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Panorama Behörde räumt im Fall Chantal Versäumnis ein
Nachrichten Panorama Behörde räumt im Fall Chantal Versäumnis ein
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18:23 27.01.2012
Foto: Schüler einer Hamburger Schule haben für Chantal Blumen, Gedenktexte und ein Foto ausgelegt.
Schüler einer Hamburger Schule haben für Chantal Blumen, Gedenktexte und ein Foto ausgelegt. Quelle: dpa
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Hamburg

Beim letzten Besuch des Jugendamts trägt Chantal noch ein Weihnachtsgedicht vor. Am 4. Januar war das, sagt der Leiter des Bezirksamts Hamburg-Mitte, Markus Schreiber (SPD). Zwölf Tage später ist das Mädchen tot, gestorben an einer Vergiftung mit der Heroin-Ersatzdroge Methadon. Das Kind lebte bei Pflegeeltern, beide drogenabhängig, beide in einem Methadon-Programm. Alles kreist nun um die brisante Frage: Wie kann es passieren, dass eine solche Familie unter Aufsicht der Hamburger Behörden gleich zwei Pflegekinder aufnehmen durfte?

„Wir vergeben Pflegeelternschaften nur an Familien, die nicht drogenabhängig sind", sagt Schreiber am Donnerstagabend in der Bezirksversammlung Mitte. Und räumt ein, dass dieser Grundsatz hier wohl nicht beachtet worden sei. Schließlich waren beide Eltern nach eigenen Angaben bereits seit Jahren in dem Methadon-Programm. In der Garage der Familie in Hamburg-Wilhelmsburg und im Spind des Vaters am Arbeitsplatz entdeckten die Ermittler Tabletten mit der Ersatzdroge. Die Pflegeeltern bekamen also genau das Medikament vom Hausarzt verschrieben, an dem ihr Pflegekind unter bisher ungeklärten Umständen starb.

Wieder ein totes Kind. Wieder in Hamburg. Und wieder unter dem Schutz der Behörden. Genau wie bei dem neun Monate alten Baby Lara Mia, das 2009 abgemagert bis auf Haut und Knochen starb. Dabei hatte Hamburg doch angeblich schon aus dem Fall Jessica gelernt. Die Eltern hatten die Siebenjährige 2005 qualvoll verhungern lassen. Ebenfalls in Erinnerung ist auch der Fall des zweieinhalbjährigen Kevin aus Bremen. Seine Leiche war 2006 im Kühlschrank seines drogenabhängigen Ziehvaters gefunden worden.

In Hamburg halten sich die zuständigen Behörden seit Chantals Tod bedeckt. Die Sozialbehörde will Fragen plötzlich schriftlich vorgelegt bekommen, beantwortet sie dann aber stundenlang nicht. Das Bezirksamt wiederum vertröstet auf Anfang nächster Woche. Bis dahin soll die Leiterin des Jugendamtes alle Informationen zusammengetragen haben. Sozialsenator Detlef Scheele (SPD) meldet sich überhaupt erst drei Tage nach Bekanntwerden der tödlichen Methadon-Vergiftung zu Wort - nachdem sein Chef, Hamburgs Bürgermeister Olaf Scholz (SPD), in Medien eine umfassende Aufklärung verlangt hat.

Doch vor einer politischen Bewertung steht die inhaltliche Aufarbeitung. Welche Voraussetzungen müssen Pflegeeltern mitbringen? Und wer entscheidet über ihre Auswahl? Zwei Pflegekinder hatte das Paar, das eigene Enkelkind und Chantal. 2005 teilt das Paar dem Bezirksamt Hamburg-Harburg - das damals für den Stadtteil Wilhelmsburg zuständig war - mit, es habe seine einjährige Enkelin in Obhut genommen, weil sich die Tochter nicht um das Mädchen kümmern könne. Das Jugendamt habe sich Pflegeeltern angeschaut und keine Anzeichen für Drogenkonsum entdeckt, sagte der Sozialdezernent des Bezirksamts Harburg, Holger Stuhlmann, mehreren Medien.

Die Kriterien bei einem Paar, bei dem die Eignung als Pflegeeltern geprüft wird, seien allerdings wesentlich härter als bei Großeltern, bei denen das Enkelkind bereits wohnt. Zwei Jahre später übergibt das Bezirksamt laut Stuhlmann die Betreuung der Familie dem freien Träger Verbund Sozialtherapeutischer Einrichtungen (VSE). Bevor Chantal 2008 als weiteres Pflegekind in die Familie kommt, ist die Akte schon beim Bezirksamt Mitte, zu dem Wilhelmsburg seit März 2008 gehört. Freie Träger übernehmen nach Angaben des Bezirksamts Mitte die Prüfung, ob Pflegeeltern geeignet sind; sie betreuen die Eltern und erstatten den Jugendämtern Bericht.

Aber wer wählt die Pflegeeltern letztlich aus? Das müsse nun genau geklärt werden, sagt Schreiber lediglich. Bürgermeister Scholz geht in der „Bild"-Zeitung einen Schritt weiter: „Ob das bei der Auswahl von Pflegefamilien weiter mit freien Trägern geht, ist bei der Prüfung des Falls Chantal mit zu erwägen." Schreiber betont, eine mangelhafte Betreuung - wie im Fall Lara Mia vermutet - sei nicht schuld an Chantals Tod. „Wir haben in der Familie insgesamt fünf Leute gehabt, die die aufgesucht haben. (...) Hier waren ganz viele da."

Warum aber dennoch nichts bemerkt wurde, nicht einmal, dass die Wohnung einen ziemlich desolaten Eindruck machte, lässt Schreiber offen. Für die CDU-Opposition ist der Umgang Schreibers mit Chantals Tod bereits jetzt skandalös. Nach dem Fall Lara Mia, für den Schreiber ebenfalls politisch verantwortlich war, wirft sie ihm ein „wiederholtes Führungsversagen" vor: „Der Eindruck verfestigt sich, dass Schreiber nicht Teil der Lösung, sondern Teil des Problems ist."

dpa/zo

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