Menü
Hannoversche Allgemeine | Ihre Zeitung aus Hannover
Anmelden
Lena - Unser Grand-Prix-Star Lena Meyer-Landruts Weg nach Oslo
Nachrichten Panorama Themen Lena - Unser Grand-Prix-Star Lena Meyer-Landruts Weg nach Oslo
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
22:53 29.05.2010
„Puh“: Sonnabend soll Lena in Oslo nicht nur die nationale Grand-Prix-Ehre retten. Sie soll auch gleich das Bild der Deutschen korrigieren.
„Puh“: Sonnabend soll Lena in Oslo nicht nur die nationale Grand-Prix-Ehre retten. Sie soll auch gleich das Bild der Deutschen korrigieren. Quelle: Wilde
Anzeige

Sie lächelt vorsichtig, sie ist aufgeregt, vor sich nur eine Kamera, hinter sich eine hellblaue Wand. Es ist September 2009. Lena Meyer-Landrut trägt einen Aufkleber mit einer Nummer auf der Brust: 05053. Sie wackelt ein bisschen hin und her, dann singt sie, ziemlich leise: „Aii, aii! You said I’m stubborn and I never give in ...“ („Du sagst, ich sei stur, ich würde niemals nachgeben ...“). Und der Mann, der sie berühmt machen wird, sitzt vor dem Fernseher in seinem Büro in der Schanzenstraße in Köln und verguckt sich auf der Stelle in sie. Zweimal schaut er sich das Video von Lenas erstem Castingauftritt an. Und er ahnt: Er hat seinen Star schon gefunden. „Das war so ein magischer Moment“, sagt Stefan Raab. „Sie steht da, ganz allein, und dann fängt sie an zu singen: ,Aii, aii ...‘“ Lange vor Lenas Sieg im Vorentscheid beginnt er, Lieder für sie zu schreiben.

Acht Monate später. Ein kleiner Klub in Oslo. Mai 2010, Eurovisions-Woche. Lena steht auf der Bühne, sie singt, sie tanzt. Hunderte Journalisten wollen etwas abhaben von ihrer Lenahaftigkeit, ihrem Anderssein, ihrem rumpeligen Humor. Sie ist eine Marke geworden: ihr o-beiniges Tanzen, ihr lustiges Englisch, ihr Sprechgesang. „Ich liebe dich!“, ruft ein Mann. Sie lacht, ignoriert ihn. „Schon krass, diese ganze komische Berühmtheitssache“, sagt sie später.

Ganz allein ist sie damals zum Casting nach Köln gefahren. Ohne ihre Mutter, ohne ihre Freundinnen. „Ich wollte mir nicht das tröstende Auf-die-Schulter-klopfen antun und mir das ,Aber du bist trotzdem toll‘ anhören.“ Lena ist keine große Sängerin, sie weiß das selbst. Aber sie weiß auch: Da ist etwas in ihr, das auf die Bühne gehört. Sie will ein professionelles Urteil hören.

Das hat sie nun. Es fiel hymnisch aus. Selbst im gestrengen Feuilleton versagten die üblichen Kritikerreflexe. Weite Teile des Landes entflammten in einer überbordenden Liebe zu diesem „kessen“, „kecken“, „niedlichen“, „drolligen“ 19-jährigen Mädchen. Denn sie steht für weit mehr als für eine weitere junge Frau, die in einer weiteren Castingshow einen weiteren Sieg errungen hat. Sie steht für den Sieg der Persönlichkeit über die Professionalität. Sonnabend in der Telenor Arena von Oslo lasten fast unerfüllbare Erwartungen auf ihr: Sie soll nicht nur die nationale Grand-Prix-Ehre retten. Sie soll auch gleich das Bild der Deutschen korrigieren.

Die Enträtselung der „LML“ ist zum Nationalsport geworden. Warum ist ihre Blitzkarriere ein solches Faszinosum? Warum löst sie Begeisterung, Zuneigung, Irritation aus? Vielleicht, weil sie für Eigenschaften steht, nach denen die Deutschen sich insgeheim sehnen: Spontanität, Unverkrampftheit, Selbstsicherheit, Geistesfreiheit. Das Land bewundert sie für die Fähigkeit, eine ironische Distanz zu sich selbst einzunehmen. Ihr erratisches Wesen, ihr Anderssein, auch ihre Attraktivität, entspricht einem Idealbild der Gesellschaft von sich selbst. So wäre Deutschland auch gern: flapsig, unverstellt, frech und klug – eben: undeutsch. Zuletzt lernte sich die Nation während der Fußball-Weltmeisterschaft 2006 von dieser Seite kennen. In vielem ist die wundersame Geschichte der Lena Meyer-Landrut ein Ein-Personen-Sommermärchen 2010. Natürlich würde sie den Kopf schütteln über all diese Interpretationen. „Ich bin doch nur Lena“, sagt sie jedem, der es hören will.

Oslo, die erste Probe in der Telenor Arena. „Puh“, sagt Lena leise, als sie zum ersten Mal die riesige Halle betritt. „Puh.“ Sie hat Magenschmerzen. Nach dem ersten Durchgang setzt sie sich auf den Bühnenboden. Stefan Raab lobt, tröstet, korrigiert: „Man merkt, dass du im Livefieber bist, dass du Gas gibst. Das ist super, genauso musst du’s machen!“ Sie nickt konzentriert. Sie trägt zwei verschiedene Schuhe, zum Ausprobieren. „Bild“ schreibt später: „Ist Lena jetzt total gaga?“

Schnörkellos, cool, grauschwarz – auch optisch ist Lena das Gegenteil von Nicole, die nach dem Wunsch ihres Ziehvaters Ralph Siegel „katholisch“ aussehen sollte, damals, 1982, auf der Bühne in Harrogate. Das aktuelle Duell heißt: „Ein bisschen Frieden“ gegen „Ein bisschen anders“. Lena – ein Popstar der bröckelnden Mittelschicht, dessen Seelenfrieden auch durch tiefe, nachhaltige Erlebnisse in der Glaubensgemeinschaft in Taizé gestärkt wird. Viele erleben Lenas Fähigkeit zur Selbsterdung, ihre Nonkonformität, als Wohltat im Heer der tief dekolletierten Showblondinen. Dass Lena eher Gesamtkörperinterpretin ist als Stimmwunder, dass ihr Englisch-Dialektmix in kein Schema passt – das erregt höchstens ein paar Puristen. Und dass sie über Privates schweigt, wurmt nur den Boulevard.

Pressekonferenz in Oslo. 2800 Journalisten sind akkreditiert. Eine RTL-Reporterin fragt, ob denn auch die Familie Lena in Oslo unterstützt. Lena weigert sich zu antworten: „Nööööööööt.“ Stefan Raab feixt: „Joa, muss Frauke Ludowig halt mal ohne so’n Käse auskommen.“ – RTL: „Familie ist also immer tabu?“ – Lena: „Mm-h.“ Ein paar Tage später versucht die RTL-Frau erneut ihr Glück: „Lena, hast du einen Glücksbringer?“ – „Ja“ – „Was denn?“ – „Sage ich nicht. Dann wirkt er nicht mehr.“

Es ist eine sehr moderne Interpretation der Starrolle, dass mit dem Ruhm nicht die Aufgabe der Persönlichkeit verbunden sein muss. Berühmtheit ist immer ein Angriff auf den Seelenfrieden. Das Publikum erdrückt Lena mit Liebe und sorgt sich gleichzeitig um ihre Natürlichkeit. Das ist ein kaum aufzulösender Widerspruch. Zwangsläufig bringt mediale Präsenz in dieser Penetranz Herausforderungen an die Persönlichkeit mit sich. „Das macht etwas mit dir, ganz klar“, sagte Stefan Raab am 12. März, nachts im „tv total“-Studio in Köln. Gerade hatte Lena den Vorentscheid gewonnen. Sie saß hinter der Bühne, sie versuchte, ihre Nerven wieder einzufangen, und sie hat geweint. Öffentlich zeigt sie diese Lena kaum, schon gar nicht in Oslo. Sie ließ jeden Journalisten fröhlich abtropfen, der sich vorsichtig nach den Dämonen in ihrem Keller erkundigte, nach den Ängsten, den diese große Sache doch auslösen muss, nach den Lena-Hassern und liebeskranken Fans im Internet und den älteren Herren mit merkwürdigem Ausdruck in den Augen.

Und dann sagt sie doch, dass der Hype nicht spurlos an einem vorübergeht. Dass das keinen Spaß macht, wenn RTL eine dumme, harmlose Nacktbadeszene aus dem Archiv kramt, um sie als Fernsehluder abzustempeln. Auch die Seele fordert ihr Recht ein. „Nachts im Hotelzimmer oder im Zug nach Hause oder im Gespräch mit Freunden und der Familie – da kann man alles abladen, was man erlebt hat“, sagt sie. Sie war krank zwischendurch, und man sagt ja, dass der Körper sich meldet, wenn es der Seele zu viel wird. Vielleicht war es aber auch nur eine simple Erkältung.

Ein Segelschiff im Oslofjord. Pressetermin. Lena singt „Ohne Dich“ von der Münchener Freiheit im Duett mit dem Norweger Didrik Solli-Tangen. Sie lacht, sie hat Spaß. Danach: Fotos an der Reling. „Reicht?“, fragt sie. Reicht nicht. Sie muss sich über die Reling beugen wie Leonardo DiCaprio in „Titanic“. „Halt dich fest“, sagt ihre Begleiterin.

Halt dich fest. Es war ein schneller, heißer Ritt von „Mechthild, der Meerjungfrau“ – einem unschuldigen Liedchen, dass sie einst mit Kumpel und Gitarrist Holger als eine Hälfte des Spaßduos „Stenorette 2080“ aufnahm – bis zu „Satellite“. Und es ist persönlich ein ziemlicher Spagat zwischen Taizé und RTL-Swimmingpool-Fernsehen. Vielleicht ist auch das eine Erklärung für ihren Erfolg: dass sie eben nicht nur höhere Tochter ist, sondern auch Rebellin, dass sie sich bestens zurechtfindet zwischen trashigen Internetclips, Tim-Burton-Filmen, RTL-Soaps, klassischen Opern und Nischenpop, dass die Überdrehtheit von Fans und Medien sie nicht erschreckt, sondern amüsiert.

Und Sonnabendnacht? Wenn die Scheinwerfer verloschen sind? Kann sie dann noch zurückkehren in ihr altes Leben, das sich „aufgespalten“ hat in eine Medien-Lena und eine Lena-Lena? Gibt es die alte Lena-Lena überhaupt noch? Sie hat darauf mit einem Gleichnis geantwortet. „Mein Leben ist ein Weg, eine Allee“, hat sie gesagt. „Und jedes Erlebnis ist ein Bäumchen. Und die Bäumchen wachsen. Manche wachsen schneller, manche langsamer, manche werden noch in der Vergangenheit größer und bedeutender. Und Oslo ist ein ziemlich großer Baum. Er wird immer größer sein als die anderen. Aber er ist halt wirklich nur ein Baum auf meinem Weg.“

Es wird weitergehen für sie. Sie träumt von einem Bauernhof, von einem Studium an der Schauspielschule, von einem sehr großen Hund. Sie kann das immer noch: träumen.