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Lena - Unser Grand-Prix-Star Wahnsinn: Lena gewinnt in Oslo
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14:28 30.05.2010
Die Siegerin: Lena Meyer-Landrut hat den Eurovision Song Contest in Oslo gewonnen. Quelle: dpa

Irgendwann machte sich eine seltsame Stille breit. Es war fast Mitternacht in Norwegen, und die Deutschen in Oslo verstummten. Plötzlich herrschte Ruhe. Andächtiges Schweigen. Breites Lukas-Podolski-Grinsen. Kopfschütteln. Große Augen. Sollte es tatsächlich …? Könnte es …? Haben wir …? Nur ganz langsam verstanden sie, was da gerade passierte. Manchen weinten. „Unfassbar“, murmelten sie. „Wahnsinn“.

Es war eine Nacht für die Ewigkeit – und eine Wohltat für die geschundene Grand-Prix-Seele, die ja doch immer ein bisschen stellvertretend steht für das nationale Befinden. Ein fernes Echo von „Wir sind wieder wer“ waberte durch die Telenor-Arena. Und auf der Bühne feierte, tanzte und irrlichterte die 19-Jährige Lena Meyer-Landrut. Auch Europa hatte ihre berühmte „Lenahaftigkeit“ verstanden und das Mädchen spontan ins Herz geschlossen – so wie zuvor die Deutschen. Die Show von Oslo wurde zum Lenavision Song Contest.

Was im September 2009 mit einem kleinen Auftritt in einer Castingbox in Köln begann, endete in der Nacht zum Sonntag mit einem Triumph auf der europäischen Bühne, den viele erhofft, ersehnt – aber doch nicht klar erwartet hatten. Um 00.11 Uhr stand fest: Es ist geschafft.

„Ich flippe aus!“, rief Lena noch während der Show. „Es fühlt sich unglaublich toll an. Ich hätte niemals gedacht, dass mir so etwas passieren könnte.“ Und dann sang sie ihren Hit, „Satellite“ der nun ein Klassiker ist, den sie wohl ihr Leben lang singen wird, ein zweites Mal. Staunend, sprachlos, ungläubig stand sie auf der Bühne, bevor die Musik einsetzte. "Das ist sooo verrückt!", staunte sie während ihres Siegerauftritts.

Mit tiefrotem Lippenstift, in einem schlichten, schwarzen Kleid, gelang es ihr während ihres Drei-Minuten-Siegeszuges, gleichzeitig souverän und spontan zu wirken. Kraftvolle Stimme, keine Pannen, Jubel in der Halle. „Immer, wenn's drauf ankommt, bin ich gut“, sagte sie später. „Das war schon bei ,Unser Star für Oslo' so.“ Am Ende der Show glitzerten kleine Tränen in ihren Augenwinkeln. Und anders als während der Proben zeigte der norwegische TV-Regisseur nicht mehr nur seine schöne, große, bunte Bühne, sondern endlich auch mal Lenas lächelndes Gesicht – und ihren Flirt mit dem Publikum. Der gab am Ende den Ausschlag.

Lena war ein Lichtstrahl der Moderne zwischen all den sekundengenau duchinszenierten Miniopern klassischer Grand-Prix-Prägung und güldenen Balladen. Die ersten drei Punkte kamen aus Rumänien, zwölf dann aus Dänemark, Estland, Finnland, Lettland, Norwegen, Schweden, der Schweiz, der Slowakei und Spanien. Keine Punkte für Lena gab es nur aus Weißrussland, Georgien, Moldawien, Armenien und - überraschend - aus Israel. Nach einem Drittel der Stimmen lag Lena schon deutlich vorn. Und Deutschland stellte fest: Nein, wir sind nicht automatisch Letzter. Mit dem richtigen Lied und der richtigen Künstlerin bekommen sogar wir Punkte. In Oslo starb die Legende vom ungeliebten, großen Land, dem die Nachbarn nur Übles wünschen. „Die Deutschen können ja feiern!“, staunte ein spanischer Journalist.

Bis zuletzt hatte Lena mit „Satellite“ bei den Buchmachern auf Platz zwei, bei den 2700 Grand-Prix-Journalisten in Oslo auf Platz drei und in den Herzen von Millionen deutschen Zuschauer auf Platz eins gestanden. „Ich will in die Top Ten“, hatte sie vorher gesagt. Sie hat ihr Soll damit mehr als übererfüllt. Sie erhielt 246 Punkte, auf Platz zwei folgten die Türkei (170) und auf drei Rumänien (162). Ganz deutlich: Der Wettbewerb ist im Umbruch. Zwischen klassischer Grand-Prix-Ware aus Rumänien, Dänemark (149 Punkte, Platz 4) und Aserbaidschan (145/5) findet sich zunehmend moderner, frischer Pop, etwa aus der Türkei oder Belgien (143/6). Ganz hinten landete wie prognostiziert der Engländer Josh Dubovie.

Schon vor der Sendung wirkte Lena ausgesprochen entspannt, sang 30 Minuten vor der Show noch ganz locker mit Stefan Raab „Seven Nation Army“ von den White Stripes fürs ARD-Publikum. „Ich freu mich drauf, das wird ein Spaß.“

Einen klaren Favoriten hatte es nicht gegeben in diesem Jahr. Und so hatten sich viele Hoffnungen gemacht: die Serben mit Milan Stankovics Balkanpopnummer „Ovo Je Balkan“ (82 Punkte, Platz 13), die Griechen mit ihrem „OPA!“-Partybrüller (140 Punkte, Platz 8), die isländische Chanteuse Hera Björk (41 Punkte, Platz 19) mit ihrer auf französisch vorgetragenen Ballade „Je ne Sais Quoi“. Es war ein vergleichsweise aufregungsloser Grand-Prix-Abend – mal abgesehen vom fast grenzenlosen Hype in Deutschland um das Lena-Märchen: kein künstlerischer Totalausfall war dabei (England war knapp dran), kein Comedy-Irrsinn, kein Sexskandälchen.

Wegen eines katalanischen „Streakers“ (Flitzers) mit roter Mütze namens „Jimmy Jump“ alias Jaume Marquet Cot, der während des Auftritts des Spaniers Daniel Diges auf die Bühne stürmte und sich artig in die Choreographie einreihte, durfte Diges ganz am Ende der Show ein zweites Mal auftreten – allein, es half ihm nichts.

Und die Moderatoren? Glatt, leer, langweilig. Was war das für ein seltsamer Pizza-Mikrowellen-Gag? Überhaupt wirkte das Rahmenprogramm merkwürdig steril, wie lustlos und billig am Computer generiert. Da war dann doch zu sehen, dass das norwegische Fernsehen die Kosten von 25 Millionen nur mit knapper Not stemmen konnte und vieles einsparte: Videoeffekte, Feuerwerk, originellere Einspielfilme. Wer hätte gedacht, dass ein „pfffft“ aus der Windmaschine so teuer ist? Einzig der europaweite Flashmob-Tanz nach der Abstimmung war eine nette Idee – von tausenden tanzenden Hamburgern auf der Reeperbahn bis hin zu einem einzelnen Mann, der einsam auf einem Felsen in der Nordsee tanzte.

Alles zweitrangig. Die ARD verzeichnete mit 14,69 Millionen Zuschauern (Marktanteil: sensationelle 49,1 Prozent)einen 20-Jahres-Rekord für den ESC. 2009 hatten nur 7,36 Millionen Menschen zugeschaut. Das Lena-Märchen ist in eine neue Dimension vorgestoßen. Europa wartet auf sie. „Surreal“, sei das alles, sagt sie. Und dann wieder dieser Satz, den man inzwischen auf T-Shirts drucken sollte: „Ich bin doch nur Lena.“

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