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Panorama Angeklagter Sex-Tourist gesteht hundertfachen Missbrauch
Nachrichten Panorama Angeklagter Sex-Tourist gesteht hundertfachen Missbrauch
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17:38 14.01.2011
Quelle: dpa
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Es ist ein erschütterndes Geständnis bisher fast ohne Reue: Über Jahre hinweg missbraucht ein HIV-infizierter Sextourist hundertfach junge Mädchen in Thailand, verschweigt ihnen seine Krankheit und führt Buch über seine ständig wechselnden Kontakte. Das Landgericht Lüneburg stellte dem 65-Jährigen am Freitag im Gegenzug für sein Geständnis eine Strafe von höchstens neun Jahren Haft in Aussicht. Etlichen der gepeinigten Thaimädchen bleibt somit ein Auftritt vor Gericht erspart.

Er selbst sei erstmals 1995 nach Thailand geflogen, um einen Freund zu besuchen, sagt der Angeklagte. Obwohl er sich dort zwei Jahre später mit HIV infizierte, entschloss er sich, überwiegend in Thailand zu leben, auch weil er dort mit wenig Geld auskam. Es klinge wie Prahlerei, aber wenn er jeden Tag eine Frau, manchmal auch zwei gehabt habe, habe dies nicht mehr als zehn Euro gekostet, sagt der ehemalige Musiker vor Gericht. Alle drei Monate flog er nach Deutschland, um sich ärztlich untersuchen und mit Medikamenten versorgen zu lassen.

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Dreieinhalb Jahre lebte er bei Pattaya mit einem Mädchen in einem eheähnlichen Verhältnis, zahlte ihr monatliche Beträge, mit der sie ihrer Familie half. „Ich habe Thai gelernt. Mit der Familie verstand ich mich gut“, berichtet der Angeklagte. „Immer wenn sie zu ihrer Familie fuhr, habe ich die Gelegenheit genutzt und mich nach anderen Frauen umgeschaut“, gab er zu. Ein späteres Verhältnis zu einer 15-Jährigen hätten deren Eltern gebilligt.

Ein Freund habe ihn von Anfang an gewarnt, sich nicht mit Minderjährigen und Drogen einzulassen. „Ich wurde leichtsinnig, weil viele ältere Männer mit Mädchen am Strand herumliefen. Ich dachte, dann kannst du das auch. Das war ein Fehler“, meint er vor Gericht. Das Schicksal der Mädchen scherte ihn offenbar wenig, wie seine Aussagen vor Gericht zeigen - umso mehr dagegen sein eigenes skrupelloses Vergnügen. „Die Thailänderinnen verstehen es sehr gut, einem das Gefühl zu geben, im Alter von über 50 durchaus noch begehrt zu werden. Das schmeichelt einem.“

Das Gericht legt dem 65-Jährigen schweren Missbrauch in 403 Fällen zur Last. Weil er die Mädchen vor dem ungeschützten Sex nicht über seine Krankheit informierte, wird ihm außerdem versuchte Vergiftung vorgeworfen. Die Tragweite der Vorwürfe scheinen dem graumelierten, wortgewandten früheren Akkordeonspieler nicht bewusst zu werden. Thailand sei seine Welt gewesen, sagt er ungeniert auf der Anklagebank und schildert die dortige Kinderprostitution auch als Hilfe für arme Familien, die ihre Töchter an die Badestrände schicken, um Geld zum Überleben zu verdienen.

Mit dem Geständnis, das am nächsten Prozesstag noch weitergeht, wird das auf zwei Jahre angesetzte Verfahren abgekürzt und den zahlreichen Zeugen aus Thailand bleiben Anreise und Aussage erspart. Für eines der mutmaßlichen Opfer, ein zur Tatzeit 15 Jahre altes Mädchen, kommt dies zu spät: Sie hatte sich im Dezember in Pattaya aus einem Hochhaus gestürzt, kurz bevor sie nach Frankreich fliegen sollte, um dort gegen einen französischen Sextouristen auszusagen.

dpa