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Panorama Armin Mueller-Stahl feiert seinen 80. Geburtstag
Nachrichten Panorama Armin Mueller-Stahl feiert seinen 80. Geburtstag
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22:33 16.12.2010
Von Stefan Stosch
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Als er knapp 60 war, begann Armin Mueller-Stahl eine neue Karriere. Es war seine dritte. Zuvor war der im ostpreußischen Tilsit geborene Sohn eines Bankangestellten in der DDR ein Star gewesen, später dann in der Bundesrepublik. Nun führte ihn sein Weg schnurstracks nach Hollywood – obwohl er damals kaum Englisch sprach und nach eigenem Bekunden immer nur nickte, „als ob ich alles verstehen würde“. So lautmalerisch hörte sich sein Englisch auch an.

Die Filme, in den er in den folgenden Jahren mitwirkte, würden anderen schon für ein ganzes Schauspielerleben reichen. Mueller-Stahl spielte beispielsweise den NS-Kriegsverbrecher in Constantin Costa-Gavras „Music Box – Die ganze Wahrheit“ (1989), den radebrechenden Taxifahrer und Exclown Grokenberger in Jim Jarmuschs Kultfilm „Night on Earth“ (1991), den ehrgeizigen Pianistenvater von David Helfgott in „Shine“ (1997) oder den russischen Patriarchen in David Cronenbergs „Tödliche Versprechen“ (2007). Im Vorjahr war er in Tom Tykwers Thriller „The International“ als Strippenzieher auf Banketagen zu sehen und auch als Strippenzieher im Kardinalsgewand im Dan-Brown-Thriller „Illuminati“.

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Im Nachhinein scheint dieser Werdegang ganz selbstverständlich, aber ein Schauspieler, der so etwas schafft, muss sich wohl zuvor schon ein Urvertrauen in seine Kunst erarbeitet haben. Man spürt etwas davon, wenn man Armin Mueller-Stahl gegenübersitzt und in diese blass-blauen Augen schaut, die so stechend ­blicken können. Da ist eine freundliche Zurückgenommenheit, eine Konzentra­tion auf sich selbst. Von der „Getriebenheit“ in seinem Leben, von der Mueller-Stahl gelegentlich spricht, keine Spur.

Über das Theater am Schiffbauerdamm – nach einem Vorstellungsgespräch bei Helene Weigel – kam der gelernte Konzertgeiger zur Defa. „Fünf Patronen­hülsen“ (1960), Frank Beyers Drama über den Spanischen Bürgerkrieg, machte ihn bekannt. Mit Filmen wie „Nackt unter Wölfen“ oder „Jakob der Lügner“ wurde er berühmt. Seine Paraderolle war der Anti-James-Bond in der Fernsehserie „Das unsichtbare Visier“ – die er seinerseits aufkündigte, als sein Spion immer mehr in politischem Auftrag fürs sozialistische System unterwegs war.

Schon diese Absage wurde ihm übel genommen, erst recht dann die Unterschrift unter die Resolution gegen die Ausbürgerung des Liedermachers Wolf Biermann. Von nun an wurde Mueller-Stahl vom Regime kaltgestellt und zur Unperson erklärt. Es gab kaum mehr Rollen für den Schauspieler, der zuvor fünfmal hinter­einander zum beliebtesten der DDR gekürt worden war. Seine Übersiedlung nach West-Berlin 1980 musste er mit ­einem Brief an Erich Honecker geradezu erbetteln.

Im Westen holte sich Mueller-Stahl quasi aus dem Stand den Bundesfilmpreis in Rainer Werner Fassbinders „Lola“ (1981). Doch waren dem Erfolg wohl auch unschöne Szenen vorausgegangen: Fassbinder hatte versucht, Mueller-Stahls Honorar auf die Hälfte des üblichen Satzes zu drücken.

Bald schon weitete der Schauspieler sein Engagement auf ganz Europa aus. Er trat auf in István Szabós „Oberst Redl“, in Andrzej Wajdas „Eine Liebe in Deutschland“ oder auch in Agnieszka Hollands „Bittere Ernte“. Der Weg nach Hollywood für den europaweit bekannten Charakterdarsteller, der seit mehr als 35 Jahren in zweiter Ehe mit der Hautärztin Gabriele Scholz verheiratet ist, war bereitet.

Trotz all dieser Erfolge schaut Mueller-Stahl nicht rundum zufrieden auf sein nunmehr achtzig Jahre währendes Leben zurück. Da ist auch ein gewisser Zweifel, womöglich die falschen Prioritäten gesetzt zu haben. Denn der Mann hat noch mehr Talente. Als Musiker und Maler, auch als Autor ist er heute unterwegs. Einmal hat er auch hinter der Kamera gestanden und Regie geführt, in seiner surrealen Hitler-Studie „Gespräch mit dem Biest“ (1996).

„Ich bin inzwischen ein Maler, der auch schauspielert, und nicht mehr ein Schauspieler, der auch malt“, sagt Armin Mueller-Stahl heute. Das müsste dann schon seine vierte Karriere sein. Mindestens.