiben, wie du bist.

Wenn „DSDS“ Darwinismus ist, der Kampf ums Überleben des Bestangepassten, dann war „USFO“ Dadaismus: der Triumph der Individualität. Alles lag in den Händen der Kandidaten: Liedauswahl, Kostüm, Auftreten. Sie behielten das letzte Wort. Kein Knebelvertrag weit und breit.

So sang ausgerechnet Raab, der Mann, der einst eine arglose Maschendrahtzaunbesitzerin zum Medienstar wider Willen machte, das Hohelied der Freiheit. Und während bei „DSDS“ stets eine Grundaggressivität mitschwingt, ein Lauern auf das Versagen, ein Kasernenhofton, der gut in die durchökonomisierte Gegenwart passt, weil er kaum Freiraum lässt für individuelles Entfalten, erschien „USFO“ fast wie der Traum von einer besseren (Medien-)Welt, in der Erfolg ganz ohne jahrelange Selbstkasteiung möglich ist, in der das Unperfekte am Ende siegt.

Ursprünglich spielten Castingshows mit dem Wunsch von Millionen Hedonisten nach einem Blitzaufstieg ohne Einsatz. Inzwischen zeigt sich, dass das erforderliche Opfer gewaltig ist: die Aufgabe des Selbst. So sehr hat sich der Medienkonsument an die normierte TV-Prominenz gewöhnt, an die geglätteten Fernsehtypen, dass schnell provoziert, wer wie Lena Meyer-Landrut aus dem Raster fällt. Es gibt im Publikum eine stille Sehnsucht nach Authentizität. Zuschauer haben ein feines Gespür dafür, ob eine Geste, ein Blick, ein Satz nur Pose ist oder doch Persönlichkeit. Ironischerweise gelingt es Meyer-Landrut trotz der gelegentlich inszeniert wirkenden Kleinmädchenhaftigkeit, authentisch zu bleiben, weil das Spielerische, das „geplant Spontane“, eben zum Gesamtpaket dazugehört. Sie gibt nicht plump die lolitahafte Männerversteherin wie Annett Louisan, sie ironisiert sie lieber. „Genau so kenne ich sie“, sagt eine Freundin.

Trotzdem – oder gerade deshalb – wirkt sie auf manche provokativ. Im Netz ist die küchenpsychologische Entschlüsselung der „LML“ in vollem Gange: Einzelkind! Und hübsch dazu! Na klar, die buhlt um Aufmerksamkeit. Das hält nicht lange. Diese Leichtigkeit, die Nora-Tschirner-Schnodderigkeit, dieser Björk-Gesang, der Joe-Cocker-Gestus – kann das noch echt sein? „Ja“, sagt sie selbst und staunt über die Frage. „Ich überlege mir nicht vorher, wann ich den Arm hebe.“

Nun hält sie die Fahne Deutschlands hoch in Oslo, und irgendwie auch die Fahne Hannovers. Diese Stadt hat nicht viele Sympathieträger zu vermelden. Aber sie hat ein erstaunliches Talent dafür, Prominente hervorzubringen, die – wie die Stadt selbst – das Volk in treue Anhänger und hartnäckige Verweigerer spalten: Oliver Pocher, Klaus Meine, Marquess – für jeden ihrer Fans lässt sich jemand finden, der sie aus grundsätzlichen Erwägungen heraus ablehnt. Man darf jetzt nicht den Fehler machen, Lena Meyer-Landrut zu einer Art Uschi Obermaier der Generation YouTube hochzuschreiben, sie zum Phänomen zu verklären. Natürlich kann es passieren, dass auch sie nach zwei Platten und einem mittelguten Platz in Oslo wieder in der medialen Versenkung verschwindet und „irgendwas mit Medien“ studiert.

Doch selbst, wenn es so wäre: Sie hätte ihre Mission erfüllt. Sie hätte gezeigt, dass man der Welt nicht zwangsläufig mit Abgebrühtheit begegnen muss. Es ist dies der Grund, warum Deutschland einst die junge Franziska van Almsick ins Herz schloss oder später dann Lukas Podolski.

Viel ist ja nicht passiert: Eine weitere 18-Jährige hat in einer weiteren Castingshow im ohnehin schon castingverseuchten deutschen Fernsehen gewonnen. Und dennoch ist etwas anders diesmal. Vielleicht, weil die „USFO“-Gewinnerin ihre Zuschauer insgeheim daran erinnert, wie sich das anfühlte, damals, mit 18, als alles möglich schien, als man der herrlichen Illusion erlegen war, jeder Wunsch könnte Wirklichkeit werden. Als dir die Dinge bedingungslos gelangen. Als dir die Welt offenstand.

Das Leben ist ein weißes Blatt Papier, wenn du 18 bist. Träume haben noch Gewicht. „Du bist 18“, sagte Gastjurorin Barbara Schöneberger mit gespielter Verzweiflung zu Lena Meyer-Landrut. „Und ich bin 36. Ich bin doppelt so alt!“ In kein Korsett gepresst, in kein Schema gezwängt, geht ein Mädchen raus auf die Bühne und singt ein Lied. Es tut, was es am liebsten tut. Vielleicht hat sie gewonnen, weil wir alle genau davon träumen.

Imre Grimm

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