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Panorama Alkoholpanscher kommen vor Gericht
Nachrichten Panorama Alkoholpanscher kommen vor Gericht
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19:31 01.12.2009
Quelle: Kris Finn (Archiv)
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Auf ein paar unbeschwerte Tage hatten sich die elf Schülerinnen und Schüler einer Lübecker Berufsschule gefreut. Ihre Klassenfahrt Ende März dieses Jahres führte sie ins Hotel Anatolia Beach nach Kemer an der türkischen Riviera. Doch für drei Jungen endete die Reise tödlich: Nach dem Genuss von gepanschtem Wodka starb ein 21-jähriger Schüler noch im Hotel. Zwei seiner Klassenkameraden, 17 und 19 Jahre alt, wurden zwar noch mit einem Ambulanzflugzeug nach Deutschland gebracht. Aber nachdem sie eine Woche in der Lübecker Uni-Klinik im Koma gelegen hatten, starben auch sie. Die Diagnose: Methanolvergiftung.

Acht Monate später beginnt nun in der Türkei die juristische Aufarbeitung der Ereignisse. Die Staatsanwaltschaft von Antalya will 13 Beschuldigte vor Gericht bringen. Sie sollen an der Herstellung und dem Verkauf des gepanschten Alkohols beteiligt gewesen sein und müssen sich nun wegen Totschlags verantworten. Ihr Prozess soll am 26. Januar beginnen. Bei einem Schuldspruch drohen ihnen Haftstrafen zwischen fünf und 20 Jahren.

Nachdem einige Schüler bereits während der ersten Tage ihres Aufenthalts in Kemer reichlich dem Alkohol zugesprochen hatten, erließ der Klassenlehrer ein Alkoholverbot für die Gruppe. Trotzdem kauften mehrere Schüler tags darauf an der Hotelbar eine Flasche Wodka, die sie mit aufs Zimmer nahmen. Was die Jungen nicht ahnten: Der Alkohol war mit Methanol gestreckt – eine Chemikalie, die schon in geringen Mengen zur Erblindung und zum Tod führen kann. Vier Schüler, die von dem tödlichen Alkoholgemisch getrunken hatten, konnten von türkischen Ärzten im Krankenhaus von Antalya gerettet werden: Man flößte ihnen den türkischen Nationalschnaps Raki ein. Alkohol gilt als bestes Gegenmittel bei Methanolvergiftungen, er neutralisiert das Gift im Körper.

Für den 21-jährigen Schüler kam jede Hilfe zu spät. Auch bei seinen beiden im Koma nach Deutschland geflogenen Klassenkameraden stellten die Ärzte nach einer Woche den Hirntod fest. Zehn Tage nach dem tödlichen Trinkgelage nahm die Polizei den Chefeinkäufer des Hotels und den zuständigen Manager fest. Zuvor hatten die Ermittler bei Alkoholproben in den Bars und Lagerräumen des Hotels Anatolia Beach hohe Methanolanteile festgestellt. Ende April konnten die Fahnder auch den untergetauchten Lieferanten des gepanschten Alkohols stellen: Er wurde mit seinem Bruder nach einem Schusswechsel in der südtürkischen Stadt Manavgat festgenommen.

In der Türkei gab es bereits mehrfach Todesfälle durch vergifteten Alkohol. So starben 2005 in Istanbul mindestens 17 Menschen, nachdem sie gepanschten Raki getrunken hatten. Wegen der hohen Alkoholsteuern in der Türkei gilt das Schnaps-panschen als lukratives Geschäft. Vor allem die Touristenregion um Antalya gilt als Hochburg der Panscher.

von Gerd Höhler