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Panorama Ameland-Opfer werden ungeduldig
Nachrichten Panorama Ameland-Opfer werden ungeduldig
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19:57 30.01.2011
In dem umgebauten Bauernhof in Buren auf der Westfriesischen Insel Ameland sollen die Missbrauchsfälle passiert sein. Quelle: dpa (Archiv)
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Osnabrück. Mehr als sechs Monate sind vergangen, seitdem in Osnabrück bekannt wurde, dass in einem Ferienlager des Sportbundes Kinder sexuell misshandelt worden waren. Doch bis heute liegt das Ergebnis der Ermittlungen von Polizei und Staatsanwaltschaft nicht vor. Eltern und Kinder werden nun ungeduldig: „Das ist eine Verhöhnung“, sagt im Gespräch mit der HAZ eine Mutter, deren Junge an dem Ferienlager teilnahm und dort schlimmste Übergriffe beobachten musste. Die Untersuchung der Vorfälle im Haus „Silbermöwe“ auf der niederländischen Insel Ameland zieht sich hin. „Das nervt mich total“, sagt die Mutter. Die Ermittler bitten um Geduld: „Es gibt nichts Neues“, erklärt auf Anfrage der Pressesprecher der Staatsanwaltschaft, Alexander Retemeyer.

Rückblick: Am 8. Juli 2010 kehren Kinder und Jugendliche zurück nach Osnabrück. 14 Tage waren sie in einem Ferienlager des Stadtsportbundes auf der Nordseeinsel Ameland. Bereits einen Tag später erscheint die Mutter eines der Teilnehmer auf der Polizeiwache und berichtet Ungeheuerliches: In dem mit 39 Kindern belegten Schlafsaal des Hauses „Silbermöwe“ wurden die jüngeren unter den Jungen von einigen Älteren in die Mitte des Raums gezerrt. Dort wurden ihnen die Hosen herunter gezogen. Dann versuchten die Täter den Kindern Cola-Flaschen oder Besenstiele in den After zu schieben. Derartiges muss sich mehrfach wiederholt haben in dem oft überheißen Schlafsaal direkt unter dem Dach. Einige der Jungs versuchten zu fliehen. Andere versteckten sich unter Betten, hielten sich verängstigt aneinander fest, um den Quälereien durch die Älteren zu entgehen. Das Wort „Fisten“, so stellt sich später heraus, machte in dem Lager die Runden. Wer diesen Begriff in eine der Suchmaschinen des Internets eingibt, der bekommt rund 298.000 Antworten. Schon der erste Blick auf die Ergebnisliste müsste einen Betreuer von Jugendfreizeiten alarmieren. Viel ist dort von Pornografie die Rede. Warum Lagerleitung und Betreuer auf Ameland nicht eingriffen, das ist bis heute nicht geklärt.

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Direkt nachdem sich die ersten Eltern bei der Polizei gemeldet hatten, beginnen die Ermittler mit ihrer Arbeit. Als Staatsanwaltschaft und Polizei wenig später die Öffentlichkeit informieren, rückt Osnabrück für einige Tage in den Mittelpunkt des Medieninteresses. Fernsehteams reisen an. Und die Reporter überregionaler Tageszeitungen schreiben ganzseitige Hintergrundgeschichten über die Geschehnisse im Haus „Silbermöwe“.

Mittlerweile ist längst wieder Ruhe eingekehrt. Andere Kriminalfälle und Unglücke beherrschen die Schlagzeilen. Die Ermittler gehen unterdessen von zehn Beschuldigten aus dem Ferienlager aus. Zwei von ihnen waren selbst Opfer, bevor sie offenbar zu Tätern wurden. Und auch einige der ehrenamtlichen Betreuer geraten in den Blick von Polizei und Staatsanwälten. Sie haben womöglich ihre Aufsichtspflicht nicht wahrgenommen. Es soll rau hergegangen sein in dem Lager. Teilnehmer berichten von Liegestützen, zu denen Kinder durch ihre Betreuer verdonnert wurden, wenn es im Schlafsaal zu laut geworden war. Mädchen wurden laut den Berichten gezwungen, mit der Nagelschere den Rasen neben dem Haus zu schneiden.

Für die Ermittler ist es offenbar nicht leicht, sich ein klares Bild von den Taten im Schlafsaal zu verschaffen. Zeugenaussagen widersprechen sich. Derzeit, so die Auskunft der Polizei, würden noch Betreuer vernommen. Unterdessen spricht einer der Rechtsanwälte der beschuldigten Jugendlichen von „überschießender Pubertät“ im Ferienlager.

Die Mutter im Gespräch mit der HAZ ist empört: „Durch solche Zweifel werden die Opfer ein zweites Mal misshandelt und die Täter geschützt“, sagt die Frau und bekräftigt noch einmal: „Mein Sohn hat das wirklich gesehen.“ Zweimal ist der damals 13-Jährige von der Polizei ausführlich befragt worden. Zuletzt im Herbst. Seitdem haben Mutter und Sohn von den Ermittlern nichts mehr gehört.

Bernhard Remmers

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