Menü
Hannoversche Allgemeine | Ihre Zeitung aus Hannover
Anmelden
Lena - Unser Grand-Prix-Star Es ist nicht nur Musik - das Geschäft mit Lena
Nachrichten Panorama Themen Lena - Unser Grand-Prix-Star Es ist nicht nur Musik - das Geschäft mit Lena
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
18:48 26.05.2010
Von Imre Grimm
Quelle: dpa
Anzeige

Zwölfter Stock im „Stratos“-Tower über der Osloer Altstadt. Draußen geht hübsch die Sonne unter, drinnen schwitzen 40 Menschen bei 40 Grad auf Kunstledersesseln im Scheinwerferlicht. Es ist 22.20 Uhr, letzte Markierungen werden geklebt. „tv total“ sendet aus Oslo. Die Band donnert los, Lena schleppt sich im dicken Norwegerpulli die Wendeltreppe hinauf und fällt in den Sessel neben Stefan Raabs Schreibtisch. Es war ein harter Tag. Aber jetzt: Showtime. „Alles dufte“, sagt sie, flirtet artig mit dem schwer verliebten Norweger Alexander Rybak. Und sieht aus, als freue sie sich auf ihr Bett.

Eine Stunde später, nach der Sendung, steht Jörg Grabosch auf der Terrasse, blickt über die Stadt und raucht eine dicke Zigarre. Er sieht zufrieden aus. „tv total“ aus Oslo statt aus Köln - das hat Millionen extra gekostet, aber es hat sich gelohnt. Diese ganze Lena-Nummer ist ein Volltreffer. Jörg Grabosch ist der Chef der Produktionsfirma Brainpool. Sein Job ist es, aus einem Hype, den Stefan Raab erzeugt, ein Geschäft zu machen. Und das geht im Moment fast von selbst. „Für uns ist das ganz normales Musikbusiness“, sagt Grabosch, ein Baseballkäppi auf dem Kopf, ein eisiges Bier in der Hand. „Wir lieben Lena natürlich alle. Aber das ist eben auch ein Geschäft.“

Brainpool, die Plattenfirma Universal, die ARD, PRO7 – gleich vier Väter des Erfolgs fordern ihren Teil vom Lena-Kuchen ein. Sie ist nicht mehr nur ein deutsches Glückskind, sondern längst auch ein Goldesel. Mit drei Top-Fünf-Hits, 500.000 verkauften Singles von „Satellite“, 100.000 verkauften Alben von „My Cassette Player“ - und umschwärmt von einer europäischen Medienmeute, die von Lena angezogen wird wie Metallsplitter von einem Magneten. Mit der Marke "Lena" werden Millionen umgesetzt. Brainpool hat mit der Plattenfirma Universal ein 50/50-Joint-Venture abgeschlossen und eigens ein neues Musiklabel namens „USFO“ gegründet („Unser Star für Oslo“). Schnell erkannte man in Köln das Potenzial der Schülerin aus Hannover: Schon im November, drei Monate vor ihrem ersten TV-Auftritt bei Raab, sicherte sich Brainpool die Internetadresse www.lena-meyer-landrut.de.

T-Shirts (20,99 Euro), Kaffeebecher (8,99 Euro) und Baumwollbeutel (4,99 Euro) mit Lena-Konterfei verkauft Universal über die Tochterfirma Deutschrock Merchandise GmbH (www.bravado.de). Sie gehen weg wie geschnitten Brot. Genaue Zahlen gibt es nicht. Wie viel Prozent des Erfolgs gehen auf Lenas Kappe, wie viel auf das viermonatige PR-Dauerfeuer aus dem Hause Brainpool? Grabosch tut bescheiden. „Lena: 100 Prozent. Brainpool: null Prozent. Wir machen nur unsere ganz normale Arbeit. Niemand würde eine Platte kaufen, auf der nur ,Brainpool' stünde. Es liegt an Lena. Sie kann jetzt schon in einer Liga mithalten, in der die Fantastischen Vier oder Peter Fox spielen.“

Der Grand Prix ist – das wird im nationalen Überschwang ja gern vergessen – keine Wohltätigkeitsveranstaltung. Plattenfirmen wollen Platten verkaufen und Sender Werbezeiten. Während Brainpool und Universal direktes Geld (Platten) und PRO7 indirektes Geld (Werbeeinnahmen durch höhere Quoten) verdienen, geht es der ARD, die an den Plattenverkäufen nicht beteiligt ist, eher um ihr Image. Sie erreicht dank Lena ein Publikum, das ihr längst entglitten schien: unter 50-Jährige. Lena ist ein Ein-Personen-Jungbrunnen für das vergreisende Erste. Und der NDR darf sich als kreative, risikobereite ARD-Anstalt rühmen. Das hilft beim Gezerre innerhalb der ARD-Familie.

Für Lena bedeutet die öffentlich-rechtlich-private Kooperation vor allem: Stress. Zwei Muttersender fordern ihre Rechte ein, wollen Drehtermine, Interviews, Showauftritte. Dazu ist die ARD mit fünf Radioreportern in Norwegen vertreten, die Lena täglich in Beschlag nehmen. Die übrigen 2800 Pressevertreter in Oslo (rund 400 davon aus Deutschland) noch gar nicht eingerechnet. Sie kommt kaum zur Ruhe, bleibt aber tapfer. „Es geht mir gut“, sagt sie im Blitzlichtgewitter. „Es wird ja nicht mein ganzes Leben lang so sein.“ Dann dreht sie sich zu ihrer treuen Begleiterin Claudia Gliedt: „So, was jetzt?“

Und der finanzielle Lohn? Wie viel Geld auf Lenas Konten landet, ist streng geheim. Knebelverträge wie bei „Deutschland sucht den Superstar“, wo die Protagonisten mit ein paar tausend Euro abgespeist und diverser Persönlichkeitsrechte beraubt werden, soll es nicht geben – Raab steht in dem Ruf, fair mit seinen Künstlern wie Stefanie Heinzmann oder Max Mutzke umzugehen. Und er macht immer mal mit diebischer Freude eine Show daraus, in Ungnade gefallene RTL-Castingsternschnuppen zu sich in die Sendung einzuladen.

Nach dem Finale entscheidet Universal, ob „My Cassette Player“ europaweit in die Läden kommt. Der Masterplan liegt fix und fertig in den Schubladen. Und wenn Lena nicht in den Top Ten landet? Grabosch verspricht schon jetzt: „Es wird weitergehen mit Lena – unabhängig von ihrem Abschneiden am Sonnabend. Wir wollen, dass sie eines Tages von ihrer Musik leben kann. Sie soll Berufsmusikerin werden. Das ist unser Ziel. Dabei bleiben wir.“