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Lena - Unser Grand-Prix-Star Grand-Prix-Kommentator Peter Urban spricht über Lena
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15:23 27.05.2010
Peter Urban über Lena: „Sie ist ein Ausnahmetalent, und es ist eine Freude, sie in diesem Wettbewerb zu haben." Quelle: dpa
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Herr Urban, Sie moderieren seit 13 Jahren für die ARD den Eurovision Song Contest. Was sagen Sie als Experte zur deutschen Teilnehmerin Lena?

Lena ist ein Glücksfall. So jemanden aus dem Hut zu zaubern, ist schon unglaublich. Ich habe heute mit dem Kommentator der BBC gesprochen, der mich gefragt hat, ob sie vorher in Deutschland bekannt war. Und da hab ich ihm die ganze Geschichte von der Schülerin aus Hannover erzählt. Er war schwer beeindruckt, dass so ein Talent einfach daherkommt, ohne professionelle Ausbildung. Er hat sich nur ein wenig über die englische Aussprache gewundert.

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Heißt das, dass man für Erfolg gar keine professionelle Ausbildung braucht?

Ich will nicht sagen, dass eine Ausbildung, wie sie etwa an der Musikhochschule in Hannover angeboten wird, nicht nötig ist. Für viele Menschen ist das sehr, sehr empfehlenswert. Aber es gibt Naturtalente wie Lena, die das, was sie im Wohnzimmer oder in der Küche machen, einfach auf die große Bühne bringen - und es ist perfekt. Diese Gabe haben nur ganz wenige Menschen.

Nützt Lena denn ihr Naturtalent auch in Oslo bei einer Show wie dem Eurovision Song Contest? Oder setzen sich am Ende doch die Profis durch?

Ich habe Künstler gesehen, die hatten weit mehr Erfahrung als sie. Und die wurden in einer solchen Umgebung wie hier unsicher, kribbelig und konnten überhaupt nicht mehr überzeugen. Das sehe ich bei ihr überhaupt nicht. Ich dachte, dass Lena die Größe der Halle und das ganze Ambiente zu schaffen macht. Aber sie geht damit sehr souverän um. Das macht sie super. Ihr hilft es auch, dass sie sich vom ganzen Trubel etwas abgeschottet. Und ich finde es gut, dass sie nicht auf jede blöde Frage antwortet.

Kommt Lena denn auch international gut an?

Unter den internationalen Journalisten und Kommentatoren sorgt sie für großes Aufsehen. Viele sagen mir, dass wir in diesem Jahr einen sehr interessanten, erfrischenden Beitrag haben. Außerdem ist sie neben der Künstlerin aus Aserbaidschan die einzige, die wie ein junger Popstar wirkt. Auf Empfängen wollen alle mit Lena sprechen. Für sie lassen die Medien andere einfach stehen.

Was sagen Sie generell zum Song-Contest-Jahrgang 2010?

Einiges ist sehr gut, wie der Belgier Tom Dice zum Beispiel. Dieser Singer-Songwriter-Stil kommt hier ja sonst eher selten vor. Portugal ist auch schön. Und der Balkanpop der Serben ist ausgezeichnet, wenn der Sänger nicht so schräg wäre – aber das gibt einem ja auch die Chance als Moderator, etwas zu erzählen.

Wie halten Sie bei Ihren Kommentaren die Balance zwischen fairer Kritik und unterhaltsamen Lästereien?

Das ist nicht einfach. Ich frage mich oft: Kann ich das jetzt machen? Kann ich das sagen? Oder beeinflusse ich jetzt zu stark? Aber ich glaube, dass ich das Ergebnis gar nicht so sehr beeinflussen kann.

Schon mal Ärger gehabt?

Aber ja! Es gibt viele Teilnehmerländer, die sich schnell auf den Schlips getreten fühlen. Dann bekomme ich Briefe von Botschaften oder aufgebrachten Bürgern. Als Armenien zum ersten Mal dabei war, habe ich nur gesagt, dass sie die Show und die Gestik ja schnell von den anderen Ländern gelernt haben – das wurde sofort als Kritik aufgefasst. Die Menschen sind bei Nationalitäten sehr empfindlich. Man muss sehr sensibel sein. Aber trotzdem habe ich in diesem Jahr schon etwas über die falsch singende Lettin gesagt oder die furchtbaren Engelsflügelauftritte von Malta. Das kann man nicht unkommentiert lassen.

Im vergangenen Jahr gab es keine Kommentare von Ihnen. Was war passiert?

Ich musste an der Hüfte operiert werden. Das war nicht aufzuschieben.

Hat es Sie nicht geschmerzt, nicht kommentieren zu können?

Es hat mich sehr geärgert. Ich wollte sehr gern nach Moskau. Aber hinterher war ich auch gar nicht so traurig – der deutsche Beitrag „Miss Kiss Kiss Bang“ war nicht der tollste. Umso mehr freue ich mich, wieder dabei zu sein. Es macht Spaß, einmal im Jahr etwas völlig Anderes zu tun als meine Radiosendung und völlig andere Musik zu kommentieren. Der Song Contest hat ja etwas von einer Fußball-Europameisterschaft - mit diesen Massen an Journalisten.

Wie hat sich der Eurovision Song Contest in den vergangenen Jahren verändert?

Seit etwa zwölf Jahren hat sich der Wettbewerb sehr modernisiert. Es kommen immer wieder neue Elemente dazu wie die ausgebaute Internetpräsenz oder neue, spezielle Videoangebote. Außerdem sind durch die Vergrößerung Europas nicht mehr nur 20 Länder dabei, sondern fast 40. Viel mehr Menschen und Delegationen sorgen für viel mehr Interesse in den Nationen, die sich ja oft über ihre Auftritte auf der internationalen Bühne auch profilieren wollen.

Ist der Song Contest in finanziellen Krisenzeiten nicht stark gefährdet?

Durchaus. Es sind zum Beispiel weniger Kommentatoren in Oslo als in den vergangenen Jahren. Vier Länder haben sogar ganz abgesagt und erklärt, dass sie sich das nicht länger leisten können. Man muss sehen, wie sich der Wettbewerb dadurch in den kommenden Jahren entwickelt.

Wie hat sich der Wettbewerb über die Jahre musikalisch entwickelt?

Es sind immer Wellen, die den Songcontest erfassen. Mal trommelten sie alle, diesmal fiedeln sie alle. Insgesamt ist das Musikspektrum aber breiter geworden. Es sind weniger typische Eurovision-Schmonzetten dabei, diese kitschigen Balladen. Dafür sind die Europop-Nummern geblieben. Das kann man offenbar nicht verhindern. Das gehört einfach dazu. Für mich könnte es noch vielfältiger werden, aber man darf nicht vergessen, dass wir mit der Hardrock-Formation Lordi 2006 in Athen einen Gewinner hatten, der stilistisch überhaupt nichts mit dem Eurovision Song Contest zu tun hatte. Es gibt offensichtlich den Wunsch, auch mal etwas anderes zu sehen und zu hören.

Wie lautet am Sonnabend Ihr Livekommentar zu Lena?

Ich weiß es tatsächlich noch nicht, denn in den 30 Sekunden kann ich auch gar nicht viel erzählen. Zudem ist ihre Geschichte in Deutschland sehr bekannt. Es gibt niemanden, der sich in den letzten vier Monaten so einen Namen gemacht hat. Das finde ich irre. Sie hat in fast allen Schichten und Altersgruppen für enorme Aufmerksamkeit gesorgt – selbst unter Menschen, die sonst keine Popmusik hören.

Kennen Sie einen Künstler, der eine ähnliche Karriere hingelegt hat?

Nein, ich kenne keinen. Es gab Künstler beim Wettbewerb, denen man viele Vorschusslorbeeren zugestand wie Guildo Horn oder Max Mutzke. Aber in diesem Ausmaß gab es so etwas noch nicht. Auch die Akzeptanz bei den internationalen Künstlern und Medien hat es so noch nicht gegeben.

Können wir mit ihr gewinnen?

Ich glaube nicht, dass man das vorhersagen kann. Aber wir könnten einen guten Platz unter den ersten zehn Teilnehmerländern erreichen. Und wenn nicht, ist es auch nicht schlimm. Lenas Karriere wird in Deutschland weitergehen. Man kann stolz auf sie sein. Sie ist ein Ausnahmetalent, und es ist eine Freude, sie in diesem Wettbewerb zu haben.

Interview: Imre Grimm und Jan Sedelies