Menü
Hannoversche Allgemeine | Ihre Zeitung aus Hannover
Anmelden
Panorama Ali B. sollte das Sorgerecht verlieren
Nachrichten Panorama Ali B. sollte das Sorgerecht verlieren
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
22:02 08.12.2011
Von Thorsten Fuchs
Das Jugendamt wollte den Eltern das Sorgerecht entziehen – das hatte der Vater wenige Tage vor der Tat erfahren.
Das Jugendamt wollte den Eltern das Sorgerecht entziehen – das hatte der Vater wenige Tage vor der Tat erfahren. Quelle: dpa
Stolzenau

„Die Nachricht von dem Antrag hat den Vater fertiggemacht“, sagte ein Flüchtlingsberater des Diakonischen Werks, der die Eltern seit einem halben Jahr betreute. Der Vater, Ali B., ist unterdessen weiter auf der Flucht. Die Polizei vermutet, dass er sich möglicherweise ins Ausland absetzen will.

Der 35-jährige Iraker hatte seine Tochter Souzan am Montag in Stolzenau im Landkreis Nienburg auf offener Straße mit mehreren Schüssen getötet. Die in Nienburg lebenden Eltern und ihre Tochter hatten sich dort zu einem Vermittlungsgespräch in einer pädagogischen Praxis getroffen. Dabei hatte sich Souzan B. jedoch erneut geweigert, zu ihren Eltern zurückehren. Die 13-jährige Realschülerin lebte seit einem halben Jahr in einer betreuten Einrichtung im Landkreis Diepholz.

Begonnen hatte das Familiendrama offenbar am 11. Juni. An diesem Tag flüchtete Souzan B. nach Angaben des Flüchtlingsberaters Peter Jilani zu einer deutschen Freundin in der Nachbarschaft. Deren Mutter wiederum ließ den später herbeieilenden Ali B. nicht herein und rief die Polizei, die wiederum das Jugendamt einschaltete.

Gegenüber den Behörden gab Souzan B. an, sie sei von ihrem Vater geschlagen worden. Auslöser des Streits waren laut Jilani unterschiedliche Vorstellungen über ihre Rolle in der Familie. Die Eltern, jesidische Kurden mit sehr traditionellem Frauenbild, erwarteten von Souzan umfangreiche Mithilfe im Haushalt. Die 13-Jährige wollte jedoch ungern auf ihre drei jüngeren Brüder aufpassen, sondern sich lieber mit Freunden treffen. Einen festen Freund habe sie aber nicht gehabt.

Die Schilderungen Jilanis zeichnen das Bild einer wachsenden Entfremdung zwischen Tochter und Eltern. Souzan ging zur Realschule, war Mitglied im Judo-Klub und in der Feuerwehr, distanzierte sich mehr und mehr von der Welt ihrer Eltern. „Sie war ein waches, hinterfragendes Kind und wollte als Deutsche akzeptiert werden“, sagt Jilani. Der Vater hingegen, der als Aushilfe in einem Imbiss arbeitete und nur gebrochen Deutsch spricht, suchte offenbar Halt in der Kultur seiner Vorfahren. Nachdem das Jugendamt ihm das Sorgerecht entziehen wollte, sei der zuvor friedliche Ali B. auch ihm gegenüber erstmals verbal aggressiv aufgetreten, sagte Jilani.

Jilani wirft der Behörde vor, das Mädchen vorschnell von ihrer Familie getrennt zu haben. Außerdem sei es dem Amt in den sechs Monaten nicht gelungen, Eltern und Tochter wieder einander anzunähern. Der Landkreis weist die Kritik zurück: „Die grausame Tat beweist, dass die Inobhutnahme richtig war“, heißt es in einer Erklärung.

Nach Auffassung der Polizei hat Ali B. die Tat nicht spontan begangen, sondern ebenso wie seine Flucht zuvor geplant. B.s Auto hatten die Ermittler am Dienstag in Minden gefunden, dann aber seine Spur verloren. Am Donnerstag veröffentlichte die Polizei deshalb erstmals Fotos des Gesuchten. Zugleich warnte sie davor, sich ihm zu nähern. Da er möglicherweise noch bewaffnet ist, solle man unauffällig die Polizei rufen.

08.12.2011
08.12.2011