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Panorama Amerikanischer Offizier tötet Kameraden
Nachrichten Panorama Amerikanischer Offizier tötet Kameraden
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21:32 06.11.2009
Der Schock sitzt tief: John Rossi (links) und Steven Braverman von der Militärbasis in Texas suchen nach Erklärungen. Quelle: afp
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„Allah ist groß“ soll der Schütze des Amoklaufes auf der texanischen Militärbasis Fort Hood gerufen haben, bevor er methodisch und kaltblütig seine Kameraden ins Visier nahm. Dies und der arabische Name des in den USA geborenen Täters Nidal Malik Hasan haben viele in den USA zusammenzucken lassen. Sollten hinter dem Blutbad terroristische Absichten stehen?

Bisher haben die Ermittler keine Hinweise darauf. 13 Menschen hat der muslimische Offizier auf dem größten Militärstützpunkt in den USA in Fort Hood (Texas) getötet. 30 Menschen wurden teils schwer verwundet. Erst die Kugeln einer zivilen Polizistin konnten den 39-jährigen Militärpsychiater stoppen, der in wenigen Wochen in den Auslandseinsatz entsandt werden sollte. Nach Mitteilung einer Armeesprecherin sollte er nach Afghanistan versetzt werden.

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Amerika rätselt: War es Angst vor dem Einsatz, Hass aufs Militär, Lebensfrust oder doch religiöse Verblendung? Warum wurde Hasan zum Mörder an Soldaten, denen er eigentlich helfen sollte?

Nichts deutet auf das schlimmste Blutbad auf einem amerikanischen Stützpunkt hin, als der Mann aus Virginia am Donnerstag um die Mittagszeit plötzlich das Feuer eröffnet. Gekleidet in seine Uniform schießt der Mann auf Soldaten, die in einem Gebäude auf medizinische Untersuchungen warten. Er hat zwei zivile Pistolen in der Hand, eine davon halbautomatisch. Für Kampfeinsätze trainierte Soldaten werfen sich schützend über Kameraden und versuchen, sie außerhalb des Gebäudes in Sicherheit zu bringen. Hasan verfolgt sie und schießt weiter. Als nach wenigen Minuten alles vorbei ist, heulen Sirenen. Unverletzt gebliebene Soldaten reißen sich Stoffstreifen aus der Uniform, um Verletzte zu verbinden. Andere sichern die Tür zu einer Halle, in der gerade 140 Soldaten ihre Abschlusszeugnisse feiern.

Maria Treviño, die in Fort Hood im ärztlichen Zentrum arbeitet, telefonierte gerade mit dem Lagezentrum des Stützpunktes, als die ersten Schüsse fielen. „Sie fingen an zu schreien: Lasst ihn nicht rein, lasst ihn nicht rein, die schießen auf uns“, erzählt sie. „Ich betete, dass sie nicht verletzt werden.“ Ein vom Anblick der Verwundeten schockierter Offizier berichtete: „Ich habe im Krankenhaus einen jungen Mann gesehen, der gleich vier schwere Schusswunden mit einer großkalibrigen Waffe erlitten hat. Es war schrecklich.“ Der Täter wurde schließlich von einer Polizistin mit vier Schüssen niedergestreckt. Am Freitag lag er bewusstlos in einem Krankenhaus, die Ärzte bezeichneten seinen Zustand als stabil. Auch die Polizistin erlitt US-Medien zufolge Verletzungen.

Was Hasan zu seiner Tat getrieben hat, dazu gibt es bisher nur Vermutungen. Hasan soll über seinen bevorstehenden Einsatz verzweifelt gewesen sein. Daneben könnte Unmut gegenüber der amerikanischen Politik eine Rolle gespielt haben. US-Präsident Obama versprach, dass nach Antworten ??für jede einzelne Frage dieses schrecklichen Geschehens“ gesucht werde. „Es ist schwer genug, wenn wir tapfere Amerikaner bei Schlachten in Übersee verlieren“, sagte der Präsident. „Aber es ist absolut schrecklich, wenn sie auf einer Armeebasis auf amerikanischem Boden unter Beschuss kommen.“

Die Dachorganisation der Muslime in den USA verurteilte das „schändliche Geschehen.“ Angehörige des Täters zeigten in einer Erklärung ihre tiefe Erschütterung. „Unsere Familie liebt Amerika“, schrieben sie.

Hasan, der sich selbst als Palästinenser bezeichnete, aber die US-Staatsbürgerschaft hat, war seit 14 Jahren beim Militär. Er hatte 2007 seine Ausbildung zum Psychiater in einem großen Armeehospital in der Nähe von Washington abgeschlossen. Bekannte und Verwandte zeichnen das Bild eines Soldaten, der zwar die Kriege im Irak und in Afghanistan kritisierte, der aber trotzdem ein loyaler Amerikaner war.

Eine Tante des 39-Jährigen, Noel Hasan, sagte der „Washington Post“, dieser sei seit den Anschlägen vom 11. September 2001 wegen seines Glaubens immer wieder schikaniert worden. Der Imam von Hasans Moschee während seiner Washingtoner Zeit schilderte ihn als frommen, aber nicht fanatischen Muslim: „Ich weiß nicht, was durch seinen Kopf gegangen ist“, sagte Faizul Khan vor Journalisten. „Es war nichts Extremistisches in seinen Fragen. Er hat nie irgendeine Frustration gezeigt.“ Ein ehemaliger Militärkamerad sagte, dass Hasan den Krieg im Irak für falsch hielt. Hasan habe aber betont, dass er als Soldat den Befehlen seines Oberkommandierenden folgen müsse. Er habe die Hoffnung geäußert, dass Präsident Obama die Kriege bald beenden werde.

Eine große Rolle scheinen persönliche Ängste gespielt zu haben. In seiner Tätigkeit als Armeepsychologe hatte der erst in diesem Jahr nach Fort Hood versetzte Hasan viel mit Soldaten zu tun, die ihre Erlebnisse nicht verkraftet haben. „Er war geradezu gelähmt von dem Gedanken, dass er ausrücken müsste“, sagte sein Vetter Nadar Hasan der „New York Times“. „Ihm haben die Leute jeden Tag erzählt, welche schrecklichen Dinge sie dort erleben.“ Sein Vetter habe alles versucht, um die Stationierung zu vermeiden.

Das Pentagon berichtete, dass der Täter gegenüber Vorgesetzten angedeutet hatte, wie sehr ihn der bevorstehende Einsatz aufwühle. Hasan war zuvor noch nie außerhalb der USA stationiert gewesen. Nach Angaben von Verwandten wollte er die Armee verlassen und hatte angeblich sogar angeboten, der Armee die Kosten für seine medizinische Ausbildung zurückzuzahlen. Doch die Streitkräfte hätten ihn nicht ziehen lassen wollen. Andere sagten, er sei aus finanziellen Gründen in der Armee geblieben. „Einige können es ertragen, andere nicht“, sagte Noel Hasan. „Er hat sich das alles angehört, und er wollte raus aus dem Militär.“ Zum möglichen Motiv der Bluttat sagte sie: „Er muss einfach durchgedreht sein.“

Hasan war nach Aussagen von Verwandten und Bekannten ein Einzelgänger, hatte auch keine Freundin. „Er hat nie schnell Freundschaften geschlossen“, berichtet seine Tante. In der Moschee in Silver Spring habe er nach einer Partnerin Ausschau gehalten, sagte der frühere Imam Kahn. „Er hatte aber zu viele Bedingungen. Er wollte eine Frau, die sehr religiös ist und fünfmal am Tag betet.“ Auch habe er sich geweigert, mit Frauen fotografiert zu werden.

Laut „New York Times“ untersucht die Bundespolizei FBI Blogeinträge im Internet, die möglicherweise von dem Täter stammen. Darin debattiert ein Mann, der sich Nidal Hasan nennt, über Selbstmordanschläge und findet dafür positive Argumente. So vergleicht er das Heldentum eines Soldaten, der sich auf eine Granate wirft, um Kameraden zu schützen, mit einem Selbstmordattentäter, der sich für seine muslimischen Glaubensbrüder opfere.

Für das etwa 150 Kilometer südlich von Dallas gelegene Fort Hood kam das Blutbad völlig unerwartet. „Dies ist verrückt“, so zitiert die „Washington Post“ einen Armeejournalisten im Irak, der kurz nach der Schießerei verzweifelt versuchte, seine Frau in den USA zu erreichen: „Ich bin doch in der Kriegszone, nicht sie.“

Die Kriege im Irak und in Afghanistan haben die amerikanische Freiwilligenarmee bis zum Zerreißen angespannt. Während die Zeit im Ausland sich immer mehr verlängere, werde die Erholungsphase zu Hause immer kürzer, wird vielfach kritisiert.

Es ist nicht der erste Zwischenfall, bei dem Soldaten ihre Waffen gegen Kameraden gerichtet haben. Kurz vor Beginn der US-Invasion im Irak warf ein muslimischer Soldat eine Granate in ein Militärzelt, tötete zwei Offiziere und verwundete 14 Soldaten. Vor dem Militärgericht gab er an, dass er die Invasion habe stoppen wollen. Vor sechs Monaten hat ein Soldat in der psychiatrischen Abteilung eines Militärkrankenhauses in Bagdad fünf Soldaten und sich selbst erschossen. Danach versprach Stabschef Mike Mullen, dass die Armee „beim Thema Kriegsstress ihre Anstrengungen verdoppeln werde“. Im Juni griff ein zum Islam konvertierter Amerikaner in Arkansas Rekrutierer der Armee an und tötete einen von ihnen. Doch dies sind Einzelfälle. Während des Vietnamkriegs beispielsweise waren Gewalttaten von US-Soldaten untereinander um ein Vielfaches häufiger als heute.

von Andreas Geldner (mit dpa)